Zwischen Opulenz und Niedergang

von Sophia Klopf (22. Mai 2017)

 

© Martin Kaufhold

 

Eingebettet in Blut, Staub und Nebel konnte man im ETA Hoffmann Theater am Freitag, den 12. Mai, die Premiere des antiken Klassikers »Antigone« von Sophokles, inszeniert von Mizgin Bilmen, bestaunen. Diese griechische Tragödie setzt nach der Schlacht um die Stadt Theben ein, die zwischen den Brüdern Eteokles und Polyneikes bestritten wurde, die beide in der Schlacht fielen. Während Eteokles, der ehemalige Herrscher des Stadtstaats, eine feierliche Beerdigung erhält, gilt Polyneikes als Staatsfeind, dem ein ordentliches Begräbnis verweigert wird. Das wird zum Auslöser eines Familiendramas, das nicht nur auf eine Weise fulminant endet.

Antigone, die Schwester der verfeindeten Brüder, möchte Polyneikes eine normale Beerdigung gestatten. Kindlich-naiv und enthusiastisch erzählt sie ihren Plan ihrer phlegmatischen Schwester Ismene, die ihrem Wesen nach das komplette Gegenteil ihrer Schwester ist und an ihre Vernunft appelliert, die Beerdigung doch bleiben zu lassen. Gegen den Willen ihres tyrannischen Onkels Kreon, der jetzt auf dem Thron der Stadt Theben sitzt und sich rein an die Gesetze des Staatstaates hält, nimmt sie die Beerdigung trotzdem vor. Doch Kreon verurteilt sie stark und droht ihr mit der Todesstrafe. Selbst die Tatsache, dass sie die Verlobte seines Sohnes Haimon ist, lässt Kreon nicht von seiner harten Strafe zurückschrecken. Schließlich bekommt sie sogar den schlimmsten aller Tode: Sie wird lebendig in einer Grabkammer eingeschlossen, wo sie sich erhängt. Doch sie nimmt ihre gesamte Familie mit sich. Ihr Verlobter nimmt sich aus Kummer das Leben, dessen Mutter Eurydike kann ebenfalls das Leben ohne ihre Familie nicht mehr ertragen, Ismene stirbt unter mysteriösen Umständen. Nun steht König Kreon alleine da, zerrissen von seiner Entscheidung, die den Niedergang seiner ganzen Familie brachte, aber Thebens Gesetze nicht verletzte.

Die Aufführung beweist, dass »Antigone« noch lange nicht totgespielt worden ist. Das Stück ist wie ein Kreislauf. Beim Betreten des Studios liegen alle Figuren regungslos auf den Boden, nur um dann aufzustehen, um zu spielen und am Schluss, nach dem langen Martyrium, wieder an derselben Stelle zu liegen. Die Figuren gehen nie von der Bühne ab, sondern bleiben auf der Bühne und bewegen sich in Zeitlupe, was etwas verwirrend ist und leicht befremdlich, aber für den Verlauf des Stückes wohl unabdingbar. Wer allerdings nicht unter den Toten liegt, ist der Seher Teiresias, der Kreon das Unglück prophezeit hat und, sich der Unveränderlichkeit des Schicksals bewusst, grinsend einen Apfel genießt. Schon allein der erheiterte Seher inmitten der Toten bildet ein wunderbares Endbild ab. Aber da gibt es noch König Kreon, der nicht stirbt, sondern fast verrückt wird und wohl den fulminantesten Abgang von der Bühne erhält, den Bamberg seit langem gesehen hat: Die Nebelschwaden, die das ganze Studio einhüllen, lichten sich, als sich die Glasfassade des Studios langsam öffnet und der König die Bühne, ja sogar das Theater verlässt und in den angrenzenden Garten (ironischerweise der Harmoniegarten) flüchtet, in dem er herumwandelt. Er lässt den Haufen der Leichen hinter sich und geht einfach, was grandioser nicht sein könnte.

Zu guter Letzt muss man noch die Ausstattung von Cleo Niemeyer würdigen. Sie erschuf für die Bühne eine lange Tafel, die beim Zuschauer unheildrohend Red-Wedding-Szenarien à la Game of Thrones heraufbeschwört. Zwischen blutgetränkten, glitzernden Tischdecken und opulenten Blumenarrangements befinden sich die von Staub und Schlamm beschmutzten Schauspieler, deren Schmuck und Fellbesatz von Prunk und Schlachten sprechen und den Ton des Stückes perfekt wiedergeben.

Alles in allem war es eine sehr gelungene Premiere, von der man gar nicht aufhören will, zu sprechen. Das ETA hat wieder einmal demonstriert, dass es hervorragende Schauspieler hat und es schafft, alte Stoffe in moderne, ansprechende Gewänder zu kleiden, die letztlich die Zuschauer überraschen.

 

Weitere Vorstellungen: 23. | 24. & 26. Mai und 11. | 13. & 17. Juni || Beginn: 20 Uhr ||ETA Hoffmann Theater: Studio || Weitere Termine in Planung. 
Eine Einführung findet jeweils eine halbe Stunde vor Stückbeginn statt.
Am 23. Mai und am 13. Juni finden nach der Vorstellung Publikumsgespräche statt.