Auf ein Bier mit Phil Collins: Szenen einer Messe

von Niklas Schmitt (17. März 2015)

0.

Für das Herz, dem Weh beschieden,

birgt dies Land wohl Trost und Frieden –

für den Geist, der in den Schatten

wandelt, hat es lichte Matten!

Doch wer nur hindurch will streifen,

lasse ja den Blick nicht schweifen;

— aus Edgar Allan Poe Traumland (übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger)

1. Erstkontakt

Zum ersten Mal las ich dieses Jahr von der Leipziger Buchmesse, als ich mal wieder in irgendeinem Zug saß. Ich kann nicht mehr sagen, ob es Kinder, Erwachsene oder ein Rentner-Kegelverein war, der mich von der vorgenommenen Buchlektüre abhielt, jedenfalls blätterte ich lustlos im Bahnmagazin, Ausgabe 02.15, und fand unter der mittlerweile reichlich strapazierten Heine-Überschriftvariation »Deutschland, ein Messe-Märchen« heraus, dass in Deutschland dieses Jahr 447 Messen stattfänden. Außerdem, dass die Messe in Leipzig, die »Mutter aller Messen«, vor 850 Jahren aus einem von der Stadt vor Konkurrenz geschützten Wochenmarkt entstand. Spannend das alles, ich las also weiter: »Die Manga-Comic-Convention in Leipzig kümmert sich um Literatur, die zeichnerisch und im Japan-Youngster-Look ihre Geschichten erzählt. Vom 12. bis 15. März, während nebenan die klassische Frühjahrs-Buchmesse abgehal…« Moment. So ist das also, wusst ich gar nicht, dass die Buchmesse mittlerweile bloß noch Anhängsel der Manga-Convention ist. Na gut, wird wohl so sein, wenns da so steht. In der Wochenendausgabe vom 7./8. März der Süddeutschen schreibt Michael Krüger, 71, von 1986 bis 2013 Chef des Hanser-Verlages und Mitherausgeber der Edition Lyrik Kabinett, »wo früher der Anblick des Minirocks über den sächsischen Schenkeln die Schikanen des Staatsapparats vergessen ließ, ist man heute mit Manga-Kostümen konfrontiert, die jedes noch so schöne Antlitz verhässlichen. Warum diese sonderbaren Gespenster sich ausgerechnet die Buchmesse für ihre sinistren tableaux vivants ausgesucht haben, kann keiner erklären.« Wobei ich das Problem nicht ganz verstehe, ob Minirock oder Sailor Moon-Kostüm die Blöße nur wenig bedecken, ist dem Auge letztlich doch egal. Vielleicht könnte er mal beim Bahnmagazin nachfragen, die scheinen den Durchblick zu haben.

2. Im Zug

Wenige Wochen später, genauer: Donnerstag, 12.3., 9.08 Uhr saß ich wieder im Zug, dieses Mal Richtung Leipzig. Das Bahnmagazin hatte bis auf ein Bild von einer als blaue Na’vi verkleideten Frau nichts zu bieten. Beruhigt las ich die Bildunterschrift: »Als Teil der Messe präsentiert die Manga-Comic-Convention die ›Cosplayer‹ als besondere Attraktion.« Damit wären die Verhältnisse also wieder hergestellt. Zur Vorbereitung blätterte ich ein wenig im ZEIT Literaturmagazin. Da eine Kritik von Jan Brandts neuem Buch Tod in Turin über seinen Besuch der Buchmesse ebenda. »Man kann sich ja raushalten. Man fährt einfach niemals zu Buchmessen und lässt sich auch sonst in der Öffentlichkeit nicht blicken,« steht als erster Satz der Kritik. Find ich gleich gut, weil ich nämlich, um ehrlich zu sein, nicht genau weiß, warum ich zur Buchmesse fahre. Zu Hause habe ich noch viel zu viele ungelesene Bücher rumliegen. Aber vermutlich genau deswegen, also nicht wegen der Bücher, das heißt, natürlich auch wegen der Bücher, aber wegen der Messe, weil da alles zusammenkommt, weil das so ein riesen Ding ist, dass sich mancher Schriftsteller davon fernhält von all den Menschen, den anderen Büchern, den Verlegern und Verlagsmenschen, den Preisverleihungen, den Journalisten mit ihren Interviews, Mikrophonen und Kameras. Irgendwas muss da dran sein. Ich stellte mir das schon auch großartig vor zwischen den Bücherschluchten durchzuschreiten, umgeben von diesen wunderbaren kompakten Dingern voll kleiner schwarzer Zeichen, ungebraucht frisch duftend und in all ihrer ausladenden Präsentation zum in die Hand nehmen einladend, zum Lesen, zum Eintauchen, Vergessen und Verlieben. In dem Heft auch was über den Briefwechsel zwischen Rühmkorf und Ranicki. Das seien die ›goldenen Jahre des Feuilletons‹ gewesen, »dieser Triumph ist heute, da es der Papierzeitung immer schwerer fällt, sich gegen das Netz zu behaupten, Vergangenheit.« Meine Güte, ist doch egal, wo was steht; die sollen sich nicht behaupten, die sollen schreiben, was stimmt, dann sind sie vielleicht mehr als nur Selbstbehauptung. Aus einem Brief an Rühmkorf: »Herr Reich-Ranicki hat mich gebeten, Ihnen zu schreiben, daß er inzwischen das von Ihnen ausgewählte Gedicht Michael Krügers gelesen hat und gar nicht entzückt ist.« Das wird Michael Krüger, wenn er das heute liest, aber gar nicht gefallen, gerade jetzt, wo auch die Miniröcke auf der Messe zum Vergessen fehlen.

3. Preisvergabezeremoniell

Es ist ja so, wenn man da steht und dem Chefkritiker der preisverleihenden glorreichen Sieben Hubert Winkels aus der letzten Reihe über die kratzenden Boxen zuhört, was er über Kritikschelte und die Notwendigkeit der Diskussion im Betrieb für die Literatur sagt, dann kann man das nicht alles mitschreiben, weil man gleichzeitig zuhören und dagegensein muss. Wenn er von fruchtbaren Jurysitzungen spricht, dann ist das natürlich sehr schön und Zeitungsleser und Fernsehschauer und Radiohörer werden es ihm und seinen Mitstreitern danken, weil sie sich daran orientieren. Jan Brandt wird von Winkels nicht ganz ernst genommen, denn dadurch, dass Brandt über eine Buchmesse schreibt, wird der Literaturbetrieb selbst zur Literatur, erhält die dort ständig geführte Diskussion Eingang in die Literatur und er ist mittendrin in dem, wovon er sich eigentlich fernhalten wollte. Die Kritik mag heute nicht mehr monologisch sein, nicht mehr so ausladend wie einst, aber spannend noch immer in der Diskussion, gerade in den Gesprächen mit den anderen Jurymitgliedern, klar, und gerade hier auf der Messe, noch klarer. Aber wenn ein Dichter zu Hause sitzt und schreibt, dann ist ihm das alles genauso herzlich egal wie dem Leser als Leser, nicht als Käufer, der sich entweder den Dichter anhört oder durchliest, dann braucht er dafür keinen Literaturbetrieb, der sich vielleicht berechtigt gegen Kritik an ihrer Kritik wehrt, das ist ihm egal, denn er will nur wissen, was er lesen soll und wenn er es dann liest, ist ihm alles andere auf einmal wurscht, dann gibt es nur noch ihn und den Text. Es klang ein wenig wie der Selbsterhaltungstrieb eines zum Tode verurteilten. Wie war das noch mit der goldenen Zeit? Jedenfalls saßen die sieben da vorne in der mittleren Halle unter dem schicken Glasdach, nannten Namen, hielten nacheinander Einleitungen und Laudationes, während die Menschen in den fünf weiteren Hallen außenherum, da, wo die Bücher sind, sich kaum für die Preisverleihung interessierten und ein Grundrauschen erzeugten, das die Sätze aus den Boxen klein erscheinen ließ. Interessiert waren vor allem diejenigen, die auf den für sie reservierten Stühlen vor der Bühne saßen und später darüber schreiben mussten: Sensation. Ein Lyriker gewinnt den Preis der Leipziger Buchmesse.

4. Lyriklobpreis

An besagtem Tage der Eröffnung der Messe wusste Felicitas von Lovenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einiges von der Lyrik zu berichten. Ihr Umsatz mache nicht einmal einen Prozent des Gesamtumsatzes des Buchhandels aus, eine Auflage von ein bis zweitausend Stück würde schon als Erfolg gelten. »Dabei ist Lyrik eigentlich die Literaturform schlechthin für unsere Gegenwart. Die meisten Verse sind nicht länger als ein Tweet, und in einer Zeit, da die Menschen im Sturm der Nachrichten das Unverfälschte, Eigentliche suchen, nach einem geistigen Gegengewicht zu ihren gehetzten Tagen, wäre schon die homöopathische Lektüredosis von einem Gedicht pro Tag ein ideales Mittel zur individuellen Entschleunigung.« Da wird sich die Lyrik aber freuen, mal eben zur Medizin gegen die Krankheiten unserer Zeit degradiert zu werden. Im ZEIT Literaturmagazin wurde der vor zehn Jahre verstorbene Lyriker Thomas Kling zitiert: »Die geschriebene wie die gesprochene Sprache müssen beide auch eine Spur Straßendreck unter den Nägeln haben.« Das klingt nicht nach weltferner Homöopathie, das klingt nach Kunst, die die Welt ernst nimmt und von ihr ernstgenommen und nicht missbraucht werden will. Gleichzeitig findet Frau von Lovenberg toll, wie unkompliziert sich die Gedichte Jan Wagners lesen lassen, sie würden das Vorurteil, Lyrik sei nur etwas für Spezialisten und Eingeweihte, widerlegen. Wer, wenn ich schriee, hörte mich? Außerdem, wer sagt denn, Gedichte müssen einfach verständlich sein? Coelho ist verständlich, sollen Gedichte wie Bücher von Coelho klingen? Lasst doch die Lyrik in Ruhe. Was Lyrik zu leisten vermag, schafft sie ohne gutmütiges Zutun. Sie ist ein wenig wie Giersch, den Jan Wagner in seinem aktuellen bei Hanser.Berlin erschienenen Gedichtband Regentonnenvariationen auch besingt. »hinter der garage,/ beim knirschenden kies, der kirsche; giersch/ als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch// geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch/ schier überall sprießt, im ganzen garten giersch/ sich über giersch scheibt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.« Giersch ist geil! Das zeigt Wagner vor allem auch in seinem Band Die Eulenhasser in den Hallenhäusern. Drei Verborgene. Darin fungiert er als fiktiver Herausgeber dreier von ihm selbst erfundener vergessener Dichter. Ein großes Spiel hat er daraus gemacht. Es gibt Biographien, Sekundärliteratur, Glossare und Kommentare zu den Gedichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Von landwirtschaftlichem Dreck, der sich unter die Nägel legt bis zu elegisch erhabenen Ton haben sie alles. Man steigt in die Leben der Dichter ein, wie man es von Romanen gewohnt ist, dass es eine reine Freude ist. Man geht den Anmerkungen nach, verliert sich in dem Detailreichtum und damit ist noch nichts über die herrlich klingenden Gedichte gesagt. Im Vorwort schreibt Jan Wagner Sätze über seine drei Protagonisten, die für ihn im Moment kaum mehr gelten können: »Auch sie üben im Grunde so gut wie unbemerkt ihre zwar alte, aber karg besoldete Kunst aus, weit weg von den Aufregungen und den Schlagzeilen, den hektischen Tagesaktivitäten und dem Wirbel der Märkte, nie erfaßt vom grellen Scheinwerferlicht. Nicht wenige von ihnen werden sich glücklich schätzen, so gänzlich unbeobachtet, so unbeachtet zu bleiben – ist doch nichts schädlicher für ein Gedicht als die Hast und nichts seinem Gelingen abträglicher als das lakaienhafte Lauschen auf Lob und Applaus.« Das hat er vor seinen aktuellen Regentonnenvariationen zum Glück nicht getan. Jetzt hat er ein Drittel der 45.000€ Preisgeld in der Tasche, seine Auflage, die sich seit der Verkündung der Nominierung bereits auf 6000 verdoppelt hat, wird noch einmal steigen, was ihn noch lange nicht zum Bestseller macht. Bis heute, fünf Tage nach der Preisverleihung, kann man noch keines seiner Bücher in Bamberg kaufen. Das größte Lyrikregal steht im Modernen Antiquariat Fundevogel. Und da wundere sich noch einer, dass Gedichte sich nicht verkaufen.

***

Acht Stunden Buchmesse wären also geschafft. Jetzt bei einem leckeren Bier entspannen und sich aus einem Arztroman vorlesen lassen. Aber dazu bald mehr.