Begrenzte Möglichkeiten

von Florian Grobbel (27. Mai 2018)

 

© Martin Kaufhold

 

Der Westen. Ein Begriff mit dem man viel anstellen kann. Er lässt sich unendlich oft definieren, schließlich ist ja auch die Himmelsrichtung Westen unendlich. Der Westen. Unter diesem Titel steht die aktuelle Spielzeit des ETA Hoffmann Theaters und auch das dritte Stück von Konstantin Küspert, welches er für das Ensemble des Bamberger Theaters schrieb. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen hatte es vor kurzem seine Uraufführung. Am 25. Mai feierte es auch in Bamberg Premiere.

Tatsächlich stellt Konstantin Küspert mit diesem Begriff »Westen« so einiges an und beginnt mit Lucky Luke, Superman, Dagobert Duck und Super Mario, die vor einer großen Bildschirmwand und dem Schriftzug »Go West« auf dem Boden liegen und sich bald von der sich übergebenden Freiheitsstatue abwenden. Ja, man kann vermuten, dass es ein wilder Abend wird. Und tatsächlich springen die fünf jungen Schauspieler ab diesem Zeitpunkt durch Zeit und Raum. Sie wechseln zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Fiktion und Realität, zwischen realem Schauspiel und Präsentation auf der Leinwand. Und manchmal vermischt sich einfach alles. So ähnelt Christoph Columbus, der versucht den König von der verrückten Idee zu überzeugen, einen Seeweg nach Indien im Westen zu finden, mit seinem schwarzen Rollkragenpulli doch ziemlich einem gewissen Steve Jobs. Den Pioniergeist hatten vermutlich wirklich beide. Auch bei der Teilung des römischen Reiches in Ost und West ist das Publikum dabei. Man lauscht zwei norddeutschen Mitarbeitern eines Massentierhaltungsbetriebes, die ihr Fleisch in den gesamten Westen exportieren und denen man gerne glauben mag, dass Schwein und Mensch eng miteinander verwandt sind. Doch auch real existierende Politiker treten auf. So will uns der chinesische Staatschef erklären, warum sein System so viel besser ist als das des Westens. Doch ist der Unterschied wirklich so groß?

»also insgesamt ist das nicht mehr sooo…«

Ein wunderbares Grundgerüst, welches diese turbulente Theatercollage auch braucht, bilden die fünf Figuren vom Anfang. Nach und nach erklären die fiktiven Helden in einem Monolog, was sie auszeichnet und es zeigt sich inwiefern sie für den Westen stehen. Der unglückliche Lucky erzählt von der heutigen Manie, eine Schusswaffe besitzen zu wollen. Super Mario vermittelt die Höher-Schneller-Weiter-Pilzrausch-Philosophie der westlichen Welt, zu der er auch sein Heimatland Japan zählt, und Onkel Dagobert klärt auf, warum der »American Dream« nicht mehr gilt. Offenbar keine rosigen Aussichten für den modernen Westen.

Doch seien wir mal ehrlich: Das ist nicht wirklich was Neues. Jeder der (vernünftige) Zeitungen liest, weiß welche Probleme es in der Welt gibt. Die Nachricht, dass 2029 ein Komet auf die Erde einstürzen könnte, ist da noch die neueste Neuigkeit und so verlässt man das Theater am Ende ohne wirklich etwas Neues gelernt zu haben. Eher im Gegenteil: Durch die Nutzung von großartigem Humor und Groteskem hinterlässt Der Westen eher den Eindruck, dass doch alles gar nicht so schlimm ist. Was der Inszenierung von Sibylle Broll-Pape fehlt, sind Szenen die Gänsehaut verbreiten und dem Publikum das Lachen im Halse stecken bleiben lassen. Szenen, über die man den ganzen Heimweg noch grübeln muss. Ja, vielleicht fehlt es auch ein bisschen an Radikalität.

So bleibt es bei einer unterhaltsamen und raffinierten Collage, die durch das einmal mehr perfekte Ensemble des ETA Hoffmann Theaters und auch das bemerkenswerte Kostümbild trotzdem lohnenswert ist. Gerade für junge, politikinteressierte Theatergänger ist Der Westen wunderbar geeignet. Aufgrund der vielen popkulturellen Anspielungen durch die fiktiven „Hauptcharaktere“ aber auch mit Hilfe der medialen Vielfältigkeit und Nutzung bekannter Serienintros macht das Stück eine Menge Spaß. Erwartet deshalb keine neuen Erkenntnisse, die euch an eurem Weltbild zweifeln lassen, wenn ihr Der Westen besucht, sondern freut euch auf eine humorvolle und liebevoll gestaltete Inszenierung.

 

Weitere Vorstellungen: 27. Mai; 02. | 03. | 07. | 10. | 20. | 21. Juni; sowie 06. Juli 2018 || jeweils 20 Uhr (Einführung um 19:30 Uhr) || Studio des ETA Hoffmann Theaters