Wären andere Entscheidungen möglich gewesen? 

von Anna Brodmann und Friederike Klett (17. November 2018)


© Jochen Quast

 

Das Theater Erlangen hat sich dafür entschieden das Nachkriegsdrama Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert am 9. November unter Regie von Maria Sendlhofer Premiere feiern zu lassen. Ein Zufall ist nicht zu vermuten, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass es sich bei dem Stück um ein Heimkehrerdrama handelt, in dem ausschließlich deutsche Figuren die unmittelbaren Folgen des zweiten Weltkriegs und des Nazi-Regimes verhandeln. Eine Entscheidung von Enrique Fiß (Schauspieler und Mitentwickler) war, die Hauptfigur Beckmann und alle anderen Figuren des Dramas selbst zu verkörpern. In fast zwei Stunden erlebt der Zuschauer, wie der Heimkehrer (Enrique Fiß) von der Gesellschaft (Enrique Fiß) immer wieder abgewiesen wird, bis er sich schließlich in der Elbe ertränkt. 

Bei der Inszenierung von Nachkriegsstücken Brecht heran zu ziehen, scheint eine beliebte Entscheidung zu sein, wobei erwähnt werden muss, dass der Zuschauer dabei kein Vergnügen haben wird. Freunde des experimentellen Theaters und des Scheinwerfer-über-die-Bühne-tragens mögen aufschreien, jedoch handelt es sich hier nicht einmal mehr um eine Geschmacksfrage. Als das psychedelische gelbe Licht in der Garage ausgeschaltet wurde, leuchtete die weiß verhangene Bühne auf und weckte mit einem sehr aktuell anmutenden Monolog die kühnsten Hoffnungen. Es hätte ein bewundernswert mutiger Schritt werden können, die Flüchtlingsdebatte am 9. November in dieses Stück mit einzubeziehen. Allerdings wurde die gute Entscheidung für den aktuellen Bezug abseits der ersten zwei Minuten nicht durchgehalten. Der weiße Vorhang fiel und die drei wichtigsten Akteure dieses Abends traten zu Tage: der einzige Schauspieler, ein Kübel voll Wasser und ein Mantel. 

Über einen längeren Zeitraum ganz allein eine Bühne zu füllen ist ein ambitioniertes Vorhaben, an dem Enrique Fiß an diesem Abend gescheitert ist. Er hatte zweifellos auch gute Momente, die das Konzept allerdings nicht überlebt haben. Der zweite große Akteur des Abends war das Wasser. Dieses wurde über den Schauspieler gekippt, er hat sich reingesetzt, reingelegt und es auf den Boden laufen lassen. Wasser ist in jedem Fall ein Leitmotiv des Stückes von Borchert, da es damit beginnt und endet, jedoch hat sich der Vorteil am Einsatz von echtem Wasser auf der Bühne nicht erschließen können. Dies führte insbesondere dazu, dass man Mitleid mit dem dritten Hauptakteur des Abends haben musste: dem Mantel. Auch hier lässt sich ein klarer Bezug zu dem Stück erkennen, aber der spezifische Einsatz dieser Requisite war stellenweise fragwürdig. 

Doch der Abend hatte auch noch einen Nebenakteur. Im hinteren Teil der Bühne saß hinter einem Laptop Niklas Handrich, der für Kamera und Musik zuständig war. Kamerainstallationen können im Theater eine heikle Entscheidung sein, doch hier haben sie inhaltlich und ästhetisch voll überzeugt. Auch das Lichtkonzept sollte als äußerst gelungen hervorgehoben werden. Anders dagegen die Musik! Diese bestand hauptsächlich aus atonalen Techno- und Celloklängen und einem Schlager-Beat. 

Die Szene, in der Beckmann vom Direktor abgewiesen wird, kam noch am ehesten an einen Dialog heran. An die Wand hinter der Bühne wurde Schrift projiziert, die Beckmann antwortete, was ästhetisch eine erfrischende Ergänzung innerhalb des Stückes darstellte, inhaltlich allerdings problematisch war. Der Direktor fordert dabei neue, junge und frische Geister für Deutschland. Borcherts Aufzählung beinhaltet hierbei: Schiller, Grabbe und Heine. Diese Liste wurde in der Aufführung um einen weiteren Namen erweitert. Das Theater entschied sich dazu, am 9. November, dem Direktor auch den Namen Richard Wagner als einen erstrebenswerten Geist in den Mund zu legen. Auch das Verteilen eines Infozettels über die Ereignisse der Reichskristallnacht in Erlangen nach der Vorstellung konnte nicht mehr darüber hinwegtäuschen. Kurz darauf, als das Wort Kunst an der Wand stand, hob Beckmann seinen rechten Arm zum Hitlergruß an die Projektion. Scheinbar eine Pflicht im experimentellen Theater, da ja niemand auf der Bühne nackt war. 

Das abschließende Urteil zu der Aufführung lassen wir den Autor des Dramas selbst formulieren: „Er muß sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Aber dann sieht er, daß es rechts und links neben ihm noch mehr Leute gibt, die alle dasselbe erleben. Und er denkt, daß es dann doch wohl die Wahrheit sein muß.“