Die Buddenbrooks der Wall Street

von Svenja Zeitler (30. Januar 2018)

 

© Martin Kaufhold

 

Fast jedem sind die Lehman Brothers ein Begriff, spätestens nach der Insolvenz der großen Investmentbank im Jahre 2008, die die Weltwirtschaftskrise einleitete. Doch weniger bekannt ist, dass die Gründer dieser Dynastie eigentlich aus Franken stammen, im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten und dort ein kleines Stoffgeschäft gründeten. So beginnt die Geschichte der Lehman Brothers, wie sie uns das ETA Hoffmann Theater in der Inszenierung des Stückes von Stefano Massini nacherzählt, welche am Freitag, den 26.01. Premiere feierte. Vom Stoff- und Baumwollhandel schraubt sich die Firma über Kaffee und Eisenbahnen in immer schwindelerregendere Höhen und findet schließlich ihr Ende im Börsencrash.

Die Kulisse bildet während des ganzen Stücks eine abstrakte Großstadtlandschaft, auf die zur Verdeutlichung des Zeitgeschehens Animationen projiziert werden. Als Requisiten dienen lediglich ein paar schwarze Stühle und ein Tisch, der im Laufe des Stückes immer wieder zweckentfremdet und als Chuppa, Börsentafel oder Verkaufstresen genutzt wird. Die Schauspieler, allesamt in grauen Anzügen, sind in Funktion und Rolle austauschbar wie später Menschen und Kapital an der Börse.

»Er versuchte nicht zu gewinnen, er beschloss zu gewinnen.« Die drei Lehman-Brüder, die das ursprüngliche Geschäft in Alabama gründen, handeln bedacht und doch mit unternehmerischer Kreativität. Auch wenn sich die Brüder Henry, gespielt von Daniel Seniuk, und Emanuel, der von Bertram Maxim Gärtner glaubhaft zum Leben erweckt wird, oftmals in die Haare kriegen, versöhnt sie immer wieder der geteilte geschäftliche Ehrgeiz. Mayer Lehman, charmant verkörpert durch Corinna Pohlmann, erfindet schließlich einen neuen Beruf für die Lehmans: Mittler, die Waren ankaufen und an Fabrikaten weiter verkaufen – mit Gewinn natürlich. Sie erleben einen American Dream, wie man ihn sich nur wünschen kann, und mit dem Umzug nach New York steht dem immer weiter fortschreitenden Erfolg kaum etwas im Wege. Es wird profitiert von Kriegen, Erfindungen und Krisen – die Quelle ist nebensächlich, solange sie Geld einbringt. Die Mittler Lehman handeln schließlich nicht mehr mit Waren, sondern nur noch mit dem Geld selbst.

»Und trotzdem tanzen alle, auch wenn sie sich hassen, denn wichtig ist allein, nicht stehen zu bleiben.«

Sobald der familiäre Aspekt der Bank immer weiter in den Hintergrund rückt, hinter schwindelerregende Zahlen und geldgierige Trader, hinter die Gier nach Profit, beginnt der Anfang vom Ende der Lehman Brothers Bank. Es zählt nicht mehr der langjährige Bestand einer Familientradition, sondern nur noch kurzfristige Gewinne. Statt der jüdischen Religion, die zuvor eine große Rolle spielte, ist die neue Religion jetzt der Kapitalismus und dieser duldet keine Sentimentalität. Der Tod der Lehman-Männer zieht sich als roter Faden durch das Stück und beendet dieses schließlich mit dem Tod der Lehman Brothers Bank und dem Ende der Dynastie. Wenn man den Epilog betrachtet, könnte man fast Mitleid bekommen mit den versammelten Lehman-Patriarchen, die nach Gewinn gestrebt haben und jetzt, unfähig zu handeln, dem Untergang beiwohnen müssen. Uns wird der tragische Verfall einer ehrgeizigen Finanzdynastie gezeigt, in einem Stück, das den Erfolg feiert und die kapitalistische Gier verurteilt.

Unter der Regie von Sibylle Broll-Pape wird vor dem Zuschauer in einer chronologischen und unaufgeregten Erzählweise die Geschichte im Laufe der Jahrzehnte ausgebreitet und durch Erklärungen der ökonomischen Vorgehensweisen verständlich gemacht. So ist das Stück auf keinen Fall nur etwas für Börsenkenner und Finanzgurus. Schauspieler fungieren gleichzeitig als Erzähler, Regieanweisungen werden gesprochen, nicht nur gespielt. Das Ensemble des Stückes interagiert harmonisch und bringt eine bewegte Auflockerung in den ansonsten vielleicht etwas trocken erscheinenden Stoff. Wer einen lehrreichen, narrativen Theaterabend, der einen mitnimmt in die Untiefen des Kapitalismus, bei dem aber auch Spaß und Action nicht zu kurz kommen sollen, sucht, ist bei den Lehman Brothers genau richtig.

 

Weitere Vorstellungen: 15. | 16. | 17. | 23. und 24.02; 23. und 24.03. || im großen Saal des ETA Hoffmann Theaters