„Menschen wie du und ich"

von Katharina Holzhauser

Donnerstag, 12. Dezember: Ein kühler und bewölkter Tag in der Bamberger Vorweihnachtszeit, tagsüber geschäftiges Treiben. Bisher keine besonderen Vorkommnisse in der Innenstadt. Dann, um etwa 19:30 betreten einige Besucher das E.T.A. Hoffmann Theater und bewegen sich nach dem Kartenkauf für die Abendvorstellung nichts ahnend zum Eingang des Theater-Treffs. Zu ihrer Überraschung werden sie vor Betreten des Saals jedoch vom Hals-Nasen-Ohren-Spezialist Dr. Böffkämper erst einmal auf zunächst unauffällige Erkrankungen, die die Vorstellung durch Husten oder Schnarchen stören könnten, hin untersucht.

Wer diese Hürde gemeistert hat, findet sich im Studio des regionalen Rundfunksenders von Stenkelfeld wieder und bekommt somit im Laufe des Abends einen umfassenden Eindruck dieses kuriosen Ortes und seiner Bewohner. Zu Anfang verfolgt der Zuschauer einen ‚Live-Bericht‘ von der Jahresverbandstagung der Hausmeister mit anschließender Preisverleihung für besondere Leistungen – beispielsweise das konsequente Unterbinden von Türenknallen und dem Betreten der Rasenflächen. Der hier aufs Korn genommene deutsche Spießbürger mit eher niedrigem Bildungsniveau bleibt jedoch nicht das einzige Opfer der bissigen Satire, denn auch die hochgerühmten Akademiker – seien es Kunsthistoriker, technische Wissenschaftler, oder Ärzte – und sämtliche anderen Berufs- und Gesellschaftsgruppen werden gnadenlos durch den Kakao gezogen.

Auch die Vermittlungsvarianten schöpft man voll aus, wenn dem Zuschauer abwechselnd Interviews, Gesprächsrunden, ‚Live-Übertragungen‘, Werbeeinspielungen, Schlagersongs oder die berühmten „Alltagsprotokolle“, die in sachlich emotionsloser Weise die kuriosesten Vorkommnisse wiedergeben, geboten werden. Thematisch liegt der Fokus gerade in der zweiten Hälfte des Stückes besonders auf der Zeit zum Jahresende, in der „Menschen wie du und ich“ scheinbar zu besonderer Extravaganz bei der Anbringung von Weihnachtsbeleuchtung und dem Abschuss von Silvesterraketen neigen.

Der ganze fiktive Ort Stenkelfeld ist eine maßlose Übertreibung – und führt so doch genau das vor Augen, was uns alle immer wieder ärgert: Eine Gesellschaft, die vieles zu ernst und anderes zu leicht nimmt, den Kern der Sache aus den Augen verloren hat und damit die Welt konsequent fehlinterpretiert. Damit findet sich hinter dem oft absurden, aber gerade dadurch ausgesprochen lustigen Stück auch immer eine saftige Sozialkritik, bei der sich wohl jeder Zuschauer irgendwann insgeheim an die eigene Nase fassen muss.

Wer nicht nur einen kurzweiligen Abend mit hochqualifizierten Schauspielern erleben will, sondern ab und an auch ein wenig Selbstironie aufbringen kann, sollte den Ausflug nach Stenkelfeld nicht versäumen.

Stenkelfeld
Detlev Gröning, Harald Wehmeier
E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg
Weitere Vorstellungen am 19. + 20. Dezember, 20:00 Uhr im Treff des E.T.A. Hoffmann Theaters