„Es muss was Wunderbares sein“

von Florian Grobbel (3. Dezember 2018)

© Martin Kaufhold

Der Ausflugsdampfer legt am Ufer an und bringt einmal mehr Ströme von Touristen nach St. Wolfgang – einem Ort der Ruhe, der schneebedeckten Gipfel und der legendären Pension „Weißes Rössl“, vor deren Tür nicht nur das Glück steht sondern auch ein Lied nach dem anderen geträllert wird. Das ETA Hoffmann Theater bringt einmal mehr zum Jahresende ein Stück auf die Bühne, welches gute Laune bereitet. Unter der Regie von Sibylle Broll-Pape wird dem Publikum das berühmte Singspiel „Im weißen Rössl“ von Ralph Benatzky, Hans Müller und Erik Charell geboten, den Meisten bekannt durch die Verfilmung von 1960 mit Peter Alexander.

In der weit über die Grenzen Österreichs bekannten Pension im Salzkammergut fühlen sich die Gäste wohl. Bei der Wirtin Josepha Vogelhuber und ihren Angestellten wie dem Zahlkellner Leopold wird für sie rund um die Uhr gesorgt. Auch wenn es mal das Paprikahuhn von gestern ist, die Besucher sind glücklich. Dem Glück von Leopold, steht allerdings etwas im Wege. Zugern nur möchte er seine Chefin Josepha zur Frau haben, doch diese weist ihn immer ab. Vielmehr hat sie es auf den Rechtsanwalt Siedler abgesehen, der seit Jahren Stammgast ist. Leopold versucht ihn auszuspielen. Vielleicht mit der Tochter des neu angereisten Trikotagenfabrikanten Gieseke aus Berlin? Jener wiederum hat andere Pläne mit seiner Tochter Ottilie. Gieseke will durch einen Zusammenschluss mit der Familie seines Konkurrenten Sülzheimer einen lange Rechtsstreit beilegen. Doch der junge und schöne Sigismund ist in Klärchen verliebt, die lispelnde Tochter eines Professors. Sogar der österreichische Kaiser mischt sich noch in das Geschehen ein. Man merkt bereits: Alles ziemlich turbulent und unübersichtlich, aber Gott sei Dank kann jeder noch so aussichtslose Konflikt und jeder Liebeskummer mit einem kitschig-anmutenden Liedchen gelöst werden und am Ende der Geschichte fliegen die Herzen und eine große Verlobung dreier Paare wird gefeiert.

Es lebe der Kitsch

Und es wird viel gesungen in dieser Inszenierung des ETA Hoffmann Theaters. Zunächst muss man natürlich den Schauspielerinnen und Schauspielern Respekt zollen, die alle sowohl im Solo als auch im Chor die Stücke gekonnt intonieren. Doch hätte man gerade bei den Liebesliedern einige Kürzungen vornehmen können. Jeder einzelnen denkbaren Liebelei dieses Beziehungs-Vielecks wurde ein Gesangstück gewidmet, die sich in ihrer Gesamtheit doch alle ziemlich gleich anhören, auch wenn sich das Stück natürlich nicht vor dem Kitsch versteckt, sondern ihn vielmehr hochleben lässt. Die absoluten Klassiker wie „Es muss was Wunderbares sein“ und „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ durften natürlich nicht fehlen und verbreiteten spürbar gute Laune im Publikum, in welchem teilweise unbemerkt und heimlich mitgesungen wurde.

Die schauspielerische Leistung verleiht der ohnehin schon schillernden Aufführung noch einmal extra Glanz. Neuzugang Stefan Herrmann als Leopold schafft es trotz seiner Masse an Tanz- und Gesangsperformance nie die gerade und akkurate Haltung des Kellners zu verlieren und steht damit der Darstellung Peter Alexanders in nichts nach. Eric Wehlan verleiht nicht nur dem jungen Sigismund Sülzheimer genau das richtige Maß an Eitelkeit, sondern bereitet vor allem Spaß in der Rolle des Gartenzwergs. Dieser taucht immer mal wieder am Bühnenrand auf und beobachtet gespannt die Irrungen und Wirrungen der Protagonisten im Mittelpunkt. Eine wirklich clevere Idee von Sibylle Broll-Pape. Immer dann, wenn sich mal ein schmalziger Dialog in die Länge zieht oder der Humor der Autoren nicht so recht beim modernen Publikum ankommt, ist immer auf den Zwerg Verlass, der durch Slapstickeinlagen das Publikum erheitert. Absoluter Publikumsfavorit ist allerdings Bertram Maxim Gärtner als Wilhelm Gieseke. Mit Berliner Schnauze und dickem Bauch beschwert er sich stets lautstark über die Zustände im Salzkammergut. Bertram Maxim Gärtner hat man schon in vielen eckstatischen Rollen gesehen, doch diese Darbietung war so dermaßen auf dem Punkt, dass man eigentlich nie wieder jemand anderen in dieser Rolle sehen möchte.

Unterstützt wird die Inszenierung durch Livemusik unter der Leitung von Bettina Ostermeier. Mit Streichern, Schlagzeug und Klavier werden die großartigen Musiker Teil des Geschehens, wobei sie mitten im Bühnenbild sitzen. Auch dieses, zusammen mit den Kostümen (beides von Trixy Royeck) sind so wunderbar kitschig und es wird eine schöne Parodie der Heimatfilm-Romantik geboten. 

Zusammenfassend muss man sagen, dass das Stück durchaus seine Längen hat. Gerade den zahlreichen Liebesbeziehungen wird im Text des Singspiels ein Platz eingeräumt, der durchaus kleiner hätte ausfallen können. Das Bamberger „Rössl“ macht aber das Beste daraus und durch zahlreiche kluge Kniffe der Regie, die Livemusik und dem wie immer fantastischen Ensemble wird es trotz der Längen ein spaßiger Theaterabend, der um einiges lohnenswerter ist als das Anschauen einer der zahlreichen Verfilmungen des Stoffes.

Doch zum Schluss noch eine Warnung: Dieser Theaterbesuch kann dazu führen, dass ein hochansteckender Ohrwurm entsteht und man sich den gesamten Heimweg summend fragt: „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“

 

Weitere Vorstellungen: 12., 13., 19., 30., und 31. Dezember 2018; sowie 4. und 5. Januar 2019 | Große Bühne des ETA Hoffmann Theaters.