»Passt scho«, sagt der Franke

von Tessa Friedrich (11. Februar 2018)

 

© Marion Bührle

 

Die Legende der Jeanne d’Arc, die während des 100-jährigen Krieges zwischen Frankreich und England ihre Heimat auf dem Schlachtfeld verteidigte, ist fest im westlichen Raum Europas verankert. Sieht sich die Jungfrau durch ihren göttlichen Auftrag allein mit Gott und dem Krieg verbunden, ist sie für die einen eine Heilige, eine Prophetin des Schwertes, für andere eine Ketzerin, die nur durch hexerische Fähigkeiten den Sieg erlangen kann. Der Bezug zur heutigen Zeit? Themen wie Nationalismus und religiöser Fanatismus in der westlich christlichen Welt. Aspekte, derer sich das Staatstheater Nürnberg mit der Stückfassung Friedrich Schillers annimmt. 

Der Name der Regie verspricht Großes: Peter Wittenberg, der normalerweise an Schauspielhäusern in Berlin und Wien inszeniert, konnte erstmals für das Theater Nürnberg gewonnen werden. Die spannende Grundidee seiner Inszenierung der Jungfrau von Orleans scheint diese Erwartungen zunächst zu erfüllen: In einer patriarchalen Gesellschaft interessiert sich Wittenberg vor allem für die Perspektive der Johanna – wie nimmt sie die »göttlichen« Geschehnisse und die Reaktion ihrer Mitmenschen wahr, wie sehen ihre persönlichen Kämpfe aus, würde man durch ihre Augen blicken? Optisch realisiert wird dieses Konzept durch ein trichterförmiges, nur aus vier Wänden bestehendes Bühnenbild, gestaltet von Florian Parbs, in welchem die Schauspieler agieren. Der Fokus des Trichters richtet sich auf einen Bildschirm, auf dem das ganze Stück über die Augen der Johanna-Darstellerin Lilly Gropper zu sehen sind – live übertragen durch eine an ihrem Kopf befestigte Kamera. Durch diesen ständig präsenten Blick bewegen sich die Figuren so stets in Johannas »Sichtfeld«, unabhängig von ihrer bzw. Groppers An- oder Abwesenheit auf der Bühne. Die Frage, ob Johannas göttliche Eingebungen und ihre Wahrnehmungen nun Fakt oder doch reine Fiktion ihrerseits sind, steht somit offen im Raum und hält so den Zuschauer stets in einer kritisch reflektierenden Position.

Zusätzlich gibt das minimalistische Bühnenbild Raum für eine präzise Regiearbeit: Harmonisch bewegen sich die Schauspieler innerhalb des Trichters und finden im Stand immer wieder in symmetrischen Bildern zueinander, passend zur perspektivischen Verzerrung der ungewöhnlichen Bühne. Auch die Abwesenheit weiterer Ausstattungselemente und die begrenzte Anzahl an Requisiten stört keinesfalls, bleibt so der Fokus nicht nur auf den Schauspielern selbst, sondern auch auf dem Text Schillers, der selbst immer wieder die Motivik der Augen und des Sehens bedient und sich somit gut mit Wittenbergs Konzept verknüpfen lässt.

Dass sich alle Aspekte der Inszenierung so harmonisch zusammenfügen, ist allerdings auch deren Schwäche: Das Stück bildet keine Spitzen, keine Momente des Aufregens, Überraschens oder der Sprachlosigkeit – sowohl positiv als auch negativ gesehen. Die Darsteller des Stücks spielen durchweg gut, aber keiner fällt auf, die Kostüme sind ohne zeitlichen Kontext und schlicht gehalten, die Inszenierung bleibt brav unterhaltend und riskiert nichts. Auch aus der Idee Wittenbergs mit der Prämisse »Aus der Sicht von« hätte man gewiss noch mehr herausholen können, da vor allem die beiden um Johanna werbenden Männer des Stücks, Graf Dunois und La Hire, ihr mit einem durchweg noblen Anstand gegenübertreten, obwohl Johannas radikale Abneigung gegenüber deren Anträge durchaus noch einigen Spielraum für eine offensivere Haltung der Männer bereithielte. Somit ist Die Jungfrau von Orleans eine Inszenierung, die insgesamt zwar gut funktioniert, dem Theaterpublikum aber – mit großer Wahrscheinlichkeit – nicht allzu lange im Gedächtnis bleiben wird.

Weitere Vorstellungen: 1. und 15. März 2018, jeweils 19:30 Uhr | weitere Termine in Planung | Spielort: Schauspielhaus.