Der Flug ist das Leben wert

von Niklas Schmitt (25. Juli 2017)

 

© Denis Meyer

 

Letztes Wochenende ging die Poetikprofessur Kathrin Rögglas zu Ende, was für das WildWuchs-Theater der Anfang war. Am Freitag feierten sie mit Rögglas »Junk Space« im Parkhaus Süd Premiere und fragten damit, was uns das Leben und der Mensch in der neoliberalen Arbeitswelt noch wert ist.

»Junk-Space ist das, was nach der Modernisierung übrig bleibt, oder, genauer gesagt, das, was gerinnt, während Modernisierung stattfindet, ihr Fallout.« So definiert der Architekt Rem Kohlhaas den Junk-Space: die mit Werbung und Geschäften vollgestopften Durchgangs- und Nicht-Orte, gleichsam aufreizend und aufenthaltsfeindlich, wie Bahnhöfe, Flughäfen oder Einkaufszentren. Es seien keine festen architektonischen Räume mehr, sondern unter dem Druck des Kommerzes stehende amorphe Bedürfnisbefriedigungsanstalten für Konsumenten, die sich den immer wieder verändernden Bedürfnissen der Marktbedingungen anpassen. Hochfrequentiert sind sie, weil gerne genutzt, um dem Konsumwillen und den daraus entstandenen gefühlten Notwendigkeiten gerecht zu werden. Bei dem gleichnamigen Stück von Kathrin Röggla, deren Bamberger Poetikprofessur gerade zu Ende gegangen ist, geht es aber weniger um den Raum als um die Menschen, die sich darin, also im Strudel der leistungsorientierten Modernisierung, befinden. Konsequenterweise hat sich denn auch das WildWuchs-Theater unter der Regie von Kristina Greif und Frederic Heisig dazu entschieden, das Stück nicht in einem solchen Junk Space aufzuführen, sondern im Parkhaus Zentrum Süd, 3. OG, oberes Parkdeck, hinten links in der Ecke. Damit die Figuren und deren Reden von nichts weiter gestört werden. Sind sie doch selbst schon junk, Schrott, Ramsch, Betriebsabfall genug. Das Bühnenbild nimmt die architektonische Betonkälte und Stickigkeit des Parkhauses auf und leitet es an die Zuschauer weiter. Durch den leichten Parkhaushall, der den meisten Sätzen folgt, scheinen sie nur mit sich selbst zu sprechen und verloren zurückgelassen wie die einzelnen Figuren zwischen Neon-Röhren und -Strahler hinten und vorne, und rechts und links Betonwänden. »Architektur ist Geiselnahme« singen die Einstürzenden Neubauten dazu.

Aber wer nimmt hier wen als Geisel? »Ich will ja gezwungen sein«, sagt eine der Figuren, die allesamt Teilnehmer eines Flugangstseminars sind. Man erlebt nur die Pausengespräche, Herr Klose, der Leiter, taucht bloß in den Reden über ihn auf. Das Stück ist reine Sprache, etwas sperrig, oft unbestimmt, weil die Kommunikation unter den Teilnehmern scheitert. Jeder lebt in seiner Welt und ist sich selbst der Nächste. Aber doch brauchen sie einander, um sich ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die einzelnen Tableaus ersetzen eine Handlung, zeigen aber sehr deutlich, wie die Teilnehmer mal zueinander drängen, und mal, mit größtmöglichem Abstand sich an den äußersten Rändern aufhalten oder in schematischer Synchronisation einen Flugbegleiterinnensicherheitshinweistanz aufführen. Erst durch die Inszenierung konkretisiert sich der Text, werden Sätze gegeneinander gestellt, sodass mitunter sogar eine Komik entsteht, wo man sie nicht erwarten würde. Dass solch ein recht ambitioniertes Vorhaben dennoch funktioniert, liegt auch an der durchweg guten Schauspielleistung. Die Figuren sind eher Typen als Charaktere und – Männer und Frauen, Controller, Kontrolltanten, Praktikantinnen schlechthin, jung, alt, von schüchtern bis aufbrausend – werden allesamt von Frauen gespielt, die gleichsam männliche wie weibliche Merkmale an ihren Kostümen tragen und damit den Genderbewusstseinsnotwendigkeiten subtil gerecht werden. Das ist insofern gut, da nämlich gerade die Figuren zeigen, wie es aussieht, wenn man es nicht tut. Wenn die Praktikantin gefickt wird, so sieht man es und so sagt sie es selbst, im körperlichen wie übertragenen Sinn, so mechanisch, weil selbstverständlich, und sie selbst das gar nicht so schlimm findet, nein, irgendwie findet sie es sogar gut, dann ist das Problem nun wirklich nicht ihre Superschüchternheit, sondern das System, das auf diese Weise mit Menschen umgeht. Die Szene mag etwas albern daher kommen, aber das ist nicht der Punkt. Sondern die Tatsache, dass man einen Missbrauch belächelt wie einen anzüglichen Spruch. Im folgenden Monolog der Praktikantin, großartig gespielt von Christine Renker, wird, wie in den anderen Monologen auch, endlich ehrlich gesprochen, da nicht andere Seminarteilnehmer, sondern das Publikum angesprochen wird. Zum Glück aber verweigert sich das Stück einer klaren Aussage über die Geiseln des Seminars, ihrer Firmen, den Kapitalismus, das System oder welche Kampfbegriffe man erwarten könnte. Die Verrücktheit deren Mitläufer wird gezeigt und der Rest dem Publikum überlassen.

Die Gesichter zu Junk-Faces zombieartig, schwarzweiß geschminkt. Denn letztlich ist es das, was übrig bleibt. Halbtote oder schon untote Teilnehmer eines Flugangstseminars, die in den Pausen ihre Neurosen umarmen und dabei ganz übersehen, dass sie nicht alleine sind. Der Flug ist das Leben wert, so steht es auf dem Grabstein Marga von Etzdorfs, deren Bild die Bühnenrückwand ausfüllt. Sie hatte sich in den zwanziger Jahren in einer allseits männerdominierten Welt als Fliegerin durchgesetzt. Gerade war sie auf dem ersten Flug einer Frau von Deutschland nach Australien, als sie in Aleppo mit ihrer Junkers-Maschine eine vernachlässigbar, weil nur leicht verunglückte Landung erlebte und sich keine 30 Minuten später das Leben nahm.

 

Weitere Vorstellung: 27. Juli || Einlass: 19.00 Uhr, Beginn: 19.30 Uhr || Parkhaus Zentrum Süd, Schützenstr. 2, 3. OG