Entweder man stand auf der Seite der Nazis oder nicht

von Christian Eschenfelder (31. Mai 2017)

 

© Martin Kaufhold

 

Am 19. Mai fand im ETA Hoffmann Theater die deutsche Erstaufführung von Tena Štivičićs Stück Drei Winter statt. Das Stück spielt an drei Abenden in Zagreb – 1945, 1990 und 2011. Jedes dieser Jahre hatte für Kroatien eine große Bedeutung; 1945 das Ende des zweiten Weltkriegs, 1990 der Zusammenbruch des Ostblocks und 2011 der Eintritt in die EU, und mit jedem Jahr standen grundlegende Veränderungen in der Lebensweise und der politischen und gesellschaftlichen Führung des Landes bevor.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die Familie Kos, deren Familienoberhaupt Rose Ende des Zweiten Weltkriegs eine Wohnung in einem Haus zugewiesen bekommt, in das sie mit ihrem Mann und ihrer Mutter zieht. Die Seite, für die Roses Mann in den Krieg gezogen ist, ist die gewesen, die verloren hat. Der Faschismus wird in Kroatien nunmehr als fragwürdig geahndet, weswegen der Mann seine Werte und Überzeugungen schon bald überdenken muss, die Fotos, auf denen er Uniform getragen hat, verbrennt und sich einem Leben zuwendet, das konformer mit den Werten des Ostblocks ist. Auch 1990 und 2011 standen gesellschaftliche und politische Veränderungen in Kroatien bevor und wieder müssen die Familienmitglieder ihre Überzeugungen und Werte neu überdenken.

Tena Štivičićs Stück handelt von Integrität, Veränderungen und davon, wie das Leben innerhalb einer Familie von der politischen Lage des Landes abhängig ist. Was gerade noch eine Rolle gespielt hat, ist am nächsten Tag bereits verpönt; Nationalität und Herkunft, Privatbesitz und Bräuche – irgendwann verlieren die Protagonisten den Überblick darüber, was erlaubt ist, was sich gehört und was veraltet ist und überholt werden muss.

Die drei Abende ergeben direkt zu Beginn ein deutliches Gesamtbild, obwohl sich die jeweiligen Stimmungen stark voneinander unterscheiden: 1945 geht es ums Überleben nach dem Krieg, 1990, am Abend von Roses Beerdigung, steht die Unklarheit bezüglich der Zukunft außerhalb des Ostblocks im Vordergrund, und 2011, am Abend vor der Hochzeit der jüngsten Tochter und am Tag des Eintritts in die EU, ist gespickt mit modernen Comedy-Elementen und erinnert kaum mehr an die schwierige Vergangenheit, die die älteren Familienmitglieder durchleben mussten, um nun in einer Zeit anzukommen, in der im Großen und Ganzen alles in Ordnung ist.

Obwohl sich Drei Winter über drei Stunden zog, verlor das Stück nicht an Spannung. Weniger als drei Stunden hätten wahrscheinlich auch nicht genügt, um die umfangreiche Geschichte so detailliert und unterhaltsam zu erzählen.

Auch optisch kam der Zuschauer auf seine Kosten. Das Bühnenbild, das 1945, 1990 und 2011 beinahe dasselbe war, überzeugte, und die eingeblendeten Bilder, die Musik und die Fernsehszenen zwischen den Jahreswechseln, trugen zur allgemeinen Stimmung des Stücks bei.

 

Weitere Vorstellungen: 7. | 8. | 10. | 14. | 16. & 18. Juni || Beginn: 20 Uhr || ETA Hoffmann Theater: Große Bühne
Eine Einführung findet jeweils eine halbe Stunde vor Stückbeginn statt.