»Erst die Pflicht und dann die Liebe«

von Tessa Friedrich und Dominik Achtermeier (11. Dezember 2015)

 

© Martin Kaufhold

 

Die Welt der Kleinstadt Krähwinkel ist zugleich quietschbunt, kleinkariert und spießig. Regisseurin Isabel Osthues inszenierte das gleichnamige Stück als farbenfrohe Persiflage, die kleinstädterische Lebenshaltungen überspitzt und mit viel Witz aufs Korn nimmt. Und was bildet das Spießbürgertum zusätzlich besser ab als gelegentliche Schlager-Einlagen?

Die Sonne geht auf. Die Bürger kommen verschlafen, aber tadellos gekleidet aus ihren Häusern. Es wird sich der neueste Klatsch und Tratsch erzählt, der Bürgermeister bewundert sein Städtchen, man geht wieder zu Bett. Und wieder geht die Sonne auf und unter. Der Tagesablauf in der Kleinstadt Krähwinkel ist stets derselbe, doch niemand scheint sich an dieser Routine zu stören. Niemand, bis auf Sabine (Anna Döing), die Tochter des Bürgermeisters (Volker Ringe). Sie sehnt sich nach Freiheit, nach einem Leben in einer Gesellschaft, die ihr nicht andauernd vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen hat – wie in Berlin, die Großstadt schlechthin, in der sie schon einmal für kurze Zeit leben durfte. Und in der sie sich auch verliebte.

Schon in den ersten Minuten von Krähwinkel, ein Stück nach August von Kotzebues Die deutschen Kleinstädter, sieht und spürt man, dass den Zuschauern ein heiterer und unterhaltsame Abend bevorsteht. Dem Öffnen des Vorhangs folgt Walzermusik und man blickt auf das kitschigste Bühnenbild überhaupt: grüne Wiesen, rote Lampen und Büsche in kunstvollen Formschnitten. Komplementiert wird dieses Bild durch die kunstvoll-überzeichneten Charaktere und Einwohner der Kleinstadt, die sofort die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite ziehen. Sollten ihre Kleider, Frisuren und ihr Verhalten überhaupt noch so skurril daherkommen, man muss sie einfach lieb haben.

Ihre verschlossene Idylle wird allerdings gestört, als ein Brief via Luftpost über dem dörflichen Kleinod abgeworfen wird – eine Nachricht aus der Außenwelt, die besagt, dass auf Geheiß des Ministers ein gewisser Olmers (Daniel Seniuk) das kleine Städtchen besuchen werde. Und das ist zufällig genau derjenige, für den Sabines Herz schlägt.

Ab diesem Punkt zieht Krähwinkel alle Register, die eine Komödie zu bieten hat: Vom klassischen Verwechslungsspiel geht es zum Austricksen der Naiven bis hin zu Szenen, in denen nur aneinander vorbeigeredet wird. Dazu kommen mehrere Darbietungen von Schlagersongs und - potpourris von Udo Jürgens bis Marianne Rosenberg sowie die simple Komik der unerträglich langen Prestigetitel eines jeden Bürgers, die eher Zungenbrechern gleichen als noblen Anreden. Und für diejenigen, die das immer noch nicht lustig finden, gibt es noch ein paar Anspielungen auf Bamberg und Schauspieler, die plötzlich die Hilfe der Souffleuse benötigen.

Doch hinter all den Allüren verstecken sich Probleme, die mit kleinkariertem Spießbürgertum einhergehen. Was in anderen Städten vor sich geht ist mehr als uninteressant, Veränderungen sind unerwünscht, niemand darf aus der Reihe tanzen. Sensationsnachrichten werden schneller geglaubt als wahre Tatsachen, da es keine besseren Gesprächsthemen gibt als Gerüchte, Kuchenrezepte und den neuesten Tratsch über Nachbar XY. Am härtesten bekommt dies der Neuling Olmers zu spüren: Wird er zu Beginn noch umgarnt und kann sich vor Verehrern und Verehrerinnen nicht retten, wird er später zum Gespött des Städtchens, da er kein Tischgebet spricht, den Simplicissimus nicht gelesen hat und – vor allen Dingen – keinen Titel besitzt. Hinter seinem Rücken wird leidenschaftlich über den Sittenverfall gelästert, sodass sich Olmers geliebte Sabine immer wieder in der Rolle der Vermittlerin zwischen stagnierten Traditionen und moderneren Angewohnheiten wiederfindet. Kein Wunder also, dass sie mit ihrem Traummann einfach nur noch flüchten, nein, sagen wir besser standesgemäß den Segen des Vaters mit auf den Weg bekommen will. Doch der Herr Papa, in seinem Zeichen Bürgermeister und Oberältester zu Krähwinkel und seine dominante Schwester, Frau Untersteuereinnehmerin Staar (Katharina Brenner) haben andere Pläne für sie: Sabine sollte lieber den Herrn Bau-, Berg- und Weginspektorssubstitut Sperling (Bertram Maxim Gärtner) heiraten. Denn dieser hat ja auch den längsten Titel in Krähwinkel. Und zusätzlich haben es ja auch die frivole Frau Oberfloß- und Fischmeisterin (Pina Kühr) und die naive Frau Stadtakzisekassaschreiberin (Ronja Losert) auf Olmers abgesehen.

Am Ende geht natürlich – wie sollte es auch anders sein – alles gut aus. Der Humor in Krähwinkel überzeugt ebenso wie die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles, wobei die Frauen dem Stück zu besonderem Glanz verhelfen. Ein Besuch in diesem Stück macht gute Miene zum bösen Spiel und versteht es sein Publikum zu begeistern. Am Ende stehen alle singend auf der Bühne des Ehrenwerten Hauses. Vorhang und Applaus.

 

Weitere Vorstellungen: 12., 13., 17., 18., 30. und 31. Dezember 2015 sowie 2., 3., 16. und 17. Januar 2016; ca. 2 Stunden 35 Minuten