Zum Angriff!

von Karsten Babucke

Am 2. November feierte das selbstinszenierte Stück ANGRIFFE™ des Bamberger WildWuchs Theaters Premiere. Schon seit Sommer 2009 tritt die Theatergruppe WildWuchs mit eigenen Inszenierungen im Bamberger Untergrund (Clubs wie der Jazzclub, Morphclub oder auch oberirdisch im Palais Schrottenberg) auf.

Ziel des aktuellen Stückes ANGRIFFE™ ist es, die Barriere zwischen Publikum und Akteuren zum Einsturz zu bringen: „wir wollen dieses klassische modell des guckkastentheaters (…) architektonisch produktiv irritieren, die perspektive versuchsweise verschieben und den ORT (…) neu ins bild setzen“, heißt es im Programm des Stücks.

Das Publikum sucht sich seinen Platz – den bestmöglichen Platz, um das Szenario zu verfolgen. Doch wo findet es statt? Nur ein kleiner Kreis im Zentrum des Morphclubs, indem ein alter Anrufbeantworter beleuchtet wird, lässt erahnen, dass dort die Bühne ist. Als die Akteure die Bühne betreten, grenzen sie diese zunächst für jedermann sichtbar mit Kreide ab. Durch die Anordnung des Publikums bildet sich eine Arena, von jeder Seite her einsehbar. Das Programmheft nimmt zu dieser Bühnengestaltung folgendermaßen Stellung: “nicht zufaelllig erinnert die form des rechtecks in mitten des raums an die ARENA der gladiatoren und den boxring“ zur Bühne Stellung genommen.

Wie Kämpfe wirken die folgenden Szenen. Sie handeln von Angriff, Verteidigung, Rückzug und Leid: vom Leid über den erlittenen Verlust im zerstörten Tal, in dem die Bäume einst Namen trugen und nun der Schatten des Bürgerkrieges und des Terrors sich über die Landschaft legt; vom Leid einer Touristenführerin, die nur so tut als ob – als ob sie ihren Job liebe, als ob sie gerne in die Kamera lache, als ob sie immer von zu Hause weg wollte. Das Gepäck, das sie bei sich trägt: Ist es voller Steine? Oder sind es ihre Altlasten? Ihre Wut? Ihr Verlangen nach Terror? Oder ist es der Mensch, der alles glaubt was ihm die Konsumgesellschaft vorschreibt, der leidet? Der jedes Wort auf dem Kassenbon glaubt?

Diesen Fragen stellen sich die drei Protagonisten in den verschiedenen Szenen, die nahtlos ineinander übergehen. Man weiß an manchen Stellen nicht, was einstudiert und was Improvisation ist. Daher ist in diesem Stück alles möglich. Es wird gegessen, getrunken, Pizza bestellt, geraucht oder abstrakte Kunst als Performance diskutiert.

Das Stück ANGRIFFE™ überrascht, unterscheidet sich in seiner Experimentierfreudigkeit von ‚herkömmlichem‘ Theater – ist ein Muss! Es ist ein Stück, das so vielseitig ist wie die heutige Kultur, das sich einmal quer durch die täglichen Nachrichten kritisch mit Problemen auseinandersetzt und den Zuschauer so diskussionshungrig aus der Arena entlässt. Eine Inszenierung, die das Potenzial hat, noch lange im Zuschauer nachzuschwingen.

Es folgen noch Vorstellungen am 8., 9., 15., und 18. November 2013 im Morphclub Bamberg.