Gefühl gegen Gesellschaft

von Sophia Klopf (8. November 2018)

© Werner Lorenz

 

Das Theater im Gärtnerviertel läutet seine neue Spielzeit mit dem Klassiker Anna Karenina ein. Das TiG, welches sich bekannterweise für jedes Stück eine neue Bühne rund um das Gärtnerviertel sucht, ist dieses Mal im Lui 20 aufgeschlagen, die interkulturelle Begegnungsstätte des Vereins „Freund statt Fremd“. Das Rezensöhnchen hat sich die Premiere am 10. Oktober nicht entgehen lassen.´

Wer den Roman Anna Karenina schon gelesen hat, fragt sich wohl: Wie schafft man ein Buch, das über 1000 Seiten umfasst, auf das Wichtigste zu reduzieren? Schließlich muss man einen Haufen an Personen und Handlungssträngen überblicken. Autor und Regisseur ist die Herausforderung gut gelungen und die Inszenierung schafft es, die Schlaglichter der Geschichte zu zeigen.

Der fortschrittliche Landwirt Lewin buhlt um die junge, leicht naive Kitty. Währenddessen ist ihre Schwester Dascha wegen des Seitensprungs ihres Mannes Stiwa schwer gekränkt. Seine Schwester Anna, die mit dem hochrangigen Beamten Karenin verheiratet ist, verliebt sich in den jungen, temperamentvollen Wronski. Seine Leidenschaft zieht Anna in seinen Bann, die schon seit Jahren unter der Gefühlskälte Karenins leidet und zärtliche Zuwendung so vermisst hat. Natürlich bleibt die Affäre zwischen Wronski und Anna nicht folgenlos. Ihr Mann bemerkt, nicht zuletzt auch wegen der Gerüchteküche, ihre Beziehung und beschließt für Anna bittere Konsequenzen. Anna weiß nicht mehr, was sie tun soll. Von der Öffentlichkeit wird sie geächtet, ihren Sohn, den sie aufrichtig liebt, darf sie nicht mehr sehen. Ihr bleibt nur noch die Liebe zu Wronski, die unter den Strapazen leidet und anfängt, zu bröckeln.

Das TiG versetzt den Stoff in die Gegenwart, was man anhand der Kostüme und dem gelegentlichen Gebrauch der Umgangssprache sieht. Trotzdem holpert die Umsetzung dort, wo Karenin beispielweise noch über das Duellieren nachdenkt, um seine Ehre zu retten, was heutzutage sicherlich keine Option mehr wäre, um eine Schande zu vermeiden. Außerdem kann es sein, dass Zuschauer, die mit Anna Kareninas Geschichte noch nicht vertraut sind, ab und zu nicht ganz den Lauf der Dinge verstehen.´

Für alle Anna Karenina-Fans ist das Stück auf jeden Fall eine Wohltat. Die Aufführung lebt von seinen durch die Schauspieler wundervoll dargestellten Figuren, die lebensnah und intensiv sind und welche man gerne für einen Abend durch Freud und Leid begleitet.´
 

Weitere Aufführungen: 10. November | Beginn 20 Uhr | Spielort: Lui 20 (Luitpoldstr. 20, Räume des Vereins Freund statt Fremd e.V.)