Böse Zeiten im Goldenen Haus

von Günter Strickle (1. Oktober 2018)

 

© Jochen Quast

Markgrafentheater Erlangen, 27. September 2018, kurz vor halb acht Uhr abends. Das Publikum im gut besetzten Theater wartet auf den Beginn der Premiere von Golden House. Der Regisseur Thomas Krupa hat den Roman von Salman Rushdie, übersetzt von Sabine Herting, für die Bühne bearbeitet. Die Decke des Theaters ist in warmes Licht getaucht, rote und goldene Töne des Theaters kommen zur Geltung. Absicht? Die Bühne ist zunächst dunkel, während sich Geräusche einer Großstadt aufbauen. Motorengeräusche von Autos, wildes Durcheinanderhupen, Wortfetzen aus Reden, Menschenrufe, ich meine Obamas Stimme herauszuhören. Andere Stadt , andere Geräusche. Bildprojektionen in schwarz-weiß, ein Datum im November 2008. Mumbai. Da fand der schreckliche Terroranschlag auf mehrere Gebäude statt, der fast 60 Stunden dauerte und 166 Menschen das Leben kostete. Zu der Zeit wurde auch Obama zum Präsidenten der USA gewählt.

Eine Frauenstimme ist zu hören: Sie sucht im Gespräch mit einem Mann wohl den Zustand ihrer Beziehung zu klären. Er denkt laut: Ich muss ihr von dem Kind erzählen, ich muss ihr von dem Kind erzählen. Dialog. Dann betritt der Mann die Bühne, er stellt sich vor, René, ein Filmemacher. Er erzählt, wie der Einzug von vier Männern im Nachbarhaus sein Leben verändert hat, sie seien wie einen Bombe in sein Leben eingeschlagen und er sähe die Chance seines Lebens, einen großen  Film darüber zu drehen. Er kommt zur Sache und beginnt seine Erzählung mit einem Zitat aus dem Buch: „Am Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten, als wir Sorge hatten, er könnte, während er Hand in Hand mit seiner außergewöhnlichen Frau durch die jubelnde Menschenmasse ging, ermordet werden, als so viele von uns wegen der geplatzten Hypothekenblase kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin standen und als Isis noch eine ägyptische Göttin war, traf ein ungekrönter etwa siebzigjähriger König mit seinen drei mutterlosen Söhnen aus einem fernen Land in New York City ein, um seinen Palast im Exil zu beziehen, dabei verhielt er sich, als gäbe es an dem Land oder an der Welt oder an seiner eigenen Geschichte nichts auszusetzen […]“.

Dann der große Auftritt. Vier Männer treten vor in den Garten, Lichtprojektion an der Decke von Bäumen, die in den Himmel wachsen und spannungserzeugende Töne eines Kontrabasses im Hintergrund. Der ältere der vier Männer stellt sich mit seinem neugewählten Namen Nero Golden als der Vater der drei Männer, vor die sich rechts und links neben ihm aufgebaut haben. Sein neues Domizil soll Golden House heißen in Anlehnung an den machtbesessenen römischen Kaiser Nero, der auf den Ruinen der abgebrannten Stadt Rom den Palast Domus Aurea errichten ließ. Was die Leute über ihn denken würden, wenn er rücksichtslos seine Interessen verfolge, sei ihm egal. Er verlangte jetzt ebenfalls von seinen Söhnen, dass sie sich klassische Namen aussuchen und sich so vorstellen sollten. So stellt sich der älteste Sohn als Petya, nach Titus Petronius, der zweite als Apu, nach Apuleis und der wesentlich jüngere, da aus einem späten Seitensprung des Vaters hervorgegangen, einfach „D“ nach Dionysos. In ihren Reden schwingt Rücksichtslosigkeit und Böses mit. Petya sagt: „Ich bin nur für mich alleine da“ und schildert wie schrecklich und unzüchtig es hinter den Palastmauern im alten Rom zuging, so sei es auch in seiner Familie. Im Verlauf der Handlung wird klar, dass die Mutter der beiden älteren Söhne bei dem Terroranschlag in Mumbai ums Leben gekommen war und der Vater sich daran schuldig fühlt. Das könnte mit seinen früheren Geschäften in Indien im Zusammenhang stehen. Unruhe in der Familie entsteht, als der Vater eine viel jüngere Frau heiratet, diese kann aber die Gemüter beruhigen, als sie zugibt, dass sie zwar den Reichtum von Nero Golden genießen will, sie aber kein Kind wolle und es für sie selbstverständlich sei, ihren Mann dafür zu verwöhnen. Die Söhne gehen ihren Weg; bei den Dialogen und Monologen sowie der erzählenden Begleitung durch René und auch dessen Lebensgefährtin wird viel über Moral und Weltanschauung preisgegeben. Es werden wilde Partys gefeiert; René dreht Filme, hier bekommt auch der durch einen Film bekanntgewordene Joker seinen Auftritt - wenn auch mit grüner Perücke, doch in Rede und Gebaren eine deutliche Anspielung auf Donald Trump, den späteren neuen Präsidenten. Es entwickelt sich langsam eine Tragödie. Neros junge Ehefrau will nun doch ein Kind und zieht wegen Zeugungsunfähigkeit des schon siebzigjährigen Mannes René mit ins Spiel. Vespasian wird geboren, Nero reagiert unerwartet ruhig und großzügig. Dann kommen seine drei Söhne nacheinander alle ums Leben, Apu wird auf einer Indienreise von ehemaligen Geschäftspartnern seines Vaters ermordet, Petya wird von einem Amokläufer erschossen und der androgyne „D“ begeht Selbstmord, weil er seine sexuelle Identität nicht findet. Am Schluss gibt es eine Explosion im Golden House, wobei auch Nero und seine junge Frau ihr Leben verlieren.

Es ist nicht allein die Handlung, die diese Theateraufführung unbedingt sehenswert und erlebenswert macht. Salman Rushdie wählt die Form des Dichtererzählers, der Erzähler will wiederum einen Film über die Familie drehen. Der Regisseur Thomas Krupa hat all dies aufgegriffen. Es wird erzählt, gesprochen und geschrien. Begleitet werden viele Handlungen durch gleichzeitige übergroße Schwarz-weiß-Projektionen im Hintergrund. Die überwältigende Akustik in Form von Großstadtgeräuschen, Musik und Partystimmung tragen zu einem Gesamteindruck bei. Schauspieler interpretieren eindrucksvoll Songs wie „My Way“ und „Always look on the bright side of life“. Auch Michael Jackson's Tanzstil musste herhalten, wohl um das Thema Identitätssuche und künstliche Manipulation des Körpers zu verdeutlichen. Für Anspannung und Entspannung passend zu den Situationen sorgt auf wunderbare Weise der live gespielte Kontrabass mit eindringlichen Grundtönen. So wird ein Bild von Amerika von Beginn der Amtszeit des Präsidenten Obama bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Donald Trump gezeichnet. Aus den Redebeiträgen der Handelnden sind die Phänomene der Zeit ersichtlich: Es geht um Identitätssuche religiöser Art in den Völkern als auch der Individuen in sexueller Hinsicht, um Rassenhass und die Kluft zwischen Arm und Reich. Außerdem behandelt das Stück die Probleme des immer stärker werdenden Egoismus der Menschen und die Verrohung der Gesellschaft. Es geht ferner auch um das Böse und die Werteverschiebung amerikanischen Denkens. Nicht mehr ein heldenhafter Superman oder Batman oder gar eine Batwomen retten Amerika und die Welt, der Joker ist da und zeigt sein hässliches Gesicht. Elitäres Denken ist out, das Zeitalter des Posfaktischen hat begonnen. Insgesamt erinnert die Szenerie an die sogenannten Goldenen Zwanziger Jahre in Berlin, wo auch eine dekadente Oberschicht feierte und die gleichzeitige Verelendung der Masse nicht wahrnahm oder ignorierte. Dies wird im Theater durch den Auftritt eines Penners gegen Schluss des Stückes und den Tanz des neuen Präsidentenpaares deutlich herausgestellt. Wie es im Wirtschaftszyklus gute und schlechte Phasen gibt, wechseln sich wohl auch in gesellschaftlichen Entwicklungen gute Zeiten und böse Zeiten ab. Kunst, Literatur und Theateraufführungen wie diese können einen Beitrag dazu leisten, dass nicht alles ins Böse abdriftet.

 

Weitere Vorstellungen: 07.10., 18.00 Uhr, 08., 17., 18.10. & 10.11. je 19.30 Uhr, 11.11., 18.00 Uhr.