»Malerei ist eine Waffe zum Angriff«

von Sophia Klopf (25. Oktober 2017)

 

© Werner Lorenz

 

Zur neuen Spielzeit des Theaters im Gärtnerviertels bringt die Gruppe ein Stück auf die Bühne, das den Zuschauer direkt in das Flair der 40er Jahre versetzt. »Ein Picasso« ist eine Hommage an den größten Künstler der Moderne. Das Rezensöhnchen war bei der Premiere am 12.10. dabei.

Das von den Nazis besetzte Paris, Anfang der 1940er: Pablo Picasso wird auf Geheiß der Deutschen in ein Büro gerufen, um seine Werke zu identifizieren. Ihm steht dort aber kein alter Mann in Wehrmachtsuniform gegenüber, sondern Frau Fischer, eine adrette Vertreterin der deutschen Diktatur, die keineswegs auf den Mund gefallen ist. Fast beiläufig erfährt Picasso, dass die drei ihm gezeigten Gemälde aber nicht für eine Ausstellung verwendet werden, sondern für eine Verbrennung »entarteter« Kunst. Das kann Picasso nicht zulassen! Ein Schlagabtausch zur Rettung seiner Werke beginnt.

Von Blockflöten und verrückten Wissenschaftlern

von Sophia Klopf (21. Oktober 2017)

 

© Jochen Quast

Wer sich anhand weltweiter Naturkatastrophen, Terror und Bundestagswahlwahnsinn langsam reif für die Klapsmühle fühlt, findet vielleicht Trost im Theater. Das Theater Erlangen hat mit Dürrenmatts Klassiker »Die Physiker« das Irrenhaus auf die Bühne verlegt. Die Premiere des Stücks am 22. September war gleichzeitig der Auftakt der neuen Spielzeit in Erlangen.

Drei Physiker sind in einem privilegierten Sanatorium untergebracht. Von den Wissenschaftlern hält sich einer für Albert Einstein, der andere für Isaac Newton. Der dritte glaubt, dass ihm König Salomon höchstpersönlich erscheine. Doch nicht alle leiden tatsächlich an einer richtigen Geisteskrankheit. Aber wer unter ihnen? Und warum sollte man sich irre stellen? 

Forever Is Our Today

von Tessa Friedrich (17. Oktober 2017)

 

© Martin Kaufhold 

 

Nordamerika im Jahre 1985. Während der Amtszeit des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan ist das Land geprägt von Rassismus, Homophobie, Kapitalismus und Korruption, Krankheiten wie Aids entwickeln sich zur Massenepidemie. Gott, so scheint es, hat die Menschen hier längst im Stich gelassen. Die Lösung: ein neuer Messias muss her! Ob aber der Auserwählte der Engel, der homosexuelle und Aidskranke Prior Walter, dieser Aufgabe gerecht werden kann?

Um die neue Spielzeit 2017/18 des ETA Hoffmann Theaters am 6. Oktober zu eröffnen, entscheidet sich die Intendantin und Regisseurin Sibylle Broll-Pape wie in den vorherigen Spielzeiten dazu, der Tradition der großen Stoffe zu folgen: Nach den Nibelungen zum Thema „Heimat“ und dem Goldenen Vlies zu „Europa“ wendet sich das ETA mit Engel in Amerika nun dem Westen zu. Das zweiteilige Drama von Tony Kushner wurde nach der Uraufführung 1993/94 mit dem Pulitzer Preis und dem Tony Award ausgezeichnet, als Miniserie mit Größen wie Meryl Streep und Al Pacino verfilmt und stellt also zweifellos einen wichtigen Teil amerikanischer Literatur- und Kulturgeschichte dar. Das ETA versucht, dieses Monumentalwerk zu zähmen (gekürzt auf eine Länge von knapp vier Stunden, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi) und stellt mit dieser Inszenierung dem Bamberger Publikum ebenso einige neue Gesichter als Teil des ETA Ensembles vor, die sich gemeinsam mit den bereits bekannten Schauspielern der Aufgabe annehmen, dieses Werk auf die Bühne zu bringen.

Der Flug ist das Leben wert

von Niklas Schmitt (25. Juli 2017)

 

© Denis Meyer

 

Letztes Wochenende ging die Poetikprofessur Kathrin Rögglas zu Ende, was für das WildWuchs-Theater der Anfang war. Am Freitag feierten sie mit Rögglas »Junk Space« im Parkhaus Süd Premiere und fragten damit, was uns das Leben und der Mensch in der neoliberalen Arbeitswelt noch wert ist.

»Junk-Space ist das, was nach der Modernisierung übrig bleibt, oder, genauer gesagt, das, was gerinnt, während Modernisierung stattfindet, ihr Fallout.« So definiert der Architekt Rem Kohlhaas den Junk-Space: die mit Werbung und Geschäften vollgestopften Durchgangs- und Nicht-Orte, gleichsam aufreizend und aufenthaltsfeindlich, wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Einkaufszentren. Es seien keine festen architektonischen Räume mehr, sondern unter dem Druck des Kommerzes stehende amorphe Bedürfnisbefriedigungsanstalten für Konsumenten, die sich den immer wieder verändernden Bedürfnissen der Marktbedingungen anpassen. Hochfrequentiert sind sie, weil gerne genutzt, um dem Konsumwillen und den daraus entstandenen gefühlten Notwendigkeiten gerecht zu werden. Bei dem gleichnamigen Stück von Kathrin Röggla, deren Bamberger Poetikprofessur gerade zu Ende gegangen ist, geht es aber weniger um den Raum als um die Menschen, die sich darin, also im Strudel der leistungsorientierten Modernisierung, befinden. Konsequenterweise hat sich denn auch das WildWuchs-Theater unter der Regie von Kristina Greif und Frederic Heisig dazu entschieden, das Stück nicht in einem solchen Junk Space aufzuführen, sondern im Parkhaus Zentrum Süd, 3. OG, oberes Parkdeck, hinten links in der Ecke. Damit die Figuren und deren Reden von nichts weiter gestört werden. Sind sie doch selbst schon junk, Schrott, Ramsch, Betriebsabfall genug. Das Bühnenbild nimmt die architektonische Betonkälte und Stickigkeit des Parkhauses auf und leitet es an die Zuschauer weiter. Durch den leichten Parkhaushall, der den meisten Sätzen folgt, scheinen sie nur mit sich selbst zu sprechen und verloren zurückgelassen wie die einzelnen Figuren zwischen Neon-Röhren und -Strahler hinten und vorne, und rechts und links Betonwänden. »Architektur ist Geiselnahme« singen die Einstürzenden Neubauten dazu.

Die Geschichte des Ungesagten

von Sophia Klopf (20. Juli 2017)

 

© ArtEast

 

»Was ist deine Geschichte?« Das fragte das slavistische Theater ArtEast mit seinem neuen Stück Venushaar die Zuschauer. Das Rezensöhnchen ließ sich nicht nehmen, die Aufführung am 7. Juli in der Alten Seilerei zu besuchen und sich von den verschiedenen Facetten der Theatergruppe überzeugen zu lassen und kommt zu dem Schluss: Wer nach dem Titel Venushaar barocke Schönheit erwartet, sollte sich lieber enttäuschen lassen.

Das Stück führt uns in zwei verschiedene Welten, die man an den Protagonisten unterscheidet. Zum einen begleitet man den namenlosen Übersetzer in seinem Alltag. Er übersetzt für die Migrationsbehörde und hört jeden Tag die ergreifenden Geschichten der Asylbewerber. Am Anfang ist er noch Feuer und Flamme, für die Asylbewerber einzustehen. Aber er merkt schnell, dass er die Welt nicht verändern kann, sondern der Gunst der Beamten unterlegen ist. Er resigniert in seinem Job und beschränkt sich auf Dienst nach Vorschrift. Auch im Privatleben des Übersetzers läuft es nicht so gut. War er am Anfang doch noch so verliebt in seine Freundin, bröckelt die Beziehung und leidet auch unter seiner ständigen Erreichbarkeit.