Postapokalyptische Belastungsstörung

von Florian Grobbel (19. Dezember 2017)

 

© Marion Bührle

 

Sie ist eingetreten. In Filmen und Serien wurden wir mehrfach davor gewarnt und nun ist sie da: Die Zombieapokalypse! Die gesamte Menschheit ist schon mutiert. Welche Auswirkungen hat diese Katastrophe? Das beantwortet das Livehörspiel Nekropolis – Die Stadt gehört uns! von Anita Augustin und Eike Hannemann, welches im Staatstheater Nürnberg seine Uraufführung auf die Bühne brachte.

Drei Moderatoren einer Radioshow haben sich vor der eingetretenen Invasion in ihrem Studio verbarrikadiert. Sie versuchen nun schon seit Woche zu überleben, bloß nicht dem Wahnsinn zu verfallen und das Wichtigste: Auf Sendung zu bleiben. Die Tatsache, dass einer von ihnen bereits das Zombievirus in sich trägt, verkompliziert die ganze Sache und sie sehen zu, wie ihr Kollege Frederik immer mehr der animalischen Natur eines Untoten verfällt. 

Dazu kommen in dieser Atmosphäre auch immer mehr die Schattenseiten der anderen beiden Moderatoren Lilli und Frank heraus und in Rückblenden wird sowohl Lillis kaputtes Verhältnis zu ihrem dementem Vater als auch Franks ach so harmonisches Eheleben dargestellt. Das alles auf einer Bühne voller Mikrofone und Requisiten, welche von den drei Schauspielern zum Erzeugen von Geräuschen benutzt werden, um so ein Hörspielerlebnis zum Zusehen erzeugen. Weiterhin wird die Handlung noch durch den Einsatz verschiedener Musikinstrumente und einem Soundeffekte-Board unterstützt, für die Vermittlung der richtigen Stimmung.

Bloß nicht langweilig werden

Die Ausgangssituation ist wirklich spannend: Wie verhalten sich Radiomoderatoren bei solch einer Invasion, evakuiert in ihrem eigenen Studio. Sollen sie weiter auf Sendung bleiben ohne zu wissen, ob da draußen noch ein menschlichen Wesen existiert und immer weiter unterhalten? Genau das ist nämlich der Punkt. Immer on air sein und gute Laune verbreiten. Worum soll sich das Leben denn sonst drehen? Und so kann der Zuschauer beobachten, wie die Moderatoren die rote Lampe gar nicht mehr abschalten können und letztendlich nur sich selbst die heile Welt vorspielen, um nicht verrückt zu werden. Derjenige, der sich am normalsten verhält, ist ausgerechnet Frederik, welcher sich mit dem Virus angesteckt hat und so scheint, als ob er sich mit seinem Schicksal abgefunden hätte. Die Frage die sich im Verlauf der Handlung stellt, eröffnet ein höchst und moralisches Gedankenspiel: Sind Zombies, die nur ihren Trieben folgen und nicht „infiziert“ sind von Neid, Habsucht, Missgunst und Egoismus, die besseren Menschen?

Die Botschaft des Stückes versteckt sich nicht, sondern wird einem in aller Deutlichkeit stets vorgeführt. Alle Facetten der Unmoral des modernen Menschen werden durch Frank und Lilli repräsentiert, natürlich anhand vom aktuellen Weltgeschehen untermalt. Etwas wirklich Neues ist das allerdings nicht. Wir wissen alle, wie schlimm der Nahostkonflikt und die Diskriminierung von Flüchtlingen sind und der Mensch zuweilen ein furchtbar egoistisches Tier sein kann. Natürlich darf man auch im Theater niemals damit aufhören, diese Themen anzusprechen und eine Moral zu vermitteln. Allerdings ist in diesem Stück der moralische Zeigefinger so groß, dass man am Ende nichts mitnimmt. Außer, wie sehr der Mensch in Krisenzeiten doch dazu neigt, alle Probleme unter den Teppich zu kehren und sich der Unterhaltung zu widmen. Trotzdem muss man sagen, dass es eine spannende und tolle Idee ist, die viel diskutierte philosophische Frage, ob Tiere nicht die besseren Menschen sind, in neuem Gewand und mit Zombies auf die Bühne zu bringen.

Die drei Figuren ergänzen sich sehr gut und die Schauspieler vermitteln großartig die Stimmung des abgeschotteten Studios. Besonders die Imitation eines nervigen Gute-Laune-Moderators gelingt allen dreien perfekt und verstärkt das Absurde der stets positiven Unterhaltungswelt.

Zudem ist die Inszenierung mit einem guten Mix aus mal raffiniertem, mal recht plumpem Humor versehen. So stimmt das Publikum schmunzelt überein, wenn beim Thema Postapokalyptische Belastungsstörung plötzlich Last Christmas zu hören ist. 

Erinnerungswürdig macht den Abend die Idee eines Live-Hörspiels. Zwar bewegen sich die Schauspieler auf der Bühne, doch man könnte genauso gut die Augen einmal schließen und einfach zuhören. Spannend ist dabei vor allem auch einmal zu beobachten, wie durch meist simple Hilfsmittel eine Geräuschkulisse erzeugt werden kann. Ein interessantes und spaßiges Genre, von dem man sich gerne mehr wünscht. 

 

Weitere Vorstellungen: 20. | 23. | 30. Dezember 2017;  07. | 11. | 14. Januar 2018 ;  15. | 16. | 28. Februar 2018;  17. | 18. | 27. März 2018