»Das ist eine böse Zeit«

von Theresa Pausenberger (9. April 2018)

 

© WildWuchsTheater

 

Das Volk lechzt nach Blut, Köpfe rollen, überall Verwirrung und Chaos... Wir begeben uns auf eine Zeitreise. Genauer: vom 24. März bis zum 5. April 1794. Dieses Jahr markiert das Ende der Revolution und gleichzeitig auch – man errät es – Georges Jaques Dantons Tod. Seine Qual und sein Leid hat das WildWuchs Theater nach Georg Büchner adaptiert und auf die Bühne gebracht. Es wird schaurig. 

Die Figur Danton (mitreißend gespielt von Sebastian Stahl) ist durch seine Zwiespältigkeit interessant: zwar hat er in der Französischen Revolution einst die »Septembermorde« begangen und wie Robespierre (authentisch: Frank Fröba) tausende unschuldige Bürger hingerichtet, doch das Theaterstück beginnt mit seinem Rückzug ins Private. Er möchte mit der ganzen Politik und dem ganzen Tohuwabohu nichts mehr zu tun haben. Für ihn ist sein ehemals bester Freund Robespierre ein Heuchler, der nur seinen eigenen Machtanspruch verfolgt und damit die Ideale der Revolution verrät. Camille Desmoulins (berührend: Florian Bernd) soll den gleichen Weg einschlagen wie Danton.

Das Fünf-Mann-Theater haucht allen Figuren Leben ein, den Anführern der Revolution und dem Volk.

Im Laufe des Stücks wird dieses immer mehr zu einer Masse, die mit Handpuppen dargestellt wird. Denn: Je nachdem, was der Redner vor dem Vorhang proklamiert, wiederholen sie. Egal, ob dies plötzlich die Gegenseite ist. Aus einem »Nein, nein, nein« wird allzu leicht ein »Ja, ja, ja«. Und mit dem Ausspruch »Wir sind das Volk, wir sind das Volk!«, wird man beängstigenderweise auch gleich in die Realität geholt.

Die Puppen sind genial gemacht, die Wankelmütigkeit ist damit perfekt dargestellt. Aber auch St. Just (gespielt von Elena Weber), die rechte Hand von Robespierre, als er, modernisiert, dem Kokainrausch verfällt und dabei eine hochtrabende Rede hält, die von Größenwahn nur so sprüht, war der Lacher des Publikum.

Aus dem anfänglich noch hoffnungsvoll gestimmten Freundeskreis von Danton wird nicht nur nach der Verurteilung ein verzweifelter. Danton wird schon während des kräftezehrenden Prozesses verrückt und sieht überall Gespenster, die ihm »September« zuflüstern – eine Anspielung auf die Septembermorde. Anrührend ist, wie seine Frau Julie, gespielt von Kristina Kroll, ihn dann beruhigt. Sie ist die Einzige, die überlebt.

Denn auch Desmoulins Frau, Lucile (Elena Weber), wird verrückt und tötet sich schließlich selbst in ihrem Wahnsinn. Das ist eine Abwandlung der wirklichen Geschichte: die wahre Lucile schleppt sich zum Schafott, ruft »Es lebe der König!« um ermordet zu werden und so Camille wieder nahe zu sein.

Das Stück endet mit einer stillen Prozedur, wie Danton und Desmoulins entkleidet und gefesselt aufs Schafott steigen – über ihre Köpfe wird eine Naturdoku eingeblendet wie ein Bussard seine Beute erledigt. Es kommt, wie es kommen muss, so die Moral. Die Revolution frisst eben ihre Kinder. Beeindruckend.

Weitere Vorstellungen: 17. |18. und 19. April 2018 || 20 Uhr || Haas-Säle Bamberg