Riesen-Oper um Sinn des Lebens, Liebe und Patriotismus

von Günter Strickle (9. Oktober 2018)

 

© Ludwig Olah

 

Warum er sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit solch eine große Oper vorgenommen habe, wurde der neue Intendant am Staatstheater Nürnberg, Jens-Daniel Herzog, bei einem Gespräch mit der Presse wenige Minuten vor der Aufführung gefragt. Er antwortete, der richtige Zeitpunkt für so ein großes Werk sei entweder nach langer Zeit, wenn einem im Haus alles vertraut sei, oder gleich zu Beginn. Er habe sich für die zweite Möglichkeit entschieden. So stand also am 30. September 2018 am Staatstheater Nürnberg im Opernhaus zur Eröffnung der Spielzeit 2018/2019 die Premiere von Krieg und Frieden, Weltkriegsoper von Sergej Prokofjew auf dem Spielplan.

Weltkriegsoper deshalb, weil der Komponist während des Zweiten Weltkrieges beschloss, den Roman Krieg und Frieden von Leo Tolstoi zu einer Oper zu machen. Die Geschichte schien sich zu wiederholen. Der Roman von Leo Tolstoi beschreibt die Situation vor, während und nach Napoleons Russlandfeldzug 1812. Durch eine kluge Entscheidung des russischen Feldmarschalls Kutusow konnte Napoleon die Hauptstadt Moskau nicht wirklich erobern, seine Truppen mussten sich bald zurückziehen. Dies gelang aber auch nur deshalb, weil Elite und Volk sich außergewöhnlich patriotisch verhalten haben. Diesen Patriotismus nochmals heraufzubeschwören war wohl die Absicht  Sergej Prokofjews, gerade zu jener Zeit diese Oper zu schreiben, als der russische Diktator Stalin Hitlers Russlandfeldzug abwehren musste. Mit der Aufführung der Oper feierte nicht nur der Staatsintendant Jens-Daniel Herzog, der auch Regie führte, seinen Einstand. Auch für Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz war es ihre erste große Herausforderung am Opernhaus Nürnberg.

Einer sollte mal ein Stück über uns schreiben!

von Günter Strickle (5. Oktober 2018)

© Konrad Fersterer

„ […] wenn ich ein großer Künstler wäre", so endet ein Brief, geschrieben von dem Künstler Anton Tschechow mit Datum vom 4. Oktober 1888. Um dieses Thema dreht sich auch alles in der Premiere von Die Möwe im Schauspielhaus Nürnberg am 29. September 2018. „In der „Möwe“ suchen alle Figuren in irgendeiner Weise Erlösung in der Kunst. Die einen sind Künstler, andere wollen unbedingt welche sein, und wieder andere verehren diese Künstler fast bedingungslos", so die Dramaturgin Brigitte Ostermann im Gespräch mit Regisseurin Anne Lenk.

Als die berühmte Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina, gespielt von der Schauspielerin Ulrike Arnold, wie immer den Sommer auf dem Landgut ihres Bruders verbringt, ist dieses Jahr etwas Besonderes angesagt: Ihr erwachsener Sohn Konstantin Gawrilowitsch Treplew, von allen, die ihn kennen, einfach Kostja genannt und hier gespielt von Cem Lukas Yeginer, wohnt noch bei deren Bruder. Er hat ein Theaterstück geschrieben und eine Aufführung im Park anberaumt. Er will Schriftsteller werden und mit diesem Stück das Theater revolutionieren.

Tabuthema Tod im Theater

von Günter Strickle (3. Oktober 2018)


© Konrad Fersterer

Predigt im Theater über das Sterben, dann auch noch gefälscht? Was erwartet den Theaterbesucher bei der „AUFFÜHRUNG EINER GEFÄLSCHTEN PREDIGT ÜBER DAS STERBEN“? Mit der Uraufführung am 28. September 2018 in den Kammerspielen im Schauspielhaus Nürnberg hat der Regisseur, Autor, Essayist und Programmmacher Boris Nikitin einen seiner schillernden Grenzgänge zwischen Illusionstheater und Performance in und für Nürnberg und das Repertoire des Staatstheaters erarbeitet, so die Ankündigung im Programmheft. Beim Betreten des Gotteshauses – äh, der Kammerspiele – erinnert mich die Atmosphäre an die Kirche einer amerikanischen Kleinstadt. Ein großer Chor hat sich aufgestellt, es sind der Nürnberger Gospelchor zusammen mit dem Veitsbronner Gospelchor „Volces“, an einer kleinen elektrischen Orgel sitzt der Orgelspieler Finn Nolting, der Prediger Malte Scholz betritt den Raum mit einem Mikrofon in der Hand und stellt sich vor das Publikum. Der Gospelchor singt das Eingangslied, nein, er bietet es mit kräftigen Stimmen und viel Gestik dar, angeleitet von einer unter vollem Körpereinsatz dirigierenden jungen Frau. Der Prediger ergreift das Wort:

Er redet über Bedeutung von Predigt im gewohnten Sinne, will es aber heute anders machen. Es soll kein klassischer Theaterabend werden. Vielmehr soll die Predigt dem Publikum das Thema Sterben, damit aber auch Leben und Bedeutung von Wirklichkeit nahebringen. Der Prediger zitiert Aristoteles: „Nur dadurch, dass die Möglichkeit besteht, dass wir NICHT leben, wird die Möglichkeit, DASS WIR LEBEN überhaupt erst zu einer Möglichkeit.“ Darauf will er aber erst später noch einmal zurückkommen. Dann offenbart er dem Publikum, dass er sich zeitnah mit dem Thema Krankheit und Tod auseinandergesetzt hat, da sein Vater nach einem Jahr unheilbarer Krankheit erst vor wenigen Monaten verstorben sei. Die Begleitung des Vaters während seinem letzten Lebensjahr, bestimmt von Krankheit und äußerem Verfall bis zum Moment des Todes, haben er und vermutlich auch sein Vater als positive Lebenserfahrung angesehen. Hier schildert der Prediger ganz bildhaft den Verlauf eines Sterbeprozesses von der erschütternden Diagnosemitteilung, von  der Auseinandersetzung über Annahme von Hilfe, Zugeben von Verwundbarkeit – großes Thema – , Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe zu bisher so nicht gekannter und nun möglicher zwischenmenschlicher Annäherung im Bewusstsein des herannahenden Todes. Unter Bezugnahme auf diese Sterbeerfahrung stellt der Prediger Theorien über Verwundbarkeit als vorteilhafter Eigenschaft und über die Fähigkeit, sterben zu können auf – Zitat: „Ihr habt das Sterben verlernt, deswegen seid ihr zu keiner Revolution mehr fähig.“ Das Bewusstsein von der Möglichkeit, das Lebensende zu riskieren wie Jesus oder Revolutionäre oder Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können erhöhe die Qualität des eigenen Lebens als auch das von Gesellschaften.

Böse Zeiten im Goldenen Haus

von Günter Strickle (1. Oktober 2018)

 

© Jochen Quast

Markgrafentheater Erlangen, 27. September 2018, kurz vor halb acht Uhr abends. Das Publikum im gut besetzten Theater wartet auf den Beginn der Premiere von Golden House. Der Regisseur Thomas Krupa hat den Roman von Salman Rushdie, übersetzt von Sabine Herting, für die Bühne bearbeitet. Die Decke des Theaters ist in warmes Licht getaucht, rote und goldene Töne des Theaters kommen zur Geltung. Absicht? Die Bühne ist zunächst dunkel, während sich Geräusche einer Großstadt aufbauen. Motorengeräusche von Autos, wildes Durcheinanderhupen, Wortfetzen aus Reden, Menschenrufe, ich meine Obamas Stimme herauszuhören. Andere Stadt , andere Geräusche. Bildprojektionen in schwarz-weiß, ein Datum im November 2008. Mumbai. Da fand der schreckliche Terroranschlag auf mehrere Gebäude statt, der fast 60 Stunden dauerte und 166 Menschen das Leben kostete. Zu der Zeit wurde auch Obama zum Präsidenten der USA gewählt.

Eine Frauenstimme ist zu hören: Sie sucht im Gespräch mit einem Mann wohl den Zustand ihrer Beziehung zu klären. Er denkt laut: Ich muss ihr von dem Kind erzählen, ich muss ihr von dem Kind erzählen. Dialog. Dann betritt der Mann die Bühne, er stellt sich vor, René, ein Filmemacher. Er erzählt, wie der Einzug von vier Männern im Nachbarhaus sein Leben verändert hat, sie seien wie einen Bombe in sein Leben eingeschlagen und er sähe die Chance seines Lebens, einen großen  Film darüber zu drehen. Er kommt zur Sache und beginnt seine Erzählung mit einem Zitat aus dem Buch: „Am Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten, als wir Sorge hatten, er könnte, während er Hand in Hand mit seiner außergewöhnlichen Frau durch die jubelnde Menschenmasse ging, ermordet werden, als so viele von uns wegen der geplatzten Hypothekenblase kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin standen und als Isis noch eine ägyptische Göttin war, traf ein ungekrönter etwa siebzigjähriger König mit seinen drei mutterlosen Söhnen aus einem fernen Land in New York City ein, um seinen Palast im Exil zu beziehen, dabei verhielt er sich, als gäbe es an dem Land oder an der Welt oder an seiner eigenen Geschichte nichts auszusetzen […]“.

Bringen Sie Ihr Smartphone mit

von Günter Strickle (30. September 2018)

 

© Jochen Quast

Mit einer außergewöhnlichen Idee startete das Theater Erlangen in der Garage in die neue Spielzeit 2018/19: Am Samstag, 22. September 2018 veranstaltete die komplexbrigade, eine interdisziplinäre Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern aus Theater und Game Design aus Berlin, die Premiere von RESET:EARTH (UA). In der Interaktiven Game Show zur Rettung der Welt sind die Theaterbesucher nicht nur Zuschauer, sondern dürfen sich mittels Smartphone aktiv an der Veranstaltung beteiligen. Sie beteiligen sich an Umfragen und stimmen über politische Entscheidungen ab. 

Außerirdische Beobachter haben festgestellt, dass durch die zunehmende Klimaerwärmung das Überleben der Menschheit gefährdet ist. Sie statten den Menschen einen Besuch ab und wollen ihnen eine Chance geben, durch Änderung ihres Verhaltens und Treffen von klimafreundlichen politischen Entscheidungen das Überleben der Art sicherzustellen. Die zur Verfügung stehende Überlebenszeit in Generationen ausgedrückt wird den Zuschauern angezeigt, sie sinkt beständig, kann aber durch Einführung von klimafreundlichen Maßnahmen positiv beeinflusst werden.