Und was passierte mit Helena, Kassandra und Co.?

von Hannah Deininger (09.10.2018)

© Konrad Fersterer

Am Sonntag, den 07. Oktober 2018 wurde im Staatstheater Nürnberg die Premiere des Stücks „Die Troerinnen/Poseidon-Monolog“ in einer Inszenierung von Jan Philipp Gloger aufgeführt. Das Stück mit Hintergrund im alten Griechenland durch den Tragödiendichter Euripides wurde von Konstantin Küspert in die heutige Zeit verlagert. „Die Troerinnen“ erzählt von den Frauen Trojas, genauer von ihrem Schicksal nach dem Fall ihrer Stadt.

Schon das Bühnenbild nimmt den Zuschauer mit in die Gefühlswelt nach dem Ende des Trojanischen Krieges, der immerhin zehn Jahre währte und vielen bekannten Helden (z.B. Hektor und Achilles) das Leben kostete. Was die Troerinnen, die überlebenden Frauen von Troja, wohl vor allem fühlen, ist eine gähnende Leere. Diese wird durch die schwarze, sich scheinbar ins Unendliche ausdehnende Bühne gut unterstrichen. Einzig ein langer, grauer Steg mit Tür am Ende ist im Bühnenbild vorhanden.

Im Laufe des Stücks wird dieser immer wieder gewitzt als Projektionsfläche verwendet. Den grauen leeren Steg, im schwarzen leeren Raum betritt zu Beginn Poseidon; modern gekleidet, in schwarzem Anzug, das Hemd lässig oben offen, setzt er sich und bringt die Zuschauer auf den aktuellen Stand der Dinge. Wie er seine schützende Hand über Troja hielt, wie Helena von Paris geraubt und nach Troja gebracht wurde, wie Athene die angreifenden Griechen unterstützte, wie dieser Krieg auch zum Krieg der Götter wurde und wie Troja schließlich durch die bekannte List des Odysseus und seinem hölzernen Pferd wahrhaftig über Nacht besiegt wurde. Hier endet die Geschichte normalerweise. Heute Abend beginnt sie jetzt aber erst richtig und zwar mit einer Frage, die man sich kaum gestellt hat: Was passierte eigentlich mit den Frauen von Troja? Mit den Müttern, Ehefrauen, Schwestern, Töchtern, deren liebste Männer gefallen waren? Nach dem Abgang von Poseidon betritt Hekabe, die Frau des Priamos und ehemalige Königin von Troja, die Bühne. Durch Sie und den griechischen Boten Talthybios wird erzählt, was auf die Frauen mit dem verlorenen Krieg neben der Trauer um die Gefallenen, dem Verlust von allem Besitz, Heimat und sozialem Status zukommt. Das soll jedoch an dieser Stelle nicht verraten werden.

Durch das kahle, aber dennoch treffende Bühnenbild gelingt es dem Ensemble die Tristess und das Gefühl der Verlorenheit, was die Troerinnen empfunden haben müssen, hervorragend zu vermitteln. Ergänzt wird diese Atmosphäre durch die Monologe und Dialoge der Charaktere, die immer wieder in den leichten Wahnsinn und völlige Verzweiflung abdriften. Gekonnt wurde die Überführung der Geschichte in die heutige Zeit umgesetzt; alte Gesprächsdialoge wechseln sich mit neu geschriebenem ab, was durch den starken Kontrast auch zu der ein oder anderen Pointe führt. Wer jedoch das Alte Griechenland, mit Togen, Olivenkränzen etc. erleben will, der ist in diesem Stück falsch aufgehoben. Auch für Menschen mit nicht sehr großer Aufmerksamkeitsspanne ist das Stück vermutlich nicht die richtige Wahl, da es mit knapp 90 Minuten ohne Pause auch fordert. 

Trotz seines alten Kerns hat das Stück auch in diesen Tagen noch Relevanz. Das Staatstheater Nürnberg bringt es aus gutem Grund zurück auf die Bühne. Denn auch heute bleiben unzählige Frauen und Mädchen in Kriegsgebieten als Besiegte zurück und selten wird gefragt, was mit ihnen geschieht. Nach dem Stück geht man berührt nach Hause und fängt hoffentlich an, sich genau diese Frage zu stellen.

Weitere Vorstellungen: 25. & 31. Oktober, 09., 17. & 23. November 2018, 12., 18. & 26. Januar, 13. & 20. Februar, 14. & 17. März, 02. & 10. April 2019 || Staatstheater Nürnberg