Dieses sogenannte Hier und Jetzt

Text von Franziska Klein (19. Juli 2020)

 

Wir wissen nicht, wann und wir wissen nicht, für wie lange. Aber irgendwann wird die Zeit kommen, in der wir in der Sonne sitzen. Zu dritt. Vielleicht sogar zu zwölft, es wird keine Rolle spielen, nicht mehr. Wir werden in der Sonne sitzen auf unseren bekannten grauen Mensa-Stühlen und unsere bekannten veganen Mensa-Burger in uns hineinstopfen und auch dann werden wir nicht wissen, für wie lange, aber wir werden wissen, jetzt.

In diesem Jetzt sitzen wir hier, blinzeln in die Sonne, lachen über die komische Gasthörerin mit den komischen Fragen und so langsam schleicht sich wieder dieses Gefühl ein. Dieses Gefühl, zu wissen, was in den nächsten Minuten passieren wird. Nämlich nichts. Oder zumindest nichts, außer dass die blöde Biene noch ein paar weitere Runden um unsere Teller kreisen wird und wir noch ein paar weitere komische Details über die komische Gasthörerin herausposaunen werden.

Aber das Gefühl ist schwächer als früher. Dieses naive Vertrauen, dass alles so weitergehen wird, wie gewöhnt, ist nicht mehr richtig da. Dieses „morgen ist auch noch ein Tag“, plötzlich nicht mehr so sicher. Natürlich wird auf jeden Tag ein neuer Tag folgen – hoffentlich -, aber wir wissen nicht, ob wir dann auf Mensa-Stühlen sitzen werden oder mit Jogginghose auf dem Sofa in der Online-Vorlesung oder in einem Raumschiff auf der Flucht vor der alieninvasierten Erde.

Bei diesem Gedanken erscheint mir die komische Gasthörerin auf einmal ziemlich unwichtig und der Geschmack des veganen Burgers plötzlich viel wichtiger. Er schmeckt, genau genommen, nach nichts. Ich greife nach der roten Tube auf unserem Tisch und kippe etwas rote Soße auf den Burger, sodass er nun nicht mehr nach nichts, sondern nach roter Soße schmeckt, also nach irgendetwas Würzigem und Zucker. Zufrieden schaufele ich den Rest in den Mund und blicke vorbei an meinen Kommilitonen in die Sonne, die sich scheinbar in den Blättern eines Baumes verfangen hat. Ich genieße das lachende Stimmenwirrwarr meiner Freunde um mich herum, auch wenn die Worte nicht mehr zu mir durchdringen. Denn ich bin voll und ganz damit beschäftigt, die sommerliche Luft einzuatmen und den Geruch von Burgersoße und Currywurst zu riechen.

„Nach Weihnachten ist vor Weihnachten“, sagt meine Großmutter jedes Jahr, das ist sicherer als das Amen im weihnachtlichen Gottesdienst. Man könnte also auch sagen, nach diesem ollen Spruch ist vor diesem ollem Spruch. Und was ist nach Corona? Vor Corona? Vor dem Untergang der Welt, wie wir sie kennen? Wir wissen es nicht. Was uns bleibt, ist dieses sogenannte Hier und Jetzt.

Gewinnerbeitrag des Schreibwettbewerbs von Feki.de, Rezensöhnchen und Ottfried:
"(Uni-)Alltag nach Corona"