»Die Hölle – Das sind die Anderen«

von Theresa Pausenberger (22. November 2017)

 

© e.g.o.n

 

»Die geschlossene Gesellschaft« besteht aus der schönen und verführerischen Estelle, dem rebellischen Joseph und der spitzfindigen Inés. Die drei Personen treffen in der Hölle nach ihrem Ableben aufeinander und obwohl sie einander nie begegnet sind und nie von einander gehört haben, müssen sie nun alle Ewigkeit miteinander verbringen. Jean Paul Sartre entführt in eine minimalistische Welt, in der die Grundverlangen des Menschen enthüllt werden: Liebe, Begehren, Zorn und Hoffnung, das vom Theater e.g.o.n. wunderbar menschlich und authentisch inszeniert wurde.  

»Da sind wir also«. Mit diesem berühmten Satz leitet Joseph Garcin alias Stefan Huber das Theaterstück ein. Er wird von einem Kellner (gruselig: Jörg Rappl) in ein Zimmer geführt, das an ein Hotelzimmer erinnert, mit drei Sofas: lindgrün, blau und rot. Ansonsten steht nichts auf der Bühne. Der schwarze Bühnenvorhang und die Backsteinmauern der alten Seilerei sowie die hellen Bühnenlichter, lassen in der Tat eine Hitze, die in dem Stück mehrmals angesprochen wird, entstehen, wenn sich der Zuschauer ganz auf das Stück einlässt. 

Huber überzeugt in seiner Vorstellung auf ganzer Linie, die Panik, die langsam hochkriecht und das Gefühl des Eingesperrt-Seins spürt man selbst am eigenen Leib und rührt an der Menschlichkeit. Sein Zusammenbruch wird von der Band vertont, die während des ganzen Theaterstücks die passenden Stellen mit Musik untermalt. 

Doch er bleibt nicht lange allein. Inés (Judi Müller-Reichelt) und Estelle (Annika Urbansky) kommen noch dazu. Schnell spielt sich eine Dreiecksbeziehung ein: die lesbische Inés begehrt Estelle, Estelle wiederrum möchte Garcin von sich überzeugen und Garcin braucht für seine Selbsterkenntnis Inés. Dabei geht es nicht unbedingt um die Dreiecksbeziehung an sich, sondern um die Gründe zu verstehen, warum diese drei Personen in der Hölle sind. Nach und nach kitzeln sie dies nämlich aus den anderen heraus und werden dabei immer gemeiner und einfallsreicher, sobald sie merken, dass das Gegenüber nicht ganz die Wahrheit erzählt. 

So stellt sich heraus, dass Inés das Leben von zwei Menschen zerstört hat. Sie hat ihrem Cousin die Frau ausgespannt und diese hat dann aus Verzweiflung die lesbische Inés mit Gas getötet. Aber Inés geht mit dem Thema relativ frei um. Anders als Estelle, die sich erst als unschuldiges Opfer darstellt, bis herauskommt, dass sie das Kind ihres Geliebten ertränkt hat, worauf sich der Mann selbst erschossen hat. Und Garcin sieht sich erst mit Hilfe von Inés als Deserteur, der lieber gestorben ist, als mitzukämpfen. 

Von allen dreien ist Inés die treibende Kraft, da sie die anderen zu Trotzreaktionen bringt, um sich vor ihren schlagfertigen Sprüchen zu schützen. Am Ende erreichen sie genau das Gegenteil, bis Garcin über ihre Gemeinheiten schließlich resigniert sagt: »Wenn du nicht höflich bist, muss ich es eben doppelt sein«. Er ist es auch, der realisiert, dass sie aufeinander achtgeben müssen, wenn sie diesen Psychoterror überstehen wollen. Denn: »Die Hölle – das sind die Anderen«.

Währenddessen sind auf der Erde schon viele Monate vergangen und die Charaktere sehen, wie sich immer weniger Menschen an sie erinnern. Jeweils Estelle, Garcin und Inés halten einen Monolog, der von langsamer Musik untermalt wird und während dem langsam das Licht ausgeht. Damit sind sie endgültig in der Hölle und Inés »fühlt sich plötzlich so leer«. Auch genial: der Kellner spricht die Zeile »Mein Onkel, der Oberkellner, und ich spielen manchmal im dritten Stock Musik« – man hat während der Hintergrundmusik dann das Gefühl, dass sie so die Verzweiflung der Insassen übertönen wollen. Ihre Verzweiflung nimmt überhand und die Menschen werden wie Tiere, die sich von ihren Trieben leiten lassen. Nun wird auch der sonst so harmonische Garcin zum Quälgeist wie er einer auf der Erde war, als er seine Frau quälte.

Während einer weiteren allgemeinen Panikwelle geht plötzlich die Tür auf, auf die sie vorher eingehämmert hatten. Anstatt sich in die weite Welt von Fluren und unzähligen Treppen hinauszuwagen, erkennen sie, dass sie als eine Art Schicksalsgemeinschaft aufeinander angewiesen und aneinander gebunden sind. Haben sie sich wirklich durch die ganzen Schwierigkeiten manövriert, um sich jetzt im Stich zu lassen? Denn am Ende kann man die Hölle nur überstehen, wenn man eine Beziehung auf Augenhöhe führt und sich vor den anderen als »nackter Wurm« zeigt. Garcin erkennt, dass sie bis in alle Ewigkeit zusammen bleiben werden »Also... machen wir weiter«.

Das Theater e.g.o.n. überzeugt mit Laienschauspielern auf ganzer Linie. Licht und Musik wurden an passenden Stellen eingesetzt und ins Spiel integriert. Die Band schließt und öffnet das Stück jeweils mit »Sympathy for the Devil« von den Rollings Stones, was die zwiegespaltenen Charaktere wie auf den Kopf getroffen beschreibt oder, anders gesagt: 

»But what's puzzling you is the nature of my game, oh yeah«