Was ist Liebe? - Sandkerwa oder nur ein Wort mit Doppellaut?

von Günter Strickle (21. November 2018)

© Werner Lorenz

Mit dieser einfachen oder schwierigen (?) Frage beschäftigt sich derzeit auch das Bamberger „Theater im Gärtnerviertel“. Am Abend des 15. November 2018 wurde mit der Premiere des Stückes  „ ICH  LIEBE  DU “  ein Theaterstück der ganz besonderen Art uraufgeführt. Ein  seltsamer Titel; hat er etwas mit der Sprachentwicklung in einer multikulturellen Gesellschaft zu tun, soll er durch die Wahl der Worte einfach nur zum Nachdenken anregen oder soll er gar einen Bezug zur Lyrik herstellen, denn über zwei oder drei Zeilen geschrieben, könnten die drei Worte ein Gedicht darstellen. Liebe ist schließlich auch ein großes Thema in der Lyrik.

Auch die Wahl von Spielort und Kulisse ist ungewöhnlich. Spielort ist eine Lagerhalle des Bamberger Unternehmens „Dr. R. Pfleger Arzneimittel GmbH“ in der Emil-Kemmer-Str. 33 in Hallstadt. Bei der Begrüßung des Publikums zu Beginn der Vorstellung erwähnte der Geschäftsführer des Unternehmens, Herr Ralf Will, dass Pflege und Förderung der Kultur einen hohen Stellenwert im Unternehmen haben. Deshalb wurde die Lagerhalle dem Theater über mehrere Monate hinweg kostenlos zur Verfügung gestellt und einige Mitarbeiter unterstützten die Theaterleute besonders in logistischen Angelegenheiten. Der Mitarbeiter André Schmidt war so angetan von seiner Mitwirkung für die Kulisse,  dass er aus freien Stücken sogar die Eingangstür passend bildnerisch gestaltete. Die Halle ist bestückt mit überwiegend leeren stählernen Regalen, ungefähr ein Viertel der Fläche ist für das Theater hergerichtet: Kasse, Buffet, Stühle fürs Publikum. Entlang der Wände und teilweise zwischen und auf den Regalen sind überwiegend alte Maschinen und Gerätschaften aufgereiht, die einst der Herstellung von Tabletten gedient haben. Dumpfe, pulsierende Töne beherrschen die Szene, als hätte die Halle einen Herzschlag.           

Also gut, nachdem ich das am Eingang erhaltene Programmheft kurz durchgestöbert habe, weiß ich jetzt wenigstens über die Entstehung des Titels Bescheid. Es ist ein Songtitel der im Jahre 2011 gegründeten Bamberger Band  „BROTMÜLLER“. Die Worte  „ ICH LIEBE DU“  stehen hinter den Fragen: Wer bin ICH?  Was ist LIEBE?  Wer bist DU?  Es geht los, Auftritt.

Eine junge Frau und ein junger Mann kommen leichten Fußes aus dem Hintergrund gerannt, beide sind spärlich bekleidet. Sie, weißer Rock und weißer BH. Er, weiße Hose und oben ohne, beide in weißen Schuhen. Sie nähern und entfernen sich spielerisch aufeinander zu und voneinander weg, dabei nehmen sie den ganzen Raum der Halle bis zum hintersten Winkel ein, sie bewegen sich zwischen den Regalen wie spielende Kinder in einem Park. Sie kommen zur Ruhe, er hält auf einem Regal sitzend einen Monolog zu Fragen der Liebe, sie antwortet von anderer Stelle. Beide treten vors Publikum und philosophieren unter leiser musikalischer Begleitung über Themen wie Liebe, Beziehungsfähigkeit, unterschiedlichen Denkweisen von Frau und Mann. Dann ziehen sie beide je ein weißes Hemd und darüber eine weiße Weste an. Sie gehen, sie gehen aneinander vorbei, sie gehen sich aus dem Weg, sie ziehen sich gegenseitig an, berühren sich, haften aneinander im wahrsten Sinne des Wortes (die Westen sind nämlich aus klettartigem Stoff hergestellt, eine wundervolle Idee!). Spielerisch zeigen beide, wie sie sich bei den Begegnungen gegenseitig anziehen, teilen dabei dem Publikum ihre innersten Gedanken und Gefühle mit. Der Zuschauer wird in Gedanken mitgenommen von der ersten Begegnung bis zum Morgen nach der ersten Liebesnacht. Dann die Phasen der Entwicklung einer Beziehung: er genießt, sie will formulieren, will mehr, er will verstehen, beide arrangieren ein Spiel - oder ernst? Frau und Mann zeigen im wiederholten Annähern und Entfernen unter Äußerung der innersten Gedanken, Fragen und Gefühle den Verlauf von der ersten Begegnung bis hin zur Gewöhnung und dem Entstehen erster Zweifel. Hier nimmt das Stück Fahrt auf. Aus dem Hintergrund meldet sich eine Frauenstimme mit psychologischen Betrachtungen zum Thema. Antworten von Menschen in der Bamberger Innenstadt auf die Frage „Was ist Liebe“ werden als Tondokumente eingespielt.  Antworten wie, zusammen auf die Sandkerwa zu gehen oder sprachwissenschaftliche Erklärungsversuche des Wortes Liebe als Diphtong (Doppellaut), wo der Befragte  die Entwicklung des Wortes seit dem Mittelalter erläutert, sorgen für Heiterkeit und damit aber auch für erhöhte Aufmerksamkeit unter den Zuschauern. Die Aussage, Liebe wird von gegenseitigem Respekt getragen, ist wohl die bedeutsamste. Gekonnt unter großem Einsatz von Mimik, Gestik und sogar Akrobatik – Frau ließ Mann äußerst lange an der Decke hängend schmoren – wird nun ernsthaft über die  Problematik der unterschiedlichen Erwartungen, Denkweisen, Gefühlswahrnehmungen und Handlungsweisen der Menschen in Beziehungen diskutiert. Frau denkt nach, sieht bei Mann aufziehende Probleme, Gefahren für die Beziehung,  er denkt auch, einfacher, praktischer. Beide nähern sich immer wieder einander an, entfernen sich wieder voneinander. Beide überlegen, wieviel Liebe ein Mensch geben kann. Einem Partner, mehreren möglichen Partnern, Liebe nur in intimen Beziehungen oder auch in einer anderen Qualität innerhalb von Familien oder Beziehungen freundschaftlicher Art. Es folgt die wesentliche Erkenntnis, in keiner noch so tiefen Liebesbeziehung in der Menschheitsgeschichte war es wohl den Beteiligten möglich zu erfahren, was eine Person wirklich im Innersten für die andere Person empfindet, was sie fühlt und denkt. So endet das Stück, beide auf einem Gerüst sitzend, sich unterhaltend, berührend, es ist nicht ganz klar, haben sie sich in Liebe arrangiert, sind sie noch   zusammen, ist es jetzt nicht mehr Liebe, sondern Freundschaft, wie viele Facetten hat Liebe, ist es tatsächlich schon Liebe, zusammen zur Sandkerwa zu gehen? 

Eine Antwort auf die anfangs im Stück gestellte Frage, wie Beziehungsfähigkeit erlernt wird, sollte dies überhaupt möglich sein, wurde an diesem Abend nicht gegeben. Aber der überzeugende Auftritt von Olga Seehafer und Jakob Fischer regten zum Reflektieren und Nachdenken an. Beide leisteten an diesem Theaterstück mehr als „nur“ die schauspielerische Arbeit. Schauspielerin Olga Seehafer hatte sich im Rahmen ihrer Funktion als Theaterpädagogin und Leiterin des Projektes jugendTiG an den  Schauspieler Jakob Fischer gewandt, an diesen wiederum in seiner Funktion als Mitglied der Band „BROTMÜLLER“, um etwas für die Jugendarbeit zu entwickeln. Als sie dann ihre Ideen Nina Lorenz, Initiatorin und künstlerische Leiterin des Theaters, unterbreiteten, erkannte diese das große Potential der Idee und entschied, daraus ein Stück für das Abendprogramm zu entwickeln. Sie ließ beide völlig frei gewähren. Hier lagen die Autoreninitiative, Regie, Schauspiel und Musik in einer  Hand. Optimal ergänzt wurde das Duo von dem gebürtigen Bamberger Felix Gumbsch, der in Hamburg Modedesign studiert und hier Olga Seehafer und Jakob Fischer maßgeschneidert passend  zum Thema Liebe  ganz in Weiß erscheinen ließ. Nach langanhaltendem verdienten Applaus wurde die positive Stimmung mit in die anschließende Premierenfeier hineingetragen. 

Übrigens, wollen Sie als Single dazulernen oder wollen Sie Ihrer Beziehung frischen Schwung verleihen, bei diesem Theaterstück kann therapeutische Wirkung nicht ganz ausgeschlossen werden! 

Weitere Vorstellungen: 18.,  22., 23., 30. November; sowie; 2., 6., 12., 14. Dezember || Emil-Kemmer-Straße. 33, Hallstadt.