Vive le Cheese

von Anna-Lena Oldenburg (26. Mai 2015)

 

© Christian Flamm

Vollkommen zurecht als Kuriosum angekündigt: Das kleine Theater Wasserburg aus dem Münchner Umland brachte das dort uraufgeführte Stück Käse – Die Komödie des Menschen, geschrieben 1939 vom 18-jährigen Wolfgang Borchert zusammen mit seinem Freund Günter Mackenthun, mit zu den Bayerischen Theatertagen. Nahezu unbekannt, in Schriftform kaum ausfindig zu machen und für lang Zeit verschollen, bildet Käse einen beeindruckenden Kontrast zu Borcherts bekanntem Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür. Dem Publikum im nicht gänzlich ausgelasteten großen Saal des E.T.A.-Hoffmann-Theaters bot sich ein musiklastiges, stampfendes Stück, das das Indoktrinationspotenzial von Kunst auslotete, Borcherts Reflexion über Krieg und Totalitarismus fortführte und das vor allem in lockere popkulturelle Referenzen gekleidetes Erbe des 20. Jahrhunderts zu sein schien. Kompliziert und mitunter verwirrend und unter seinen elektronisch versiegelten Oberflächen perfide und boshaft – und damit vielleicht sinnbildlich für die heutige Zeit?

Käse wurde von Borchert ursprünglich als Parodie auf Adolf Hitler geschrieben und so ist es auch der Plan des größenwahnsinnigen Käsehändlers Ambrosius Meier, der für sein »Volk«, das Theaterpublikum, kaum mehr als Verachtung übrig hat und sich deswegen perfekte Maschinenmenschen erschafft, den Mars zu kolonialisieren und die Erde mit Käsegas zu zerstören. Weitere Handlung und Figuren existieren wohl, doch ein zusammenhängender Plot lässt sich, aufgrund der vignettenartigen Performance, kaum rekonstruieren. Da treten wohl eine Nackttänzerin auf, ein genialer Schriftsteller, zwei perfekte Maschinenfrauen, die von lüsternen Chauvinisten erschaffen wurden. Drei Leinwände mit Videoprojektionen (zu sehen sind die Weiten des Universums, der geriebene Käse, die Marslandschaft, mitunter werden sie auch zur Projektion von hypnotisierenden Parolen genutzt, wie »TRINK TRINK TRINK« oder »KAE SE DUFT, GOE TTER LUFT«), drei Männer in typischer Kraftwerk-Montur (rotes Hemd, schwarze Krawatte) hinter drei Steuerungspulten. Kraftwerk, überhaupt, ist ein wichtiger künstlerischer Bezugspunkt des Abends, im Bezug auf Musik, Bühnenbild und Technikaffinität. 

 

Am Ende des Abends bleibt nicht viel übrig, außer einem unangenehmen Gefühl im Bezug auf das, was man auf der Bühne gesehen hat. Problematische Mann-/Frau-Beziehungen, in denen die Frau infantilisiert und technologisiert wird, eine kaltblütige männliche Führungsriege, die sich auch untereinander manipuliert, der Versuch die Menschheit einzulullen, während die eigenen diabolischen Pläne in die Tat umgesetzt werden (vieles was ursprünglich wohl als Kritik am Nationalsozialismus geschrieben war, passt sich gut ein in die schon länger intensiv betriebene Kapitalismuskritik der Jetztzeit) und dann ist da noch diese Szene, die sich in den Kopf einbrennt: Wo vorher noch beiläufig und gelangweilt im hinteren Teil der Bühne Street Fighter gespielt wurde, bei dem sich, wie der Name schon sagt, zwei Kontrahenten versuchen gegenseitig digital die Köpfe einzuschlagen, wird später mithilfe derselben Controller Käsegas gezielt zur Tötung von Menschen eingesetzt. Der angerichtete Schaden lässt sich nur am Monitor nachvollziehen, mithilfe einer vereinfachten, digitalisierten Karte der Welt. Ein einprägsames Bild dafür, wie Technologisierung und die dadurch mögliche Distanz zum Schlachtfeld sich auf moderne Kriegsführung auswirkt. Noch schlimmer, dass die Fürbitten des Schriftstellers Wolff Guenter an den Weltgeist, Hölderlin, Shakespeare ihm, dem impotenten Künstler, Kraft zu geben, unerhört bleiben. Keine Chance für eine humanistische Rettung.