Tief in einem dunklen Wald

von Johann Pfeiffer (25. Mai 2015)

 

© Jochen Quast

Neil LaButes Bash entwickelte sich in der Spielzeit 2001/02 zum meistgespielten Stück in Deutschland. Bereits 2001 wählte die Theater heute den amerikanischen Dramatiker zum ausländischen Autor des Jahres. Der Text gehört aber noch nicht zum alten Eisen, wie das Theater Regensburg am Freitag bei den bayerischen Theatertagen bewies. Lautstark beklatschte das Bamberger Publikum das Ensemble für einen aufwühlenden Theaterabend. Mir liegen nicht nur die verstörenden Geschichten, sondern auch die misslungene Dramaturgie immer noch schwer im Magen.

Wer seinen Büchner fleißig studiert hat, weiß, dass in jedem Menschen ein tiefer Abgrund lauert. Trotz aller guten Absichten wird Woyzeck zum Mörder, da er die Demütigungen seiner Umwelt nicht mehr ertragen kann. Es ist eine unheimliche Vorstellung, mit der man sich nicht wirklich beschäftigen möchte: Steckt in jedem von uns Gewalt? Und kommt es nur auf die Situation an, bis sie unkontrolliert ausbricht? Diesen Fragen geht Neil LaBute in drei verschiedenen Einaktern nach und betrachtet dafür alltägliche, beinah banale Situationen, die bei ihm die Wucht von antiken Tragödien besitzen.

Ein junger Geschäftsmann erzählt von rauem Betriebsklima seiner Firma. Mit ausgestreckten Ellbogen kämpfen die Kollegen um ihre Position. Harmlose und unbedachte Bemerkungen können unter diesen Umständen schnell zu einem ernsthaften Problem werden. Als der Protagonist den Tipp erhält, dass er unter den vier möglichen Kandidaten ist, die gekündigt werden sollen, brennen bei ihm alle Sicherungen durch. Er bringt sein Baby um und hofft, dass sein Chef ihn nach solch einem Verlust noch einmal verschont. Ein Paar aus der Provinz möchte eine coole Party in der großen Stadt feiern. Der Mann fühlt sich bei seinem persönlichen Vergnügen von einem Homosexuellen gestört. Er prügelt ihn zu Tode und feiert anschließend weiter. Im letzten Einakter geht es um eine Frau, die mit 14 Jahren von ihrem Lehrer geschwängert wird. Während er an einem anderen Ort ein unscheinbares Leben mit einer neuen Frau führt, bleibt sie mit dem gemeinsamen Kind zurück. Auch wenn sie immer wieder beteuert, dass sie niemals Rachegelüste empfunden hat, lässt sie den angestauten Frust schließlich am unschuldigen Sohn aus.

 

In den drei Geschichten verschwimmt die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter immer wieder, so dass dem Zuschauer eine eindeutige moralische Bewertung schwer fällt. Man traut sich gar nicht laut zu sagen, welche Figur man tatsächlich verstehen kann, da die Sympathie für den Täter gleichzeitig viel über die eigenen Abgründe verraten könnte. Passend dazu sagte der Autor einmal über sein Stück: »Die Protagonisten von Bash meinen es, wie die meisten Menschen, die ich kenne, grundsätzlich gut, sind rücksichtsvoll und zurückhaltend. Sie haben außerdem die Kunst perfektioniert, anderen wehzutun. (…) Der Spiegel wird hochgehalten, schaut hinein oder nicht.«

Die Suche nach verdrängten negativen Gefühlen bildet auch die Ausganglage von Hannes Weilers Inszenierung am Theater Regensburg. Er lässt die unabhängigen Einakter nicht nacheinander spielen, sondern stellt sie einander gegenüber. Durch die Vermischung der Erzählungen erfahren wir nur nach und nach die bitteren Details der Morde. Zwischen den Szenen steigert er die Spannung durch Video-Sequenzen, in denen die Darsteller ziellos durch einen dunklen Wald irren. Eine stimmige Metapher für das Böse im Inneren des Menschen, die der Vorstellungskraft noch genügend Spielraum lässt. Die Dramaturgie des Abends funktioniert lange gut, denn zunächst werden nur die Monologe des Geschäftsmannes und der Mutter gezeigt. In ihren Szenen stehen Frerk Brockmeyer und Ulrike Requadt im schwachen Licht vor einer schlichten Holzwand. Ihr reduziertes und eindringliches Spiel genügt, um die unfassbaren Taten ihrer Figuren zu vermitteln. Plötzlich kippt die Dramaturgie jedoch, als Andine Pfrepper als oberflächliches Party-Girl mit schrillem gelbem Kleid die Bühne entert. Wenn man von ihrem hohlen Geplapper nicht erschlagen wurde, dann erledigt das darauf folgende plumpe Gewalt-Video die restliche Arbeit. Es ist schwer zu verstehen, wieso der Regisseur zum Schluss den Holzhammer rausholen musste, nachdem er lange allein dem Text und dezenten Bildern vertraut hat. LaButes schonungslose Brutalität bietet eigentlich schon genug Stoff für das Kopfkino.

Für einen Theaterfeinschmecker wie mich hinterlässt die Regensburger Inszenierung, die mir über weite Strecken sehr gut gemundet hat, leider einen faden Nachgeschmack. Manchmal wünscht man sich, dass man im Theater wie in einem Restaurant vorher gefragt wird: „Möchten Sie ihren LaBute blutig, medium oder durch?“ „Bitte durch. Ich besitze meine eigene Phantasie.“ Nach der Aufführung trinke ich mit einem Freund noch ein E.T.A.-Hoffmann-Bier im Festzelt. Den Wein habe ich ihm ausgeredet, da ich außerhalb der Kunst lieber bodenständig bleibe. Nach dem guten Bamberger Bier steht mein Fazit fest: Schwere Kost muss man nicht (immer) schwer servieren.

Es handelt sich um ein einmaliges Gastspiel des Theaters Regensburg im Zuge der 33. Bayerischen Theatertage in Bamberg.