„This great stage of fools“
E.T.A Hoffmann- Theater eröffnet neue Spielsaison

von Sara Renner

Es ist das „erschütterndste“ Drama Shakespeares und galt seiner Zeit sogar als „Zumutung ans Publikum“. Tatsächlich ist König Lear keine leichte Kost. In den Figuren wie in der Handlung offenbaren sich die widrigsten Eigenschaften des Menschen, der am Ende als tollkühner Irrer stilisiert wird.

Nach der Abdankung König Lears teilt er sein Reich unter seinen drei Töchtern auf. Dabei soll eine jede ihre Liebe zu ihm bekunden, nach der sich die Größe des zu erbenden Territoriums bemisst. Während Gonerli und Regan mit heuchlerischen Liebeshymnen ihren Vater einlullen können, belässt es Cordelia, die jüngste Tochter, bei einer schlichten, aber ehrlich gemeinten Liebesbekundung. Lear ist enttäuscht und empört über seine einstige Lieblingstochter und verstößt sie. Er muss jedoch bald feststellen, dass sich die angebliche Liebe seiner zwei übriggebliebenen Töchter jäh in Machtbesessenheit und Abneigung wandelt. Beide versuchen immer wieder ihn los zu werden, was ihnen letzten Endes auch gelingt. Von Kummer und Zorn gequält bricht Lear gegen Einbruch der Nacht und trotz des Heraufziehen eines Unwetters auf. Auf einer Heide umher irrend entlarvt der verwirrte, alte Mann, in dem wohl berühmtesten Satz der Tragödie, die Welt als „great stage of fools.“ In der Zwischenzeit hat auch der Graf von Gloster mit seinen Kindern zu kämpfen. Sein unehelich geborener Sohn Edmund kann seinen Vater von einer angeblichen Mordabsicht Edgars, des legitim geborenen Sohnes Glosters, überzeugen und so Zwietracht zwischen beide säen. Edgar flieht schließlich und lebt fortan als Bettler. Dem Grafen werden, nachdem er versucht hatte König Lear nach dessen Vertreibung zur Hilfe zu eilen, von Gonerlis Gemahl Albanien beide Augen herausgerissen. Ein Diener, der diese Grausamkeit mit ansehen musste, ersticht aus Abscheu Albanien. Die verwitwete Regan versucht nun ihr Glück bei Edmund, doch auch ihre Schwester ist diesem gegenüber nicht abgeneigt. Und so wird aus dem einstigen Bündnis der Schwester ein neidvoller Kampf um die Liebe eines Mannes, der sich selbst am Meisten liebt.



[von hinten links: Bernhard Georg Rusch (Herzog von Cornwall), Volker J. Ringe (Graf Gloster), Nadine Panjas (Goneril), Eckhart Neuberg (König Lear), Sybille Kreß (Regan); © Thomas Bachmann]

Schauspielerische Leistung überzeugt.

In der von Walter Weyer inszenierten Darstellung bewiesen die Schauspieler eine überzeugende Rollenverkörperung, die sich auch in deren Mimik und Gestik niederschlug. Allen voran Ulrike Schlegel als Cordelia sowie Felix Pielmeier, alias Edmund, schienen sich voll und ganz in ihren Rolle aufgelöst zu haben. Und auch Eckhart Neuberg, alias König Lear, nahm man die Rolle des immer verrückter werdenden Mannes ab. Begleitet wurde das Stück von musikalischen Einspielungen, was die Atmosphäre der Szenen durchaus zu unterstreichen vermochte, obgleich es im Gesamten etwas zu viel der Musik war. Der zeitlose Charakter des Stückes, welches die Machtbesessenheit des Menschen gleichsam zum Thema hat, wie auch dessen oftmals widersinniges Handeln, fand sowohl im Bühnenbild als auch in den Kostümen seinen Ausdruck. Was letztere anbelangt, so wurde von Lear (Eckhart Neuberg) und Edgar (Matthias Tuzar) viel Mut abverlangt, verbringen diese über die Hälfte fast nackt auf der Bühne. Auch wenn sich daran manch einer stoßen will, hat es dennoch seine Berechtigung. Shakespeare lässt tatsächlich einen entblößten Bettler auftreten, dessen Nacktheit dem verstoßenen Lear erst vor Augen führt, dass am Ende jeder Mensch ein Nichts ist, ganz gleich, wie er im Leben auch scheinen mag. Von dieser Erkenntnis ergriffen reißt sich auch der ehemalige König die Kleider vom Leib. Der Satz „Kleider machen Leute“ findet hier seine Umkehrung.

Nichts für seichte Gemüter.

Trotz aller guten Leistung der Künstlerinnen und Künstler stellt das Stück seine Zuschauer in zweierlei Hinsicht auf die Probe. Zum einen schreckt einen die Dauer – gute dreieinhalb Stunden – zurück, zum anderen ist die Geschichte, die Shakespeare uns hier präsentiert, wahrlich schwer zu verdauen. Leicht besaitete Menschen sollten es sich daher zwei Mal überlegen ob sie sich der apokalyptisch anhauchenden Stimmung preisgeben wollen. Ehe man sich jedoch den neuesten Psychothriller im Fernsehen ansieht, wäre ein Theaterbesuch empfehlenswerter. Das Stück läuft noch bis zum 10. November.