Olé, Olé, Olé - Scheiß Katholiken!

von Kevin Dühr (13. Mai 2015)

 

© Marion Bührle

Eine Begegnung zweier traditionsreicher Mannschaften löst im Fußball starke Emotionen aus. Insbesondere jüngere Enthusiasten suchen gerne und finden in einem der beiden Kontrahenten einen Bezugspunkt, der vielleicht in ihrem Leben fehlt, und lassen sich gelegentlich zum Fanatismus hinreißen. Was aber passiert, wenn Begegnungen allgemeiner und nicht spielerischer Natur sind? Was passiert, wenn zwei Parteien aufeinander treffen, deren Anerkennung nicht mit sportlichen, sondern kriegerischen Mitteln durchgesetzt wird? Und was passiert mit den Menschen, die an dieser Auseinandersetzung beteiligt sind? Im Zuge der 33. Bayerischen Theatertage kam im E.T.A Hoffmann-Theater Bamberg die Produktion In aller Ruhe (Quietly) des Nürnberger Staatstheaters zur Aufführung, deren Text von Owen McCafferty sich mit Fragen nach Schuld, Vergebung und der Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse auseinandersetzt.

In einem Pub in Belfast verfolgt der polnische Wirt Robert im Fernsehen ein Spiel der nordirischen Nationalmannschaft gegen das seines Geburtslandes. Als einer seiner Kunden, Jimmy, den Pub betritt, zeigt er sich verärgert über den Rückstand seines Teams. Doch der Nordire Jimmy ist wie die Jugendlichen vor dem Pub wenig an der Partie interessiert. Er ist wegen etwas anderem hier. Er verrät Robert, dass er jemanden treffen wird und dass es Ärger geben könnte, beschwichtigt ihn jedoch sogleich. Kurze Zeit später betritt Ian den Pub. Er und Jimmy sehen ähnlich aus, sind im gleichen Alter und in Belfast aufgewachsen. Eigentlich hätten sie beste Freunde sein können, wenn sie nicht innerhalb des gleichen Viertels von zwei unterschiedlichen Parteien instrumentalisiert worden wären. 1974, zwei Jahre nach dem sogenannten „Bloody Sunday“, an dem britische Soldaten 13 Menschen in der nordirischen Stadt Londenderry erschossen, sind Jimmy und Ian 16 Jahre alt. Ihr Alltag hält eine Balance zwischen Gewalt und dem Ordinären. Während Jimmys Vater den Fernseher in den nahe liegenden Pub befördert, um in geselliger Runde das WM-Spiel zwischen Deutschland und Polen zu sehen, wird Ian von einer Gruppe ihm nur flüchtig bekannter Männer der UVF darauf eingeschworen, nach dem Ausruf „Scheiß Katholiken!“ schnellstmöglich die Bombe und daraufhin die Tür des Pubs wieder in die Angeln zu werfen. Jetzt, 36 Jahre später, fordert Jimmy, der sich daraufhin der IRA anschloss, eine Erklärung am Ort des Geschehens.

 

Patricia Benecke inszeniert den Einakter von Owen McCafferty mit professionellem Feingefühl für die Figuren, die sie zunächst auch räumlich als Opposition zueinander auftreten lässt. Wie bei zwei gleichstarken Mannschaften vor Anpfiff sind die Spielfelder klar voneinander getrennt. Im Verlauf des Abends nähern sich die beiden Parteien an und durchmischen sich, ohne einer eindeutigen Lesart den Vorrang zu lassen. Sowohl Jimmy (Michael Hochstrasser) als auch Ian (Heimo Essl) zeigen an die Bar gelehnt dem Zuschauer oft monologisch in der irischen Erzähltradition verhaftet ihre Seite der Medaille. Weder soll hier die Schuldfrage geklärt, noch Vergebung erzwungen werden, vielmehr wird ersichtlich, dass es oft Kinder oder Jugendliche sind, die unbedarft und Orientierung suchend in Konflikte dieser Art hineingezogen werden. Vor allem die zweite Hälfte der Inszenierung fasziniert mit dem Stück für Stück besser durchleuchtetem Ereignis, das zwar nach 36 Jahren endlich zusammengefügt werden konnte, ohne aber letztendlich eine befriedigende Lösung anzubieten, mit Ausnahme des Austauschs darüber. Denn Jimmy und Ian schaffen, was oft nicht zustande kommt. Sie berichten dem Gegner, sie reden miteinander. Die Unentschiedenheit des Texts ist dabei seine größte Stärke und tröstet über die etwas zu lang geratene Exposition der Inszenierung hinweg, die den Zuschauer zwar gut in die Atmosphäre des Pubs und die Anspannung der beiden Kontrahenten einführt, jedoch bald nach dem eigentlichen Verhandlungsgegenstand suchen lässt, ohne rechtzeitig zu liefern. Der reduzierte Einsatz von Musik und Toneinspielungen hingegen unterstreicht das angespannte Verhältnis der beiden Parteien vortrefflich. Während beide Hauptdarsteller gut in die Rollen der von den Ereignissen zerrütteten Persönlichkeiten schlüpfen, hebt sich Heimo Essl als Ian insofern hervor, da Michael Hochstrassers Spiel streckenweise zu leiernd wirkt.

Das Ende hebt die heute mit den Vorzeichen der Immigration versehene Aktualität des Stoffs hervor. Der von dem Polen Robert (Thomas L. Dietz) bewirtete Pub scheint immer noch inmitten einer mit Gewalt und Vorurteilen unterfütterten Gesellschaft zu stehen, obwohl, wie auch im Falle des Bühnenbilds (Elena Köhler), die Vergangenheit über allem schwebt. Denn die Figuren lehnen sich an keine realistische Theke eines urigen Pubs, sondern müssen sich mit den schattenhaften Andeutungen eines solchen zufrieden geben, während über ihren Köpfen eine invertierte, echte Bar hängt, aus der zum einen das Bier genommen wird, das schon die Väter der Beteiligten getrunken haben, und zum anderen daneben noch die Stühle und Kleiderfetzen befestigt sind, als hätte seit 36 Jahren niemand daran gedacht, diese Dinge beiseite zu schaffen. Analog dazu finden sich im gesamten Zuschauerraum mehrere Schaukästen, die Alltagsgegenstände aus dem Irland der 1970er Jahre zeigen und aufgrund ihrer etwas willkürlichen Verteilung im Raum leider keine allzu große Wirkung auf den Gesamteindruck hinterlassen. Die geschickte Platzierung einzelner Zuschauer an den Ausläufern der randlosen, zerklüfteten Bühne unterstützt die Andeutung eines Kneipenraumes, der zugleich zur Zwischenebene für den Diskurs wird. Aktuelle Bezüge finden sich in den Kostümen von Annemarie Bulla, die die beiden Hauptdarsteller, ihren Gemeinsamkeiten entsprechend, mit ähnlichen Outfits ausgestattet hat. Die bodenständige Kombination von Boots, Jeans und sportlich geschnittenen Lederjacken lassen einerseits Assoziationen zur Arbeiterschaft zu, verweisen aber auch auf Trikots zweier Mannschaften, die sich gegenüberstehen. Passend dazu präsentiert sich Robert als Figur zwischen den Stühlen mit den Streifen eines Schiedsrichters.

Wie auch beim Fußball eint und verbindet die Zugehörigkeit zu einer Gruppe Menschen mit gleichen oder aber verschiedenen Interessen, jedoch findet zugleich eine Differenzierung zu anderen statt. Die Gruppe formiert sich dabei gegen eine weitere, obwohl sich ihre jeweiligen Teile womöglich ähneln. Zum Fanatismus kommt es schließlich aufgrund einer fehlenden Transparenz und Auseinandersetzung mit der anderen Seite. Owen McCaffertys In aller Ruhe (Quietly) versucht dem beizukommen und zu verstehen. Patricia Beneckes Inszenierung schafft es diese Botschaft auch in Bezug auf Fragen nach Schuld und Vergebung zu vermitteln.

Weitere Vorstellungen in der Bluebox des Staatstheaters Nürnberg: 17. Mai, 08. Juni und 19. Juni 2015.