»Das ist eine böse Zeit«

von Theresa Pausenberger (9. April 2018)

 

© WildWuchsTheater

 

Das Volk lechzt nach Blut, Köpfe rollen, überall Verwirrung und Chaos... Wir begeben uns auf eine Zeitreise. Genauer: vom 24. März bis zum 5. April 1794. Dieses Jahr markiert das Ende der Revolution und gleichzeitig auch – man errät es – Georges Jaques Dantons Tod. Seine Qual und sein Leid hat das WildWuchs Theater nach Georg Büchner adaptiert und auf die Bühne gebracht. Es wird schaurig. 

Die Figur Danton (mitreißend gespielt von Sebastian Stahl) ist durch seine Zwiespältigkeit interessant: zwar hat er in der Französischen Revolution einst die »Septembermorde« begangen und wie Robespierre (authentisch: Frank Fröba) tausende unschuldige Bürger hingerichtet, doch das Theaterstück beginnt mit seinem Rückzug ins Private. Er möchte mit der ganzen Politik und dem ganzen Tohuwabohu nichts mehr zu tun haben. Für ihn ist sein ehemals bester Freund Robespierre ein Heuchler, der nur seinen eigenen Machtanspruch verfolgt und damit die Ideale der Revolution verrät. Camille Desmoulins (berührend: Florian Bernd) soll den gleichen Weg einschlagen wie Danton.

Für die Freiheit 

von Nele Barfuß (16. März 2018) 

 

© Martin Kaufhold

 

Mit Schillers Stück Die Räuber hat bei der Premiere am 10. März 2018 ein echter Klassiker seinen Weg auf die Bühne des ETA Hofmann Theaters Bamberg gefunden. Bei seiner Uraufführung im Jahr 1782 glich das Theater angeblich einem Irrenhause und machte den jungen Dichter über Nacht berühmt. Bis heute hat Schillers erstes Drama nichts von seiner Aktualität und Faszination eingebüßt. 

Karl von Moor und sein jüngerer Bruder Franz sind zwei ungleiche Brüder. Während der Ältere der väterlichen Grafschaft entflieht und sein Glück beim Studium in Leipzig sucht, bleibt der jüngere Bruder Franz neiderfüllt zurück und muss sich mit dem Leben als Zweitgeborener zurechtfinden. Während der Lieblingssohn Karl (Daniel Seniuk) in Leipzig ein ausschweifendes Leben führt, fasst Franz von Moor (Bertram Maxim Gärtner) den Entschluss, mithilfe einer Intrige seinen verhassten Bruder um dessen Erbe zu bringen und dessen Beziehung mit dem gemeinsamen Vater zu zerstören. Es gelingt ihm und der völlig verzweifelte Karl lässt sich überreden, als Hauptmann einer Räuberbande im Namen von Freiheit und Gerechtigkeit Verbrechen zu begehen. Als Karl schließlich doch noch einmal zum väterlichen Anwesen zurückkehrt, um seine Braut Amalia (Anna Döing) und seinen Vater Maximilian (Stephan Ullrich) ein letztes Mal zu Gesicht zu bekommen, muss er mit Entsetzen feststellen, dass sein jüngerer Bruder Franz kurz davor steht seine Pläne zu vollenden und alle Macht an sich zu reißen. 

Wofür man einsteht

von Theresa Pausenberger (6. März 2018)

 

© Martin Kaufhold

»Herr, vergib ihnen nicht, denn sie wissen was sie tun« singt K.I.Z. in Hurra die Welt geht unter. Oder doch nicht? Was sind die Beweggründe von Jugendlichen, die in die Fänge des Islamischen Staates gelangen? Das versucht Morton Rhue in seinem Buch Dschihad Online zu begründen, das 2016 erschien. Alexander Ritter inszenierte nach der Stückfassung von Olivier Garofalos am 02.03.2018 die aktuelle Thematik für das ETA Hoffmann Theater in Bamberg für die Bühne. 

Die Hauptpersonen des Theaterstückes sind die zwei Brüder Khalil, authentisch: Marcel Zuschlag, und Amir, gespielt von Helge Salnikau, der auch Vitaly übernimmt, die allein ohne Eltern in den USA leben.  Denn diese flohen vor dem Massaker in Srebrenica, bei dem unschuldige Muslime während des bosnischen Bürgerkriegs ermordet wurden. Sie gingen zurück, wollten den Söhnen aber eine gute Ausbildung ermöglichen und ließen Khalil in der Obhut Amirs.

Wir treffen uns im »Polarbär«

von Florian Grobbel (13. Februar 2017)

 

© Spielwerk Bamberg

 

Jaja, die Achtziger. Man kann ja viel kritisieren an der heutigen Zeit, aber jeder, der nach 1995 geboren wurde und je einmal einen Blick in den Führerschein seiner Eltern geworfen hat, schätzt sich glücklich in eine nicht so befremdliche Welt geboren worden zu sein. Doch zugegeben: Bei dem schmissigen Achtziger-Soundtrack, der die Inszenierung von Tony Dunhams Traumfrau verzweifelt gesucht begleitet, kann man nicht anders, als mit dem Fuß zu wippen, auch als Kind fern von dieser Prä-Tinder-Zeit der Kofferschreibmaschinen, Faxgeräte und diesen komischen Dingern namens Kontaktanzeigen. 

Harald, ein etwas pummeliger Softie um die 40, wurde von seiner langjährigen Freundin Julia verlassen, was ihn in ein ziemliches Loch stürzen lässt. Seine Sorgen vertraut er dem Publikum an, was dem liebevollen Teddybären sofort Sympathie verschafft. Außer von den mitfühlenden Zuschauern bekommt er Unterstützung von seiner besten Freundin Henriette, die ihm Tee kocht, Äpfel schneidet und ihn seelisch wieder aufbaut. Diese bringt ihn durch einen Blick in die Fränkische Nacht auf den Gedanken, es einmal mit Kontaktanzeigen auszuprobieren.

»Passt scho«, sagt der Franke

von Tessa Friedrich (11. Februar 2018)

 

© Marion Bührle

 

Die Legende der Jeanne d’Arc, die während des 100-jährigen Krieges zwischen Frankreich und England ihre Heimat auf dem Schlachtfeld verteidigte, ist fest im westlichen Raum Europas verankert. Sieht sich die Jungfrau durch ihren göttlichen Auftrag allein mit Gott und dem Krieg verbunden, ist sie für die einen eine Heilige, eine Prophetin des Schwertes, für andere eine Ketzerin, die nur durch hexerische Fähigkeiten den Sieg erlangen kann. Der Bezug zur heutigen Zeit? Themen wie Nationalismus und religiöser Fanatismus in der westlich christlichen Welt. Aspekte, derer sich das Staatstheater Nürnberg mit der Stückfassung Friedrich Schillers annimmt. 

Der Name der Regie verspricht Großes: Peter Wittenberg, der normalerweise an Schauspielhäusern in Berlin und Wien inszeniert, konnte erstmals für das Theater Nürnberg gewonnen werden. Die spannende Grundidee seiner Inszenierung der Jungfrau von Orleans scheint diese Erwartungen zunächst zu erfüllen: In einer patriarchalen Gesellschaft interessiert sich Wittenberg vor allem für die Perspektive der Johanna – wie nimmt sie die »göttlichen« Geschehnisse und die Reaktion ihrer Mitmenschen wahr, wie sehen ihre persönlichen Kämpfe aus, würde man durch ihre Augen blicken? Optisch realisiert wird dieses Konzept durch ein trichterförmiges, nur aus vier Wänden bestehendes Bühnenbild, gestaltet von Florian Parbs, in welchem die Schauspieler agieren. Der Fokus des Trichters richtet sich auf einen Bildschirm, auf dem das ganze Stück über die Augen der Johanna-Darstellerin Lilly Gropper zu sehen sind – live übertragen durch eine an ihrem Kopf befestigte Kamera. Durch diesen ständig präsenten Blick bewegen sich die Figuren so stets in Johannas »Sichtfeld«, unabhängig von ihrer bzw. Groppers An- oder Abwesenheit auf der Bühne. Die Frage, ob Johannas göttliche Eingebungen und ihre Wahrnehmungen nun Fakt oder doch reine Fiktion ihrerseits sind, steht somit offen im Raum und hält so den Zuschauer stets in einer kritisch reflektierenden Position.