Augenschmaus und Ohrengraus – ein moderner Ballettabend in drei Teilen

von Verena Bauer (13. April 2015)

 

© Henning Rosenbusch

Kraftvoll für die Augen, etwas zu kraftvoll für die Ohren – so kann man die erste halbe Stunde des dreiteiligen Ballett-Abends »Hypnotic Poison«, der aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Thema »Leidenschaft« beleuchtet, umschreiben. Die Kreation des Stuttgarter Choreografen Demis Volpi, gleichzeitig titelgebende des gesamten Balletts, hat großes Potenzial, mit emotional aufgeladenen Stories und kraftvollem Körpereinsatz des Tanzensembles das Publikum in seinen Bann zu ziehen, wären da nicht die Geräusche, die aus dem Lautsprecher ertönen.

Da ist zunächst ein schrilles Lachen, am Anfang lediglich irritierend oder gar amüsant, irgendwann nur noch störend, bis man sich zuletzt nur noch die Ohren zuhalten möchte. Was dazu getanzt wird ist sinnlich und aufreibend zugleich, geht aber völlig unter in der Geräuschkulisse. Dann ist da ein Mädchen auf der Bühne, das von einem Verführer in die Falle gelockt wird. Man möchte mitfühlen, fast spürt man die Angst – wäre da nicht die Hintergrundmusik, die einen davon abhält. Auch als der Fischer von der Nixe ins Wasser gelockt wird, kann der Funke einfach nicht überspringen. Zu viel Geräusch ist da, das sich unangenehm ins Innere des Gehörs frisst.

Eine regelrechte Wohltat ist dagegen die zweite Choreografie des Coburger Ballettdirektors Mark McClain. Sechs Frauen in unterschiedlichen, schwarzen Abendkleidern erzählen, jede für sich, ihre Geschichten von der Liebe. Da kommen die unterschiedlichsten emotionalen Bandbreiten zusammen, von der wehmütigen, unerwiderten Liebe über die Reize einer Hass-Liebe bis zum Schmerz des gebrochenen Herzen. Die Tänzerinnen bewegen sich mal leicht, mal mit intensivem Körpereinsatz zu jazzigen Sounds von Billie Holiday bis Aretha Franklin. Zwar ist hier nicht viel Neues zu sehen, das Bewegungsrepertoire bleibt im Großen und Ganzen klassisch. Doch was die Frauen ausdrücken, kauft man ihnen einfach ab. Hier springt der Funke über, man fühlt mit, wird von den Emotionen eingenommen und von den Stories mitgerissen. So sanft wie sie begonnen hat, klingt diese zweite und vielleicht schönste halbe Stunde des Ballettabends aus.

Im dritten Teil des Balletts, kreiert von der koreanischen Choreografin Young Soon Hue, geht es wiederum sehr modern zu. Man findet sich zunächst an einem Flughafen wieder, spürt die Hektik, die an solchen Orten herrscht. Gepäck und Stühle werden herum gezogen, Menschen eilen hin und her. Ein paar verabschieden sich, manche schlafen im Sitzen ein und andere können sich nach Langem wieder in die Arme schließen. Die unterschiedlichsten Persönlichkeiten sind vertreten, doch haben sie alle eines gemein: was man hier sieht, ist alles nur eine Maske. Das wird im zweiten Teil dieser letzten halben Stunde deutlich, wo die äußeren Hüllen fallen, die Atmosphäre sich gleichzeitig beruhigt und verdichtet, die Tänzer sich einander nähern. Begleitet von stimmungsvollem Licht und entsprechender – diesmal angenehm passender – Hintergrundmusik geht es nun nur noch um den Mensch an sich in seiner reinsten Form. Fast nackt nähern sich Körper, schmiegen sich aneinander, tanzen anmutig zusammen. Dennoch bleibt das Ganze sehr kraftvoll und modern.

Young Soon Hue hat es hier zustande gebracht, etwas Neues zu erschaffen und dennoch dem Publikum gegenüber gefällig zu bleiben. Was genau im zweiten Teil der Geschichte erzählt wird, ist jedoch nicht ganz einfach zu verstehen – manches bleibt ein Rätsel, vieles erfordert einiges an Interpretation. Ein angenehmer Eindruck bleibt aber und eine tiefgründige Choreografie geht hiermit zu Ende.

Ein allgemeines Fazit kann an dieser Stelle kaum abgegeben werden, viel zu unterschiedlich waren die drei Teile des Ballettabends. Einer der letzten beiden Choreografien den Vorzug zu geben, wäre ein rein subjektives Urteil. Young Soon Hue hat auf jeden Fall einen Meilenstein für das moderne Ballett gesetzt, Mark McClain dagegen hat sozusagen aus Altem etwas Neues erschaffen und so für erfrischende Abwechslung gesorgt. Mit Sicherheit ist einzig zu sagen, dass Demis Volpi es mit Geräuschen und Musik wirklich etwas übertrieben hat. Leider, denn, wie schon gesagt: Was sich auf der Bühne abspielt, ist wirklich kraft- und eindrucksvoll, schwer zu missverstehen und trifft das Thema »Leidenschaft« aus verschiedensten Blickwinkeln vielleicht sogar am besten auf den Punkt... wäre man nur nicht so sehr damit beschäftigt, die Geräuschkulisse zu ertragen.

zum Ballettabend/Gastspiel des Coburger Landestheaters am 02.04.2015, 20:00