Auf ein Wort.

Ein Interview mit Thomas Ballhausen

von Jana Schulze

Jana Schulze: Der Bedeutungsraum „Bibliothek“…

Thomas Ballhausen: Die Bibliothek ist ein zentraler Ort der Literatur, ein Raum der Verheißungen, des Verlusts und des Wiedergewinnens. Auch in meinen Texten versuche ich mich immer wieder und immer wieder neu dem Ort Bibliothek mit seinen spezifischen räumlichen Qualitäten anzunähern. In „Lob der Brandstifterin“ wird sie als Schnittstelle dargestellt, als Kommunikationsraum.

Wie bettet sich das „Lob der Brandstifterin“ in Dein Werk ein? Bist Du ein Agent in der Erzählung?

Als Agent sehe ich mich nicht, eher als Ermittler, als ein verdeckter Ermittler und nicht minder verdeckter Erzähler. „Lob der Brandstifterin“ ist Teil meiner andauernden Auseinandersetzung mit dem Verschwinden und Auftauchen von Systemen, ein (so hoffe ich: kritisches) Abarbeiten an den Vorstellungen von Macht, an Themen wie Hunger und Angst. Die Erzählung ist für mich Teil eines Textgewebes, einer Reihe von Arbeiten, die sich nicht zuletzt auch politisch lesen lassen sollen.

Aus Deiner Perspektive: Worin liegt der Reiz des phantastischen Erzählens?

In meiner Lesebiografie spielt die phantastische Literatur eine immens große Rolle. Das Arbeiten mit phantastischen Elementen eröffnet mir produktive Umwege des Literarischen, ich zeige Welten, die der unseren vergleichbar sind, die aber doch von irritierenden Momenten und Objekten durchzogen sind. Das Phantastische ist eine Möglichkeit des Reagierens auf die Zumutungen unserer Realität, unserer sogenannten, vereinbarten Wirklichkeit.

Kann Literatur zwischen Glut, Feuer und Asche bedrohlich sein und werden? Ist die Brandstifterin gar eine femme fatale?

Literatur, ihrer Produktion und Rezeption wohnt immer ein Gefahrenpotential inne – ein Umstand, den ich durchaus positiv bewerte. Die ambivalente Figur der Brandstifterin zehrt von filmischen und literarischen Vorbildern, die Vampirin, die femme fatale oder auch die gefährliche Geliebte gehören sicherlich in dieses Spektrum. Und auch noch mehr.

Breitet sich der Kunstraum durch Elemente der „Wohnung Miryam van Doren“ auch auf textueller Ebene aus? Wird der Raum des Möglichen erweitert, werden die Tore zum Intertext gesprengt?

Ich sehe das intensive Eingehen auf die Kategorie des „Raums“ als Möglichkeit mit literarischen Mitteln und philosophisch reflektierter Kritik an historiografischen Prozessen. Mit den Orten/Räumen der „Miryam van Doren“, einem Projekt des von mir hochgeschätzten Künstlers und Denkers Jack Hauser, wird diese Form der Untersuchung von Sinnstiftungsprozessen in eine Form von künstlerischem Environment überführt, in eine choreografische Praxis, die stark mediengestützt und medienaffin ist. Ich bewundere diesen Zug sehr, das hat meine Arbeit an der vorliegenden Erzählung stark beeinflusst.

Neben Fragmenten aus Songs, beispielsweise „Hot Knives“ von den Bright Eyes, werden Bezüge zu den Performances von Jack Hauser hergestellt. So kulminieren diese in dessen Nachwort „Laternenbilder aus der Wohnung Miryam van Doren“. Welche Rolle spielen intermediale Elemente in der Erzählung?

Das Intermediale ist für meine Form literarischer Produktion ein zentrales Referenzfeld. Ich bin unglaublich neugierig, auf neue und alte Texte, Musik, Comics, Kunst usw. Für „Lob der Brandstifterin“ habe ich mich sehr viel mit der Literatur und Kultur der Zwischenkriegszeit beschäftigt, das hat sicherlich auch Spuren hinterlassen. Generell halte ich die strikte Trennung von Pop- und Hochkultur nicht nur für überholt, sondern für nicht mehr seriös haltbar. Ein Festhalten daran nimmt weder das Publikum noch die jeweiligen Kunstwerke und Kulturprodukte wahr oder ernst.

Wie lässt sich das Bild der Apokalypse in der Erzählung skizzieren? In welchem Verhältnis steht sie zum Handlungsstrang?

Ich versuchte die Beschreibung einer gescheiterten Beziehung und der Nachspiele, die so etwas auch zeitigt, vor dem Hintergrund des Untergangs eines maroden Imperiums. Die Figuren sind ein Teil und Ausdruck des verschwindenden Systems, sie kämpfen mit ganz alltäglichen und sehr großen, abstrakten Fragen und Herausforderungen.

Zum Abschluss: Du begegnest der Brandstifterin…

... vielleicht nie wieder.

Herzlichen Dank für das Gespräch.