»Wollen Sie meine Wilde sein?«

von Nele Barfuß (6. Dezember 2017)

  

© Martin Kaufhold

 

Zugegeben: Der Titel »Häuptling Abendwind« klingt eher nach einer KiKa-Vorabendserie inklusive sprechendem Pony als nach einer gesellschaftskritischen Komödie. Doch genau das stellt diese „indianische Faschingsburleske“ von Johann Nestroy, inszeniert von Isabel Osthues, eigentlich dar. Premiere feierte das Stück am 1. Dezember im ETA Hoffmann Theater. 

»Häuptling Abendwind oder das gräuliche Festmahl« ist Nestroys letztes Stück und wurde 1862 uraufgeführt. In der Komödie kritisierte er vor allem die zivilisierte Wiener Gesellschaft in ihrer Überheblichkeit gegenüber den kolonialisierten Völkern, den »Wilden«. 

Häuptling Abendwind der Sanfte und seine Tochter Atala erwarten Staatsbesuch von Häuptling Biberhahn dem Heftigen. Ein Fremdling muss her, der als geeignetes Festmahl dienen kann. Kannibalismus hat in dieser Gegend schließlich Tradition! Doch dann entdeckt Häuptlingstochter Atala plötzlich den schiffbrüchigen Friseur Arthur aus dem fernen Europa und sieht in ihm ihre große Liebe, ihr Vater allerdings eher den perfekten Braten. Beim darauffolgenden Festmahl erwähnt Biberhahn etwas von einem Sohn in Europa, der eigentlich auch zu Besuch kommen wollte. Ist der Sohn also der Braten und es kommt zum Krieg? Oder gibt es doch noch ein Happy End für Arthur und Atala? 

Trotz seiner eigentlich ernsten und zum Teil befremdlichen Thematik ist das Stück als »Komödie mit Musik« inszeniert. Die beiden Häuptlinge wanken und stolpern wortwörtlich aufgeblasen über die Bühne. Unterstützt wird dieses sehr komische Vorgehen auch vom Bühnenbild. Dieses ist stufenartig angelegt und bietet somit unzählige Möglichkeiten für die beiden Stammesoberhäupter sich lächerlich zu machen. Schließlich ist es gar nicht so einfach eine Stufe zu bewältigen, wenn man seine eigenen Füße nicht mehr sehen kann. Während also zu Beginn des Stücks vor allem der komische Aspekt betont wird, rücken im zweiten Teil politsch-kulturelle Thematiken in den Vordergrund. »Das Boot ist voll« hört man Biberhahn sagen. Am Anfang, als nur einige Zuwanderer von den umliegenden Inseln kamen, hätte er ja noch nichts gesagt, aber jetzt…! Angst vor Zuwanderung und Fremdkontrolle durch das zivilisierte Europa treiben die beiden Häuptlinge zu stammtischartigen Unterhaltungen an mit Phrasen, die in ihrer Einschlägigkeit wohl jedem bekannt sein dürften. Darüber hinaus wurde der Abend mit zahlreichen zur Thematik passenden Songs aus Pop- und Rockmusik untermalt, die teilweise von den Schauspielern selbst zum Besten gegeben wurden. 

Die dem Werk ursprünglich zugrundeliegende Kritik an der Wiener Gesellschaft ist heute offensichtlich nicht mehr relevant. Doch durch die neuartige und zeitgemäße Inszenierung erlangt das Stück einen völlig neuen Wert. Die »Menschenfresser«, das sind heute vielleicht weniger die Kolonialherren, als überzeugte Kapitalisten, die für wirtschaftlichen Fortschritt über Leichen gehen. Die Angst der Häuptlinge, dass ihre »Kultur« von Einwanderern der Nachbarinseln bedroht wird, bedarf wohl vor allem im gegenwärtigen Kontext keiner Erklärung. 

Fremdenfeindlichkeit und Kapitalismuskritik sind keine neuartigen Themen. Doch gerade in unserer heutigen Zeit sind sie aktueller und wichtiger denn je. Nichtsdestotrotz überzeugt das Stück sowohl durch eine gelungene Komik als auch durch die schauspielerischen und musikalischen Leistungen der Darsteller, eingebettet in einer intelligent angelegten Inszenierung. 

 

Weitere Vorstellungen am 12. | 13. | 28. | 29. | 30. | und 31. Dezember, sowie am 03. | 04. und 05. Januar 2018