Ein Ex-Insider packt aus: Mein Ausstieg aus der BWL-Szene

Text von Tobias Krug (19. Dezember 2020)

Lisa knallt die Monopoly-Packung demonstrativ auf den Gartentisch. Keine Ahnung, warum ich mich immer wieder überreden lasse, ich hasse Monopoly. Wenn ich innerhalb von zwei Stunden finanziell völlig zugrunde gerichtet werden möchte, dann geh‘ ich ins CineStar. Monopoly: Kein Spaß für die ganze Familie. Während sich die Leute am Tisch darum streiten, wer denn diesmal die Schubkarre sein darf, lehne ich mich zurück und hinterfrage jede Lebensentscheidung, die mich an diesen Gartentisch gebracht hat.

Eine dieser Lebensentscheidungen war BWL zu studieren. Ja, ich weiß. Ich kenne alle Sprüche und ich fühle nichts mehr. „Ich studiere übrigens BWL“ ist als Gesprächsöffner ungefähr so effektiv wie „ich besitze 13 No Angels Tour-Shirts (*asynchrones Augenblinzeln*)“ oder dem Gesprächspartner einfach nur gegen das Schienbein zu treten. Viele haben eben ein völlig falsches Bild von BWLern. Es gibt so einige, die sagen, BWLer seien „arrogant“ und „schnöselig“... Doch ich denke mir da: Hey... kommtschon... ihr habt „unsympathisch“ vergessen. Jetzt habe ich wie eine Snitch die Seiten gewechselt. Wahrscheinlich wache ich morgen gefesselt in der Fruchtbar auf. Naja, richtig wohlgefühlt habe ich mich sowieso nie. Ich bin einfach immer davon ausgegangen, dass die Welt nun mal so ist. Aber vielleicht muss sie das ja nicht sein. Und vielleicht habe ich ja gar nicht vor mich immer fehl am Platz zu fühlen. Ich verrückter Hund.

Zukunftsängste sind voll mein Ding. „Und was hast du für Hobbies?“ – „Ach... z.B Musik hören, ich spiele gerne Pokémon Go und manchmal stelle ich mir vor, wie ich in zehn Jahren depressiv und einsam in irgendeinem trostlosen Bürojob hänge und mir in den Kopf tacker‘ “ – „Oh nein, das ist ja voll traurig... nur Nerds spielen jetzt noch Pokémon Go...“ Wenn ich hier nicht richtig bin, wo will ich dann hin? Überraschenderweise hat der kitschige Tischkalender in der Ecke die Antwort parat. Vor einem offensichtlich gephotoshoppten Sonnenuntergang am Strand steht in glitzernder Schnörkelschrift: „Träume nicht dein Leben. Lebe deinen Traum.“ Seinen Traum leben also. So wie mein Freund Marvin.

Marvin möchte professioneller DJ werden. Auf die Frage, ob er auch noch etwas studiert oder so, antwortet er stets, er habe das Leben studiert und sei ein Master darin. Was für ein Bullshit. Als ob es einen Studiengang bräuchte, bei dem man nur so tut, als würde man etwas sinnvolles machen. Ich meine... KoWi gibt’s doch schon. Ich treffe Marvin bei seinem Auftritt auf einer kleinen Privatfeier. Flackernde Lichter, ausgelassen tanzende Menschen, es liegt ein ganz eigener Vibe im Raum. Und mit ganz eigener Vibe mein‘ ich LSD. Marvin steht hinter seinem DJ-Pult und fuchtelt mit seinen Armen zur Musik, die in etwa so schrill klingt wie sein quietschender Fiat Multipla während er Andrea Nahles über den Fuß fährt. Keine Ahnung, wie er das macht, aber Marvin schafft es bei Playback den Ton nicht zu treffen. Zeit, das Tanzbein zu schwingen! „Wuuuhh! Dieser Beat droppt so hart wie die Erwartungen meiner Eltern!“ ruft mir Marvin zu und steigt auf das DJ-Pult. Er versucht einen Backflip und legt sich dabei längs auf die Fresse. Welch traurig-schöne Metapher. Bei seiner Akrobatikeinlage hat Marvin einen Lautsprecher umgestoßen, weswegen nur noch ein lautes, unangenehmes Störgeräusch zu hören ist. Niemand bemerkt einen Unterschied. Ich nehme Marvin in den Arm und flüstere, dass das alles irgendwann einfacher wird. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber ich lebe diesen Traum.

Zweiter Platz des Schreibwettbewerbs von feki.de, Rezensöhnchen und Ottfried:
"UNIkum - der/die Einzelne im Studium"