Der Dunkle im Spiegel

von Verena Bauer

Nicht das Leben E.T.A. Hoffmanns will Andris Plucis im Ballett E.T.A. Hoffmann – eine Moritat tänzerisch abbilden, und auch von eindeutig festgelegten Adaptionen seiner Werke sagt sich der Regisseur und Choreograph des Ballett-Ensembles am Landestheater Eisenach los. Vielmehr solle der Zuschauer sich auf die Bilder einlassen, die seine Tänzer auf der Bühne erzeugen, er solle diese auf sich wirken lassen und so ein „direktes Schauen“ ermöglichen.

Eröffnet wird die Aufführung mit einem Lied von Andreas Karnatz, das dieses eigens für das Ballett geschrieben hat. Karnatz hat sich in der Vergangenheit als melancholischer Liedermacher „mit ausgeprägten Gothic-Einflüssen“ in der deutschsprachigen Untergrund-Szene einen Namen gemacht.

„Moritat, die, -, -en (Mord; Schauergeschichte)“, so steht es im Wörterbuch. Eine schaurige Stimmung kommt in der Tat auf, wenn Tänzer Johann Hebert als E.T.A. Hoffmann dem Dunklen, Dämonischen – glaubhaft verkörpert von Tänzerin Zanna Cornelis – begegnet, das sich als Spiegel seiner selbst entpuppt. Hier wird Hoffmanns innere Zerrissenheit zwischen schauriger Fantasiewelt und nüchterner Gelehrtheit, zwischen exzentrischem Nachtmensch und Juristen im Alltag deutlich. Die Eule als Sinnbild des weisen, gebildeten Menschen, aber gleichzeitig als Repräsentant von Finsternis und Tod scheint die beiden Rollen zu vereinen, verstärkt aber nur den Eindruck einer zersplitterten Persönlichkeit.

Das Innenleben Hoffmanns mit all seinen komplexen Emotionen findet seinen Ausdruck in den zahlreichen Tanzeinlagen, die teils mit Hoffmanns eigenen Kompositionen musikalisch untermalt werden, während der Großteil der Musik aber von dem Thüringer Komponisten Rudolf Hild stammt. Einzig abstrakte Linien, die scheinbar willkürlich den Raum durchkreuzen, dienen den Tanzszenen als Bühnenbild. Doch so hypnotisierend, ausdrucksvoll und raumgebend für zahlreiche Interpretationen diese Zwischenstücke sind, so hätte es dem Ballett keinen Abbruch getan, sie etwas weniger auszudehnen.

Doch nicht nur schaurig und emotional geht es in dem Ballett zu, auch über humoristische Einlagen kann sich der Zuschauer freuen. Recht eindeutig greift Andris Plucis hier auf Hoffmanns Seltsame Leiden eines Theaterdirektors zurück, was beim Publikum einige Lacher hervorruft, das dankbar eine Pause von der sonst so bedrückenden Atmosphäre des Stückes nimmt. Ebendiese verdichtet sich im zweiten Teil der Aufführung mehr und mehr und wird so der Idee der Moritat gerecht. Es häufen sich Videoeinspielungen nahezu psychedelischen Charakters, ebenfalls von Andreas Karnatz produziert, die eine zunehmende Bedrohlichkeit erzeugen, analog zu Hoffmanns immer größerer Zerrissenheit im Laufe seines Lebens.

Alles in allem ist das Ballett E.T.A. Hoffmann – eine Moritat, abgesehen von den teils ausgedehnten tänzerischen Einlagen, eine gelungene Interpretation des Charakters E.T.A. Hoffmann und seinem Werk, ein regelrechter Spiegel seiner Seele.


E.T.A. Hoffmann – Eine Moritat
// Andris Plucis
Ballett | Gastspiel Landestheater Eisenach

E.T.A Hoffmann Theater
Spieltermine waren am 06. und 07. November, jeweils um 20 Uhr