Einer sollte mal ein Stück über uns schreiben!

von Günter Strickle (5. Oktober 2018)

© Konrad Fersterer

„ […] wenn ich ein großer Künstler wäre", so endet ein Brief, geschrieben von dem Künstler Anton Tschechow mit Datum vom 4. Oktober 1888. Um dieses Thema dreht sich auch alles in der Premiere von Die Möwe im Schauspielhaus Nürnberg am 29. September 2018. „In der „Möwe“ suchen alle Figuren in irgendeiner Weise Erlösung in der Kunst. Die einen sind Künstler, andere wollen unbedingt welche sein, und wieder andere verehren diese Künstler fast bedingungslos", so die Dramaturgin Brigitte Ostermann im Gespräch mit Regisseurin Anne Lenk.

Als die berühmte Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina, gespielt von der Schauspielerin Ulrike Arnold, wie immer den Sommer auf dem Landgut ihres Bruders verbringt, ist dieses Jahr etwas Besonderes angesagt: Ihr erwachsener Sohn Konstantin Gawrilowitsch Treplew, von allen, die ihn kennen, einfach Kostja genannt und hier gespielt von Cem Lukas Yeginer, wohnt noch bei deren Bruder. Er hat ein Theaterstück geschrieben und eine Aufführung im Park anberaumt. Er will Schriftsteller werden und mit diesem Stück das Theater revolutionieren.

Kostja möchte aber auch Nina, die hübsche Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers beeindrucken und deren Liebe gewinnen. Nina Michailowna Saretschnaja, gespielt von Pauline Kästner, will eine berühmte Schauspielerin werden wie die Mutter von Kostja. Sie soll die Hauptrolle in dem Stück spielen. Kostja will aber auch seine Mutter beeindrucken, aus ihrem Schatten heraustreten. Zumal die Mutter in diesem Jahr ihren jungen Geliebten, den erfolgreichen Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin (Amadeus Köhli) im Schlepptau hat. Viele sind gekommen, um das Stück zu sehen, wie der Onkel von Kostja, Pjotr Nikolajewitsch Sorin (Thomas Nunner), der früher auch Schriftsteller und Ehemann werden wollte, beides ist nicht gelungen. Oder der Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenkoe (Tjark Bernau) und Mascha (Anna Klimovitskaya), die Tochter des Gutsverwalters. Der mit seiner finanziellen Situation unzufriedene Lehrer himmelt Mascha an, diese bemängelt aber dessen kleinkariertes Denken und versucht mit Alkohol und Tabletten ihr Leben erträglicher zu gestalten. Dann ist auch der Arzt Jewgeni Sergejewitsch Dorn (Raphael Rubino) gekommen. Er ist nicht nur in seiner Eigenschaft als Mediziner gefragt, sondern auch für andere Lebensfragen, sogar in Fragen der Liebe. Hin und wieder setzt er zum Gesang aus einer italienischen Oper an, wohl um zu zeigen, dass auch er eine künstlerische Ader hat. Polina Andrejewna (Stefanie Leue), die ziemlich frustrierte Frau von Sorins Gutsverwalter, wirft sich ihm ungeniert an den Hals, als ihr Mann noch nicht da ist. Der Gutsverwalter Ilja Afanassjewitsch Schamrajew (Michael Hochstrasser) tritt auf und präsentiert sich sogleich als Kenner der Theaterwelt, weil er früher in der Stadt bei einem Theaterbesuch einmal aufgefallen war.

Vor Beginn der Aufführung im Park kommt es noch zu einer Auseinandersetzung zwischen Kostja und seiner Mutter. Er zeigt ihr sehr deutlich, dass er ihren Erfolg nicht anerkennt. In ihrer Theaterwelt sei „Der Sinn verschimmelt und die Form verfault“ deshalb fordert er „Neue Formen – oder gar nichts.“ Er wirft ihr auch vor, sich zum Theater geflüchtet zu haben, um ihren Aufgaben als Mutter auszuweichen. Die Mutter lässt sich trotzdem oder gerade deshalb auf das nun beginnende Schauspiel ein. Kostja hat wirklich neue Ideen: Er bezieht das ganze Publikum mit ein, heute heißt das „Interaktives Theater“. Doch in der Ausführung misslingt das Vorhaben, als seine Mutter ihn auslacht und auch Nina sich von ihm abwendet, zieht er sich an den angrenzenden See zurück. Die anderen leben ihr Leben oder gehen dran vorbei, weil sich wohl alle in die falschen Menschen verliebt haben. Nina wendet sich Trigorin zu. Ausgerechnet Kostja selbst befördert diese neu aufkeimende Liebe, denn er erschießt die einzige über dem See kreisende Möwe, ein Symbol für Freiheit, die Nina vor die Füße fällt. Trigorin bezeichnet dies als schicksalhaften Hinweis, Nina folgt ihm in die Stadt, sie will dort ihren Traum berühmt zu werden, erfüllen.

Nach einiger Zeit treffen sich Nina und Kostja wieder am See. Beider Träume haben sich nicht erfüllt. Nina wurde von Trigorin enttäuscht, berühmt ist sie auch nicht geworden. Kostja schreibt zwar, besonders erfolgreich ist er jedoch nicht. Beide bekunden sich zwar ihre Sympathie, gehen aber trotzdem ihre eigenen Wege. Kostja zeigt keinen Willen zur Veränderung, Nina hat aus ihren Erfahrungen gelernt, sie will immer noch Schauspielerin werden, ist sich aber jetzt bewusst, dass sie klein anfangen und hart arbeiten muss. Im Vordergrund steht nicht mehr der Ruhm, es scheint jetzt Berufung zu sein. Als sich alle Sommergäste wieder mal treffen, wird deutlich, dass sie sich immer noch um sich selbst drehen, nur einer verlässt unauffällig die Runde: Kostja. Wenig später fällt ein Schuss, jeder weiß wohl, was passiert ist, aber keiner zeigt Rührung. Sie spielen einfach weiter ihr Spiel.

Es war eine Theateraufführung, die beeindruckte, die dem Publikum die Probleme, Sorgen, Träume und Wünsche der Menschen vor und hinter den Kulissen näherbrachte. Überzeugende Schaupieler:innen sorgten manchmal für Heiterkeit, dann auch wieder Nachdenklichkeit im Publikum. Zu diesem wunderschönen Theaterabend haben auch Anne Lenk (Regie), Judith Oswald (Bühne), Sibylle Wallum (Kostüme), Thomas Esser (Musik), Kai Luczak (Licht), Brigitte Ostermann (Dramaturgie) und viele andere Mitarbeiter des Theaters sowie der Schriftsteller Anton Tschechow beigetragen.

Ein Zitat von Anton Tschechow lautet: „Einer sollte mal ein Stück über uns schreiben!“ nachzulesen auf einer Mauer auf dem Platz vor dem Staatstheater Nürnberg, er hat es getan.

 

Weitere Vorstellungen: 11., 13., 28., 30.Oktober; 03., 16., 20., 29. November; sowie 11., 17., 27. Dezember 2018