Knirsch, Kiesel, knirsch! Schon gespannt?

von Mirjam Schmitt (25. Mai 2015)

 

© Ludwig Olah

Vier Schauspieler in 49 Rollen, 117 Toneinspielungen, die Pantomime auch für das Gehör erlebbar machen oder aber aus dem unendlichen Topf der Filmmusik schöpfen, 60 Umzüge, die 30 verschiedene Spielorte schaffen. Die 39 Stufen, am 21. Mai im Rahmen der 33. Bayerischen Theatertage in Bamberg vom Ensemble des Ingolstädter Stadttheaters aufgeführt, hielten, was auch der Meister des Suspense selbst versprach: großartige Unterhaltung und unermüdlichen Thrill. Die Inszenierung von Anatol Preissler ist nicht nur eine Hommage an Hitchcock, sondern an den Film selbst – und das, ohne der Theaterkunst auch nur das Geringste abzusprechen.

Auf der Bühne nur ein Hauch von Requisite, spricht Richard Hannay, der Gehetzte aus Hitchcocks Die 39 Stufen, in einem Lichtkegel sitzend von seiner aus der Langeweile geborenen Lebensmüdigkeit und schenkt sich dabei ganz nach Manier des Helden des großen Hollywoodkinos einen Drink ein. Das Geräusch gluckernder Flüssigkeit, genauer gluckerndem Scotch, und klirrende Eiswürfel in einem Glas – nichts davon, außer die Schallwellen, existiert auf der Bühne – bietet den Auftakt zu einem Stück, das gespickt ist mit Schnipseln filmischer Soundkulissen, genreübergreifender Melodien aus dem Repertoire der Filmmusik und einer Live-Vertonung aus den Kehlen der Schauspieler.

 

Immer nah am Plot des filmischen Vorbilds kann sich der Zuschauer auf eine temporeiche und unsäglich unterhaltsame Fahrt durch die Szenenlandschaft dieses Klassikers gefasst machen. Bereits bei der Eröffnungsszene des ersten Akts wird allerdings klar, dass Preissler seine Figuren betont anders zeichnet. Dies gelingt ihm bei Hannay, souverän und mit viel Klasse von Olaf Danner gespielt. Seine Eitelkeit und sein Überdruss an der Monotonie des Lebens sind ein Erklärungsansatz dafür, warum er sich eigentlich an die Fersen der Mörder von Spionage-Agentin Annabella Schmidt heftet (deren Leiche im Übrigen in seinem Appartement auf die Putzfrau wartet), und damit im Alleingang und völlig unvorbereitet zu verhindern versucht, dass für die Sicherheit Großbritanniens enorm wichtige Informationen außer Landes gebracht werden. Weniger glaubhaft erscheinen da Annabella Schmidt – diese Figur bricht sich an der Falle eines imitierten Akzents beinahe das Genick – und Pamela (beide gespielt von Patricia Coridun), Denunziantin, unfreiwillige Begleiterin und spätere Geliebte Hannays. Letztere wirkt in mancher Szene zu über-, oder besser, unterzeichnet. Was von Hitchcock als Misstrauen und Starrköpfigkeit interpretiert ist, wird bei Preissler zu schierer Naivität und Dümmlichkeit. Wenn der Akzent der Annabella Schmidt für diesen Charakter der Weg in die Falle ist, dann sind die Slapstick-Szenen zwischen ihr und Hannay sein Todesstoß. Sie bleiben unelegant plump, in ihrer Wortspielerei mehr als abgegriffen und können der subtilen Komik Hitchcocks nicht das Wasser reichen.

Solche Mankos sind aber schnell verziehen und vergessen angesichts der Großartigkeit des Gesamtwerks. Jan Gebauer und Peter Reisser (u.a. ein grandioser Mr. Memory!), die – zählt man diverse Schafe dazu – jeweils an die zwanzig Rollen bedienen, bringen zusammen mit einem ständig changierendem Bühnenbild eine unvergleichliche Dynamik auf die Bühne, was nicht nur einmal für begeisterten Zwischenapplaus in den Publikumsreihen sorgte. Perspektivwechsel und Zeitlupen, die der Filmregisseur mit Leichtigkeit durch seine technischen Möglichkeiten generiert, werden bei der Theateradaption nicht etwa gestrichen, sondern gekonnt und einfallsreich mit allen Tricks des Mediums Bühne umgesetzt. Wenn drei Kisten ein Zugabteil symbolisieren, das Öffnen und Schließen der Schiebetüren dabei präzise, und nicht aus dem Lautsprecher, sondern live synchronisiert wird, wenn in dieser Atmosphäre eine wilde Verfolgungsjagd nicht nur im, sondern auch am und auf dem Zug beginnt, und sich dann zwei Schauspieler mit vier Hüten von vier Figuren einen minutenlangen, rasanten Rollen-Schlagabtausch liefern, dann ist das nicht nur brillant. Es beweist, dass dem Thrill und Suspense auf der Bühne keine Grenzen gesetzt sind.

Intelligent, humorvoll und mit viel Liebe zum Detail schafft sich diese Inszenierung eine reiche Vielfalt an unterschiedlichsten narrativen Kunstformen und deren Gestaltungsmöglichkeiten. Die Bühnenadaption von Die 39 Stufen ist zugleich Persiflage von und Hommage an Hitchcock, an den Film, an das Theater. Sie bringt das Publikum zum Lachen und scheut sich nicht davor, es im Gegenzug auszulachen. Und – Hand aufs Herz – einen Polizisten, der mit einem Fensterrahmen Hoola Hoop tanzt, kann es nur auf der Bühne geben! Knirsch, Kiesel, knirsch.