Glück braucht Disziplin!

von Tina Betz (20.Mai 2015)

 

© Regine Heiland

Die Suche nach dem Glück und dem Glücklich-Sein beschäftigt den modernen Menschen, denn jeder ist »seines eigenes Glückes Schmied«. Handelt es sich früher um das Schicksal, das dem Menschen zu seinem persönlichen Glück verhalf, so ist es heute die Eigenleistung des Individuums. Der Mensch von heute findet Strategien, Ratgeber und Handlungsanweisungen, die ihn (vermeintlich) zuverlässig zum individuellen Glück führen sollen. Glück ist schließlich trainierbar und selbst wenn dieses Training mal Muskelkater in Form von Traurigkeit verursacht, hilft im äußersten Notfall immer noch die Entspannungs-CD mit Meeresrauschen. Denn: wer auf dem Weg zum Glück scheitert, hat komplett versagt! Anlässlich der 33. Bayrischen Theatertage gastierte Der Weg zum Glück, eine Produktion der Theaterakademie August Everding auf der Studiobühne des E.T.A Hoffmann-Theater. Das Schauspiel von Ingrid Lausund war ursprünglich als Monolog eines einzelnen Schauspielers geplant, die Theaterakademie jedoch arbeitet mit einer Besetzung aus acht Schauspielern und kombiniert dabei die Elemente Sprache, Musik und Bewegung miteinander.

Das Stück beginnt fließend, die acht Schauspieler, die jeweils einen Teil einer Person repräsentieren, vertiefen sich in Ratgebern, die auf der Suche nach Glück bzw. dem Zustand des Glücklich-Seins behilflich sein sollen. Immer wieder fließen die Ratschläge und Gedanken ineinander und fallen sich gegenseitig ins Wort – die Wege sind vielfältig, obwohl sie das gleiche Ziel verfolgen. Immer wieder rückt eine Variante der Person in den Mittelpunkt und stellt eine Möglichkeit vor, den ersehnten Zustand aus Entspannung, innerer Ruhe und Selbstzufriedenheit zu erreichen. Dabei steht das »Ich«, der subjektive und individuelle Weg im Mittelpunkt. Das fordert Selbstreflexion und eine eingehende „Selbstzerstückelung“ und Analyse der eigenen Bestandteile. Trotz intensiven Bemühens stehen sich alle Personenanteile immer wieder selbst im Weg und scheitern an der von ihnen selbst gestellten Aufgabe. Dieses Scheitern ist jedoch keineswegs akzeptabel und wird immer wieder kaschiert, denn ein Neuanfang, das »Ich fang nochmal an« ist jederzeit möglich. Dennoch oder gerade deshalb endet jeder Versuch und Neuanfang letztendlich in Hysterie, Panik und Verzweiflung. Es ist gestaltet sich unmöglich, das Durcheinander aus Gedanken im Zaum zu halten, immer wieder durchbrechen sich die einzelnen Varianten der Person. Gibt es ihn wirklich – den zuverlässigen Weg zum Glück?

 

Katja Wachter und Mario Andersen sehen in ihrer Produktion ein Experiment, in dem sie versuchen Sprache, Bewegung und Musik in wechselnden Verhältnis miteinander zu verbinden. Das gelingt ihnen hervorragend: Musik und Bewegung verschmelzen miteinander. Die Gedanken, Nöte und Ängste, die an den Personenanteilen ziehen und zerren, werden optisch umgesetzt. Teils ruckartig, teils fließend bewegen sich die Schauspieler passend zum eigenen Text und verkörpern Rastlosigkeit, Unruhe und Zerrissenheit, die mit der verzweifelten Suche mit dem Glück verbunden ist. Die Personenanteile unterbrechen sich gegenseitig, das Durcheinander der Gedanken wird nicht nur hörbar, sondern sichtbar. Zwänge, Ängste und Panik manifestieren sich in Sprache und Musik zu gleichen Teilen. Hinzu kommen Personenteile, die genauso harmonisch miteinander agieren, wie sie sich gegenseitig im wörtlichen Sinne nahezu akrobatisch aus der Bahn werfen können. Komische und irrwitzige Kommentare zerreißen den verzweifelten Charakter des Stücks. Dabei überzeichnen und überspitzen tänzerische Bewegungen das Gesagte und machen den Text regelrecht sichtbar. Die acht Personenanteile widersprechen sich, durchbrechen sich gegenseitig und könnten einander nicht unähnlicher sein, ergänzen sich aber wiederum durch Bewegung und Musik zu einem Ganzen.

Zu Beginn des Stückes scheint die Suche nach Glück, innerer Ruhe und Entspannung systematisch und geordnet abzulaufen, im Verlauf steigeren sich jedoch Hysterie, Panik und Verzweiflung bis sie schließlich einen Höhepunkt erreichen. Anlässlich des eigenen Geburtstags wagen die einzelnen Personenanteile Gedankenspielereien, wie dieser besondere Tag ausehen soll. Nun beginnt sich das Stück im wahrsten Sinne des Wortes im Kreis zu drehen, was den ständigen Neuanfang und das immer wiederkehrende Scheitern untermalt. Immer wieder beginnt ein Personenanteil sich den »perfekten« Geburtstag auszumalen, um dann wieder mit den Worten »Ich fang nochmal an«, wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren und den bestmöglichsten Weg zu suchen. Die Eskalation und Zuspitzung erreicht gegen Ende des Stückes ihren Höhepunkt. Alle Personenanteile verfallen in völlige Rast- und Ruhelosigkeit und wie wirbelnde Gedanken beginnen sie verzweifelt im Kreis zu laufen. Die Suche nach dem Glück hat sich als kräftezehrendes, erfolgloses Unterfangen entpuppt, das den Suchenden letztendlich in Verzweiflung und Panik versetzt. Alles Training, alles Bemühen und planvolles Vorgehen erweist sich nutzlos, alle Zuversicht schwindet und lässt nur Platz für Scheitern und Erschöpfung.

Der Weg zum Glück zeigt sich überspitzt, voller – teils – grotesker Komik. Die Pfade, die das Stück einschlägt sind vielfältig, Bewegung und Musik illustrieren und pointieren dabei den Text hervorragend. Das Sich-im-Kreis-Drehen auf sprachlicher, musikalischer und tänzerischer Ebene verstärkt dabei den ruhelosen und rastlosen Charakter des Stückes. Die Inszenierung von Wachter und Andersen wirkt auf erfrischende Weise übertrieben, ohne dabei an Authentizität zu verlieren.

Es handelt sich dabei um ein einmaliges Gastspiel im Zuge der 33. Bayrischen Theatertage in Bamberg.