Verwüstung durch Fortschritt

von Margarethe Lohneis (20. Oktober 2018)

© Martin Kaufhold

Im Rahmen der Premierenvorstellung von Robert Woelfls „Überfluss Wüste“ am 11.10.2018 im ETA Hoffmann Theater Bamberg wurde dem Publikum in zweierlei Hinsicht eine große Ehre zuteil. Zum einen durfte es eine Uraufführung bewundern, zum anderen ließ es sich der Autor des Stückes nicht nehmen, höchstpersönlich auf ein Stück einzustimmen, welches versucht, den Zeitgeist einer Generation – gestrandet auf dem Grat zwischen Fluch und Segen des technischen Fortschritts – zu vermitteln.

Das Mekka der Hightech-Freaks? Der Sitz technischer Innovation? Der IT-Motor des gesamten Universums? Ganz klar: Silkon Valley. Hier befindet sich ein Think Tank der smartesten Köpfe, zu deren Kreis auch die vier Protagonisten aus „Überfluss Wüste“ Zoe, Josh, Finn und Sebastian gehören könnten. Der Autor des Stückes, erfährt der interessierte Zuschauer, hat sich im Laufe seiner Arbeit intensiv mit dem Phänomen des Silikon Valleys auseinandergesetzt. Jedoch wäre es auch ohne dieses Wissen möglich, einen Zusammenhang zwischen jener Innovationshochburg und dem Handlungsort des Stückes zu ziehen. Der Handlungsort befindet sich in der Wüste Nevadas, bei den „Quellen der Unsterblichkeit“, durch die sich große, weltverändernde, weltuntergangberechnende, verliebtheiterrechenbarmachenwollende Programmierer bzw. die, die es werden wollen bzw. die, die eben davon in die Verzweiflung getrieben werden, Inspiration und bahnbrechende Einfälle erhoffen. Bereits ihre heldenhaften Vorbilder wie Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg taten es ihnen gleich. Genau dort, an einem tiefen Riss in der Erde, findet eine schicksalhafte Begegnung von vier jungen Programmierern statt.

Zoe ist die erste dort eintreffende Person und versucht permanent, sich einen Monopolanspruch auf „ihren“ Ort zu sichern. Sie möchte nämlich genau dort den Weltuntergang und infolge dessen ihren Tod erleben. Tag und Uhrzeit des Weltuntergangs hat sie vorher genauestens mit einem Programm berechnet, welches ihr allerdings nicht den ersehnten Durchbruch verschaffte, auch nicht das noch davor ersehnte Haus, das mit Mann und Kind und Hund gefüllt ist. Corinna Pohlmann stellt die tiefe Frustration geplatzter Träume sowie die daraus folgende Resignation, Emotionslosigkeit und Abgestumpftheit kombiniert mit einer gewissen Todessehnsucht beängstigend eindrucksvoll dar. In ihren Kosmos und ihren Ort platzen zwei übermotivierte deutsche – wie zahlreich betont „aus Stuttgart“ kommende – Wissenschaftler, um sich für den Bau des „Autos der Zukunft“ neuen Antrieb zu holen. Die Konstruktion dieses Autos verdeutlicht dem Zuschauer ein weiteres Problem unserer hochtechnologisierten Zeit. Finn, der wahnhaft von dem Auto besessen ist, stellt fest: „Irgendwann wird es auf der Welt keine Menschen mehr geben, sondern nur noch perfekte Autos und diese Autos sind unser Vermächtnis“. Als Zuschauer wird man hier unmittelbar zum Nachdenken angeregt, zur Hinterfragung des technischen Fortschritts, allerdings ohne dazu aktiv aufgefordert zu werden. Es entspinnt sich im Laufe der Handlung eine Art Schreckensszenario, was Innovationswahn anrichten kann mit der Psyche eines Individuums, mit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, aber auch mit der gesamten Menschheit. Dieses wirkt und beängstigt und lässt für einen Moment das Fortbewegungsmittel der Pferdekutsche wieder herbeiwünschen. Auf Finns Geheiß begleitet ihn sein Kollege Sebastian zur Inspirationswüstentour. Die Dynamik zwischen dem Autobauer-Gespann ist das ganze Stück hindurch ein Garant für Lacher im Publikum. Wie jede Figur hat auch Sebastian „sein Päckchen zu tragen“. Der sehnlichste Wunsch und das Streben, endlich besser programmieren zu können, haben bei ihm eine Störung der Atmung ausgelöst, die in der Logik des Loslassens und Zu-Sich-Selbst-Findens verschwindet. Durch eine unvorhergesehene Wanderung durch die Wüste Nevadas und erstmaligen Zigarettenkonsum löst sich sein Problem nämlich erst, als er es nicht mehr fokussiert. Der Austritt aus der Wissenschaftlichkeit und Verkopftheit während der Lösung von Problemen erweist sich auch für den vierten Programmierer Josh als hilfreich. Er ist nicht in der Lage, eine existenziell wichtige Entscheidung zu treffen, weshalb er dafür die Münze wirft. Die vermutlich profanste Möglichkeit einer Entscheidungsfindung. Sein Programm, das er extra zur Lösung der Frage geschrieben hat, scheitert. Es ist nicht in der Lage, ihm sicher zu sagen, ob er etwas für Zoe empfindet oder nicht. Aufgrund dessen macht er sich an jenem Tag des vermeintlichen Weltuntergangs, den Zoe prognostiziert hat, auf den Weg zu den Quellen. Er möchte herausfinden, ob er wirklich etwas für sie empfindet oder ob ihm lediglich ein Fehler beim Programmieren unterlaufen ist. Die Unmöglichkeit der Beantwortung dieser Frage, die durchaus auf der emotionalen Unfähigkeit der beiden hochintelligenten Programmierer beruht, treibt ihn in die Verzweiflung. Nachdem allerdings bei beiden die Münze für die Liebe entscheidet, keimt die Hoffnung auf ein verkapptes Happy End.

Trotz der Beschränkung auf einen Schauplatz trägt die Handlung nicht zuletzt dank der starken Charaktere der Figuren und deren absolut authentische Darstellung eine große Spannkraft in sich. Durch die radikale Einfachheit eines schwarzen Raums sowie die Lokation der Studiobühne entsteht eine Atmosphäre, die den immensen Druck, dem die hochintelligenten jungen Menschen ausgesetzt sind, transportiert. Sich selbst oder der Technik nicht genügen zu können, bringt sie an ihre Grenzen, die man als Zuschauer nicht nur mitfühlen, sondern auch sehen kann, zum Beispiel wenn die gesamte Studiowand nicht ausreicht, um eine Formel niederzuschreiben. Das Publikum ist sehr nah an der Bühne, der Handlung und den Emotionen. Die Monologe und Dialoge treffen den Zuschauer ungebremst und aus nächster Nähe. Die Eindringlichkeit der Worte lässt einem in manchen Momenten das Lachen im Halse stecken, im anderen Moment lauthals loslachen. Jede Figur erlebt einen sich immer weiter potenzierenden und eskalierenden Emotionsausbruch, in dem sich die tiefgreifenden Sorgen und Existenzängste jedes Einzelnen, die der Leistungsdruck verursacht, offenbaren. Die Dialoge sind charakterisiert durch klugen Wortwitz. Die Qualität der Dialoge kann man als eine Mischung aus Slapstick und philosophischem Diskurs beschreiben, was den Zuschauer an die Worte fesselt und ein Abschweifen unmöglich macht.

Trotz eines gewissen, nicht zu leugnenden Deprimierungspotenzials des Themas besonders für die Generation XY, bietet das Stück eine Lösung aus dem sich zuspitzendem Chaos. Diese wird begünstigt durch einen gänzlich unerklärlichen Regenschauer in der Wüste, der anstelle des Weltuntergangs zu Tage tritt und eine Abkühlung der Gemüter verschafft. Dieses unberechen- und unprogrammierbare Wunder lässt einen Ausweg aus dem festgefahrenen Denken zu und schafft, was dem bloßen Ort der „Quellen der Unsterblichkeit“ nicht möglich war: ein Umdenken, eine Inspiration, sogar eine gewisse Zufriedenheit, einen Stop der Getriebenheit. Am Ende war es also doch die Wüste, die den Programmierern neue Sichtweisen, Ideen und Inspirationen geschenkt hat, jedoch in einem anderen Kontext. Statt die Arbeit der Programmierer zu perfektionieren, hilft sie ihnen, sich von eben diesem Perfektionsdrang zu lösen. Sogar Zoe muss akzeptieren, dass die Welt trotz ihres hieb- und stichfestem Programms nicht untergegangen ist und es somit auch für sie ein Weiterleben gibt. Finn und Sebastian müssen feststellen, dass sie zwar ein selbstdenkendes Auto entwerfen, jedoch ihr eigenes reales Auto nicht reparieren können. Josh muss erkennen, dass es keinen Algorithmus(s) für die Liebe gibt. Trotz oder gerade wegen dieser primären Desillusionierung ist ein Neuanfang möglich. Das Stück endet versöhnlich, mit Hoffnung auf ein Entkommen aus der hochtechnologisierten Leistungsgesellschaft. Es mahnt jedoch, dass es dafür eigenen Willen und Reflektiertheit sowie die Besinnung auf Zwischenmenschlichkeit braucht, um dem Teufelskreis der Wüste des Überflusses zu entsagen. In diesem Stück steht sich ungebremster Ehrgeiz dessen Kehrseite gegenüber. Es wird ein Einblick in das Innere der vermeintlich übermenschlich leistungsfähigen jungen Menschen gegeben, die bis zu 72 Stunden am Stück programmieren können. Dieser Einblick lässt die eigene Prioritätensetzung und Zukunftsplanung noch einmal überprüfen. Der nicht enden wollende Applaus bestätigte die fesselnde, hervorragend gelungene Inszenierung des Dramas und Themas sowie die aktuelle Bedeutung dessen. Im Anschluss der Premiere war von einigen Seiten zu vernehmen, dass das Stück besonders wertvoll für junge Menschen sein. Dieser Aussage lässt sich nicht widersprechen, im Gegenteil. Lohnenswert ist der Besuch des Stückes in jeder Hinsicht. Entstammt man der Generation XY, muss man es sehen.

Auf die Frage, ob in einer Welt, die hoch technologisiert, digital und von Maschinen bestimmt ist, überhaupt noch Zeit für Geschichten und Theater bleibt, antwortet der Autor Robert Woelfl im Vorgespräch der Premiere unerwartet und sorgt damit für Schmunzeln. Nach der zentralen Aussage von „Überfluss Wüste“ könnte davon ausgegangen werden, dass er diese Frage verneint. Dies geschieht jedoch nicht. Er bringt eine ganz andere Sichtweise ins Spiel und entwickelt den Gedanken, dass wenn alle „doofen Jobs“ von Maschinen übernommen werden, die Menschen sogar endlich wieder mehr Zeit für Geschichten und Theater haben.

 

Weitere Vorstellungen: 21., 24., 25., 28. Oktober, sowie 3., 10. November