My one regret in life is that I’m not someone else

von Friederike Klett (10. Juli 2017)

 

© Walter Lorenz

 

Vielleicht war der Kinofilm ja die wichtigste kulturelle Revolution des 20. Jahrhunderts, und vielleicht ist er nur Literatur mit anderen Mitteln. Fest steht aber die atemberaubende Evolution des Filmes selbst. Die technischen Möglichkeiten haben sich seit seinem Anbeginn in rasender Geschwindigkeit entwickelt und auch die Art und Weise, wie im Film gespielt wird, wurde immer lebensnaher, natürlicher und ehrlicher, wie die verfilmten Geschichten immer komischer, tragischer und menschlicher wurden. Wenn wir Film »Literatur« nennen, dann war sie noch nie so populär und verfügbar wie heute, noch nie so unüberschaubar in Sub- und Subsubsubgenres aufgesplittert, so qualitativ hochwertig und so niveaulos. Trotzdem können auch wir jungen YouTube- und Netflix-Jünger uns nicht dem unbestechlichen Charme eines herrlich überspielten Schwarz-Weiß-Filmes entziehen, auch wenn er aus den 80ern stammt.

Das TiG-Theaterensemble hat Woody Allens KomödieThe Purple Rose of Cairo in einer Inszenierung von Nina Lorenz auf die Bühne gebracht und damit etwas geschafft, was nur selten gelingt – ein modernes Medium in ein klassischeres zu übersetzen, und damit sogar die allein schon reichhaltige Geschichte zu erweitern. Im Film sind Dinge möglich, die auf einer Bühne nicht erzählt werden können oder erst verschlüsselt werden müssen. An dem Abend im Kino Odeon war davon zum Glück nichts zu spüren.

Die Vorstellung begann im Kinosaal, welcher als solches schon ein perfektes Setting für den Beginn der Geschichte von der gutmütigen, naiven und sehr verträumten Cecilia (Heidi Lehnert), die zur Zeit der großen Depression in New Jersey in einer verheerenden Ehe mit dem Alkohol- und spielsüchtigen Monk (Martin Habermeyer) gefangen ist. Sie flüchtet sich ins romantische Kino, und immer öfter in den Film ›Purple Rose of Cairo‹, der von dem Abenteurer Tom Baxter (Benjamin Bochmann) handelt, der sich durch flüchtige Bekanntschaften und Zufälle im New York der 20er Jahre wiederfindet.

Ausschnitte dieses Filmes, der ausgesprochen liebevoll vom TiG gedreht wurde, sodass dieser schon allein den Abend wert gewesen wäre, sieht das Publikum auf der Leinwand des Kinosaals. Als Cecilia den Film ein weiteres Mal ansieht spricht sie Tom Baxter von der Leinwand aus direkt an und steigt schließlich aus dieser heraus, um mit Cecilia zusammen das Kino zu verlassen. Für die restlichen im Film verbliebenen Figuren ist diese Situation verheerend, weil sie die Geschichte ohne Baxter nicht zu Ende spielen können. Cecilia und Baxter verlieben sich währenddessen ineinander, was noch zu weiteren Unruhen führt, da auch der Schauspieler der Kinofigur Gil Shepard (Benjamin Bochmann) von den Geschehnissen erfährt.

Beim Austreten der Filmfigur wechselt nicht nur der Schwerpunkt der Geschichte, von einem herzzerreißenden Unterschichtsdrama zu einer vielschichtigen Komödie über die Frage der Realität in der Fiktion und der Fiktion in unserer Realität, sondern auch das Theatersetting verlegt sich in den Innenhof des Kinos. Unter freiem Himmel wird die Liebesgeschichte in all ihre neurotischen, witzigen und unendlich tragischen Verwirrungen geführt. Die Schauspieler nehmen das Publikum dabei vollends ein, wobei auch die Nebenrollen, die hauptsächlich von Stephan Bach gespielt werden, so liebevoll angelegt sind, dass man den vielleicht auch zum Stück gehörenden Realitätsverlust erlebt.

Die Aufführung des TiG bringt einen Hybrid auf die Bühne, der zum Glück keine Kompromisse eingehen muss. Besonders Cecilia ist so herzerwärmend gespielt, dass der Zuschauer jede ihrer Emotionen spürt und ihre verhängnisvolle Naivität sofort ins Herz schließt. An manchen Stellen treten die Intentionen des Stückes, nämlich die Verschmelzung von Fiktion und Realität in der Unvermitteltheit des Kinos, sehr deutlich in den Vordergrund. Dabei vermeidet die Aufführung äußerst gelungen die Predigerfunktion und den anstrengenden, aufgesetzten Zeigefinger des deutschen Theaters. Auch wenn manche, in den Text eingefügte Witze, nicht gelungen sind, oder zumindest subtiler sein könnten, sollte man das Stück The Purple Rose of Cairo sehen, wenn man gern mit Niveau und Humor unterhalten wird.

 

Weitere Vorstellungen: 11. | 12. | 13. & 16. Juli  || Beginn: 20 Uhr || Odeon-Kino Bamberg: Großer Kinosaal und Innenhof/Freilichtaufführung