Ich schrei zurück

von Günter Strickle (08. Juli 2018)

 

© Jochen Quast

 

»Ich schrei zurück.« Diesen Satz und immer gleich die Einschränkung, es gehe nicht wegen des Mundschutzes, gebraucht ein Mann am Zugang zur Intensivstation immer wieder. Dort liegt sein Vater mit Verbrennungen dritten Grades, weil er sich in suizidaler Absicht selbst angezündet hat. Mit einem Monolog beginnt die Premiere des zeitgenössischen Theaterstückes paradies spielen am Abend des 29. Juni 2018 im Markgrafentheater Erlangen. Es geht aber nicht nur um Darstellung der Hilflosigkeit und die Suche nach Antworten durch die Angehörigen eines Menschen, der solch eine Verzweiflungstat begeht, sondern im weiteren Verlauf um die Darstellung des Verhaltens von fünf Menschen und eines Zugkondukteurs in einem ICE, der ohne ersichtliche Ursache außer Kontrolle gerät, immer schneller wird und sogar am vorgesehenen Haltebahnhof durchrauscht. Eine dritte Handlungsebene beginnt mit einem Gespräch zwischen einer chinesischen Arbeiterin und deren Partner, die beschließen, der Hoffnungslosigkeit, dem Smog und der Tristesse einer chinesischen Industriestadt zu entfliehen in das Land ihrer Träume, nämlich Italien zu ziehen, ausgelöst durch das Label ›Made in Italy‹ in den Hemden, die sie in der Fabrik nähen.

In seinem Monolog vor der Intensivstation stellt der Sohn Fragen nach dem Warum einer solchen Verzweiflungstat, schildert die Unausweichlichkeit, die Zwänge. Sein Vater habe gekämpft, ist aber auf vorgesehenen Bahnen immer Schritt für Schritt gegangen, es gibt kein Ausweichen, der nächste Schritt folgt immer dem vorausgegangenen. Jetzt liegt der Vater da und lebt nur noch mit Hilfe von künstlicher Beatmung, künstlicher Herzstimulierung und vielen Schläuchen. Es werden viele Operationen nötig sein, um die Überreste des Hemdstoffes aus 65 % Polyester und 35 % Baumwolle, die sich ins Fleisch eingebrannt haben, zu entfernen. Die Ärzte haben ihn aufgeklärt über Phantomschmerzen, Heilungsprozesse und Spätfolgen von Verwundungen.

Szenenwechsel. Zugfahrt. Ein Ehepaar mittleren Alters unterhält sich, genauer gesagt, die Frau redet über Sehenswertes und nicht Sehenswertes, angeregt durch die Bilder der vorüberziehenden Landschaft. Eine junge, überarbeitet wirkende Frau telefoniert mit ihrem Freund, es geht um Arbeit, Termine, Zeitdruck. Eine andere junge Frau und ein etwas älterer Mann halten sich die Hände, die Frau denkt laut nach. Sie sind sich erst kurz zuvor am Bahnhof nähergekommen. Sie kämpft nun mit Zweifeln, ob sie sich auf eine Beziehung einlassen soll. Der Kondukteur kommt, redet von Verspätung, stellt dar, wie er immer zwischendrin steht, einerseits den Reisenden, die er informieren und zufriedenstellen muss und andererseits den Verantwortlichen, die das Unternehmen Bahn führen oder besser gesagt führen sollten und den Bahnkunden aufgrund ihrer Inkompetenz täglich regelmäßig stundenlange Verspätungen zumuten. Als alle bemerken, dass der Zug wohl unkontrolliert immer schneller wird, ändert sich das Verhalten der Reisenden bis zur Hysterie. Auch der Kondukteur verhält sich sonderbar, er beginnt zu singen. Als die Stimmung unter den Reisenden ausufert, zückt er plötzlich eine Pistole und schießt.

Dieses Verhalten scheint im Zusammenhang zu stehen mit der Geschichte einer chinesischen Frau und ihres Gefährten, die eine 17 Tage lange dauernde Zugfahrt auf sich genommen haben und nun im Land ihrer Träume, in Italien, in der Stadt Macrolotto angekommen sind. Doch der Traum entpuppt sich als Alptraum. Jetzt nähen sie in einer Fabrik in Macrolotto Hemden wie zuvor in ihrer chinesischen Heimat. Doch das Leben ist noch schlimmer, sie und ihre chinesischen Kollegen dürfen nicht die Fabrik verlassen, sie bekommen gerade mal den Platz für eine Matratze neben den Maschinen zugewiesen, an denen sie von früh morgens bis spät abends arbeiten müssen. Und das für einen so schlechten Lohn, von dem sie sich nie eine Zukunft werden aufbauen können. Die Frau will die Situation ändern, weiterziehen, der Mann will abwarten. Die Frau handelt, doch dann passiert etwas schreckliches, es brennt in der Fabrik, es gibt Tote.

In dieser Aufführung ist jeder Satz, jedes Wort bedeutsam, provoziert und regt zum Nachdenken an. Der Autor Thomas Köck arbeitet mit der Sprache, erschafft sogar neue Worte. Wer von den Zuschauern vom Hintergrund des Stückes durch ein Interview des Autors in den Erlanger Theater Nachrichten Mai/Juni 2018 informiert ist, der durchlebt die Aufführung höchst emotional. In seinem Buch paradies spielen berichtet der Autor von wahren Ereignissen. Im Dezember 2013 verbrannten im italienischen Macrolotto sieben chinesische Arbeiter in einer Textilfabrik bei einem Brand aus bis heute nicht geklärter Ursache. An dem Tag, als der Autor beginnen wollte, ein Stück über Wanderarbeiter und sogenannte Klimaflüchtlinge zu schreiben, versuchte sein Vater sich anzuzünden und umzubringen. Auch verbrachte der Autor von Herbst 2015 bis Frühjahr 2016 auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise viel Zeit in Zügen zwischen Deutschland und Österreich und erlebte Grenzkontrollen in Passau, wo Geflüchtete, also Menschen, meistens mit viel Widerstand aus den Zügen herausgeholt wurden. Unter den Augen all dieser Anzugträger, die in Frankfurt am Main umsteigen, wurden ganze Familien hinausbegleitet und mussten sich am Bahnsteig in Reih und Glied aufstellen.

Diese Erfahrungen und Eindrücke des Autors wurden im Theaterstück so gut und eindrucksvoll dargestellt, dass auch ich sagen, nein schreien möchte »Ich schrei zurück«. Neben schauspielerischer Brillanz tragen Bühnenbild, filmkünstlerische Hintergrundgestaltung und Toneinsatz, die an Perfektion grenzen, dazu bei, dass die Zuschauer gefesselt und gebannt das Geschehen verfolgt haben. Während der im Anschluss stattfindenden Premierenfeier, wo auch der Autor persönlich zugegen war, waren solche Reaktionen zu hören wie »Wir müssen noch mehr unser Verhalten ändern«. Wir können etwas ändern und uns nicht nur auf unfähige politische und wirtschaftliche Führungskräfte verlassen. Wir entscheiden, was und wo kaufen wir, für wen arbeiten wir, der Zug rast zwar unaufhaltsam weiter, wir müssen aber nicht mitfahren.

Abschließend bewertend sei hier noch Friedrich Schiller zitiert: »Wahre Kunst soll alle Menschen frei machen, und dieses dadurch, dass sie eine Kraft in ihnen erweckt, übt und ausbildet, die Sinnlichkeit der Welt, die sonst nur als ein roher Stoff auf uns lastet, als eine blinde Macht auf uns drückt, in eine objektive Ferne zu rücken, in ein freies Werk unseres Geistes zu verwandeln und das Materielle durch Ideen zu beherrschen.« - Dieses Theaterstück hat das Zeug dazu!

Weitere Aufführungstermine: 08.07. um 18:00 Uhr | 09.07. um 19:30 Uhr | Markgrafentheater Erlangen