Traumreise der Möglichkeiten

von Felix Gerhard (14. April 2015)

 

© Thomas Bachmann

Endlich, will man sagen, wird der Buch- und Theatererfolg Tschick auch im ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg aufgeführt. Vergangenen Sonntag war es soweit. Eine Traumreise durch das Leben der Jugend, oder zumindest ihrer Möglichkeiten, ist ja auch egal, Hauptsache, man hat seinen Spaß.

Manche Geschichten erzählen sich wie von alleine. Tschick ist so eine, diese rasante Geschichte um Maik Klingenberg und seinen Freund Tschick, die in den Sommerferien ein Auto ›ausleihen‹, um damit in die Walachei zu fahren und unterwegs nicht nur seltsame Typen, sondern auch das Leben und die Freundschaft kennenlernen, womit die beiden gleich ein Stück Kindheit hinter sich lassen. Es dürfte kaum jemanden geben, der von Wolfgang Herrndorfs Roman nicht schon zumindest etwas gehört hat. Und auf den Bühnen der Republik hat es sich in den letzten Jahren zu den meistgespielten Stücken etabliert, bevor es endlich auch im ETA-Hoffmann-Theater inszeniert wurde.

 

Viel falsch kann man eigentlich nicht machen. Und Regisseur Frank Behnke, der schon in Münster auf sich aufmerksam gemacht hat, lässt hier nichts anbrennen. Das schon knackige Buch wurde von Robert Koall für die Bühne noch einmal geschickt zusammengekürzt und dramaturgisch klar ausgerichtet, sodass sich nun kein Gramm Fett zu viel an dem Korpus befindet, es aber auch nicht zu dürr geworden ist. Was zum Teil auch an der ernsten Grundierung des Stoffes liegt, die dem Ganzen ein wenig Bodenhaftung verleiht, die allen Beteiligten immer wieder vor Augen geführt wird. Adoleszenz ist kein Zuckerschlecken, weder für die Beteiligten, noch die Erziehenden. Da kann man schon mal den Boden unter den Füßen verlieren. So ist denn auch die Bühne schief, also aufsteigend nach hinten, wo es dann plötzlich wieder runtergeht. Nichts gibt den Schauspielern Halt und nichts bleibt ruhig stehen dort. Immer in Bewegung die beiden, immer unterwegs ins Irgendwo. Wo man sich gerade befindet, wird einem meistens erzählt. Es wird viel erzählt, aber es wird mitreißend erzählt, Bernhard Georg Rusch, der den Maik spielt, macht das toll. Die drei Schauspieler schlüpfen stets auch in die Rolle des Kommentators, die einzige Frau zudem noch in die der skurilen Bekanntschaften unterwegs und treiben die Handlung voran, die auf einer Bühne ohne viele Requisiten kaum darzustellen ist. Aber wer, der noch mit ausreichend Phantasie gesegnet ist, braucht viel mehr als einen kleinen Anstoß, um das Kopfkino losgehen zu lassen? Im Kopf sind die weiten Wege der beiden leichtfüßig übersprungen, blaues Licht heißt See und zwei Autoreifen heißen Auto. Zwischen der Erzählung und dem Spiel und der Requisite ist Platz für die eigenen Gedanken, ähnlich wie bei Kindern und Jugendlichen, die zu ihrem Spiel, sei es nun ernst oder spaß, auch nicht mehr benötigen. Denn das ist es doch, dieses Leben, ein großes Spiel, in das man hineingeworfen wird und dann schauen muss, wie man sich abstrampelt. Keiner sagt einem, wie man das macht, mit dem Schwarm, den man glaubt zu lieben. Ganz zu schweigen davon, dass einem niemand sagt, wann das denn nun wirklich Liebe ist. Und wenn irgendwas schief geht, dann packt eben der Freund einen ein und man fährt erstmal weg. Wo man dann das mit dem Spritansaugen rausfinden muss. Dann kann es auch mal zum Traum werden. Die Inszenierung lässt sich nicht auf den Versuch ein, ein durchweg rasantes Stück machen zu wollen. Schon, es geht mitunter schnell, die Dialoge sind es, die Konflikte zwischen Maik und Tschick und manchen Leuten, denen sie begegnen, aber gerade im Auto wird etwas Geschwindigkeit rausgenommen, die Szenerie wird traumartig, man schwebt von einer Welt in die andere. So kann man ein Abenteuer auch erleben. Eben mit Phantasie im Kopf. Im Kopfkino ist man selbst der Held, wo einem in der Welt nur die Rolle des Antihelden zugesprochen wird. Aber hey, was macht das, wenn der gleiche Film in mehreren Köpfen läuft?

Nun, man wird vielleicht älter, aber die Probleme bleiben. Deswegen gibt es hier auch keine anbiedernde Jugendsprache, hier und da einen Dialekt, aber insgesamt wird hier nicht versucht, einen auf jung zu machen, sondern junge Themen ernst zu behandeln. Dabei ist dann manches möglich, was in anderen Stücken zu gewagt wäre, wie etwa der manchmal kalauernde Humor, den man hier verzeiht, weil er einem einen guten Abend ausmacht, wo er ihn anders überstrapazieren würde, oder die Musik, die im Popfundus sehr wegen ihrer Wirkung ausgesucht wurde – aber der Fuß wippt, man sieht darüber hinweg. Es wird einfach ein Gefühl dafür vermittelt, wie man sich als Jugendlicher in manchen Situationen fühlt. Das hat bereits das Buch ausgemacht, dass es das so gut einfängt und das überträgt sich ein wenig verkürzter nun auch auf die Bühne. Wo Mut geboren wird, herrschten vormals Zweifel, wo Freundschaften entstehen, war einstmals Einsamkeit und Sehnsucht. Und am Ende des Abends, nachdem mit Kreide geschmiert wurde, mit Cola gespritzt, gespuckt und geblutet wurde, sieht die Bühne aus, wie der Partykeller der Eltern am nächsten Morgen. Es war nicht immer alles klug, aber geil war’s schon. Und ein wenig was hat man vielleicht auch gelernt.

weitere Vorstellungen ausverkauft, Karten eventuell an der Abendkasse: 18./19., 23., 25./26. April und 11.-14. Juni