Tabuthema Tod im Theater

von Günter Strickle (3. Oktober 2018)


© Konrad Fersterer

Predigt im Theater über das Sterben, dann auch noch gefälscht? Was erwartet den Theaterbesucher bei der „AUFFÜHRUNG EINER GEFÄLSCHTEN PREDIGT ÜBER DAS STERBEN“? Mit der Uraufführung am 28. September 2018 in den Kammerspielen im Schauspielhaus Nürnberg hat der Regisseur, Autor, Essayist und Programmmacher Boris Nikitin einen seiner schillernden Grenzgänge zwischen Illusionstheater und Performance in und für Nürnberg und das Repertoire des Staatstheaters erarbeitet, so die Ankündigung im Programmheft. Beim Betreten des Gotteshauses – äh, der Kammerspiele – erinnert mich die Atmosphäre an die Kirche einer amerikanischen Kleinstadt. Ein großer Chor hat sich aufgestellt, es sind der Nürnberger Gospelchor zusammen mit dem Veitsbronner Gospelchor „Volces“, an einer kleinen elektrischen Orgel sitzt der Orgelspieler Finn Nolting, der Prediger Malte Scholz betritt den Raum mit einem Mikrofon in der Hand und stellt sich vor das Publikum. Der Gospelchor singt das Eingangslied, nein, er bietet es mit kräftigen Stimmen und viel Gestik dar, angeleitet von einer unter vollem Körpereinsatz dirigierenden jungen Frau. Der Prediger ergreift das Wort:

Er redet über Bedeutung von Predigt im gewohnten Sinne, will es aber heute anders machen. Es soll kein klassischer Theaterabend werden. Vielmehr soll die Predigt dem Publikum das Thema Sterben, damit aber auch Leben und Bedeutung von Wirklichkeit nahebringen. Der Prediger zitiert Aristoteles: „Nur dadurch, dass die Möglichkeit besteht, dass wir NICHT leben, wird die Möglichkeit, DASS WIR LEBEN überhaupt erst zu einer Möglichkeit.“ Darauf will er aber erst später noch einmal zurückkommen. Dann offenbart er dem Publikum, dass er sich zeitnah mit dem Thema Krankheit und Tod auseinandergesetzt hat, da sein Vater nach einem Jahr unheilbarer Krankheit erst vor wenigen Monaten verstorben sei. Die Begleitung des Vaters während seinem letzten Lebensjahr, bestimmt von Krankheit und äußerem Verfall bis zum Moment des Todes, haben er und vermutlich auch sein Vater als positive Lebenserfahrung angesehen. Hier schildert der Prediger ganz bildhaft den Verlauf eines Sterbeprozesses von der erschütternden Diagnosemitteilung, von  der Auseinandersetzung über Annahme von Hilfe, Zugeben von Verwundbarkeit – großes Thema – , Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe zu bisher so nicht gekannter und nun möglicher zwischenmenschlicher Annäherung im Bewusstsein des herannahenden Todes. Unter Bezugnahme auf diese Sterbeerfahrung stellt der Prediger Theorien über Verwundbarkeit als vorteilhafter Eigenschaft und über die Fähigkeit, sterben zu können auf – Zitat: „Ihr habt das Sterben verlernt, deswegen seid ihr zu keiner Revolution mehr fähig.“ Das Bewusstsein von der Möglichkeit, das Lebensende zu riskieren wie Jesus oder Revolutionäre oder Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können erhöhe die Qualität des eigenen Lebens als auch das von Gesellschaften.

Während des Vortrages zog sich der Prediger nach und nach völlig nackt aus, zerstörte einen Feuerlöscher, in dem er ihn gegen eine Wand warf, legte sich in die Scherben und predigte dann nackt auf einem Stuhl weiter. Unterbrochen wurde die Predigt mehrmals durch grandiose Gospelsongs. Ein Interview mit dem Schauspieler an der Orgel sollte wohl Argumente der Predigt unterstreichen. Unter Einsatz von Licht- und Videotechnik wurden Wirkungen auf das Publikum verstärkt. Außerdem wurden im Hintergrund Großaufnahmen von leeren Krankenhaussälen und -gängen gezeigt. Im Publikum herrschte oft eine fast unheimlich anmutende Stille. Dies rückte der Prediger ins Bewusstsein, in dem er ein Gauleitertreffen während der Nazizeit beschrieb, wo auch absolute Stille auf Schellackplatten aufgezeichnet wurde, nachdem die Teilnehmer erfahren hatten, dass die Gespräche aufgezeichnet würden.

Viele Inhalte der gefälschten Predigt regen zum Nachdenken über das Tabuthema Tod an, ermutigen zu bewusstem Leben und Neuanfang. Viele Inhalte können irritieren, wer sind „Ihr“ im Zitat „Ihr habt das Sterben verlernt, deswegen seit Ihr zu keiner Revolution mehr fähig.“ Es gibt doch einige Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft, die ihr Leben als schärfste Waffe für das Erreichen der Ziele ihrer Revolution einsetzen und das oft motiviert von echten Predigten. Viele Menschen trauen sich deshalb schon nicht mehr auf Großveranstaltungen oder haben ein mulmiges Gefühl beim Bahnfahren. Und dann gibt es die Amokläufer, die entweder ihre Verzweiflung zum Ausdruck bringen wollen oder auch auf diese Art irgendwelche Ziele erreichen wollen. Und dann gab und gibt es immer wieder die freiwilligen Kämpfer in Kriegen, die entweder aus Rache für getötete Angehörige oder für Ziele irgendwelcher Herrscher bereit sind zu sterben. Im Augenblick des Todes haben sie dann den höchsten Grad ihrer Selbstverwirklichung erreicht. Irritierend sind auch die Videoprojektionen von gespenstisch leeren Krankenhaussälen während eines Vortrages über die Vorzüge der Sterbehilfe. Sollen sich etwa mit der gesellschaftlichen Akzeptanz der Sterbehilfe Kosten für die Gesellschaft einsparen lassen?

 

Die Beschreibung im Programmheft, die Arbeiten des Regisseurs und Autors Boris Nikitin „heben die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit auf eine neue Stufe“ (Theater der Zeit) macht Sinn. In dem Zusammenhang ein Zitat von Boris Nikitin im Gespräch mit Dramaturg Sascha Kölzow auch im selben Programmheft: „Aber das Theater ist, wie fast jede Kunstform, immer ein Ort gewesen, wo die reale Gefahr sublimiert wird, wo also anstatt Aggression wirklich auszuleben, diese als Fiktion simuliert wird. Im Prinzip versuche ich meine Radikalisierungsgelüste im Theater zu simulieren. (lacht) Und schaue, wie weit ich da gehen, wie persönlich und real ich da werden kann.“

Weitere Vorstellungen: 11., 13. & 19.10.18, 09.11.18, 01.12. & 05.12.18, 27.01.19, 09.& 28.02.19, 11.04.19 und 05.06.19