Zwischen Melancholie und Glück

Von Rebecca Hertlein (6. Dezember 2018)

© Konrad Fersterer

Die bewegte und dennoch zuweilen scheinbar unspektakuläre Vergangenheit und Gegenwart Nürnbergs wurde am 30.11.18, zur Premiere von „Die Musik war Schuld“ im Nürnberger Staatstheater wieder lebendig. Der Liederabend von Vera Mohrs und Selen Kara hat die Atmosphäre Nürnbergs, die durch ihre Lieder und Geschichten geprägt wird, im Mittelpunkt. 

Es beginnt mit Hermann Kesten, dem heimatlosen Weltbürger, der sich „in keiner Stadt der Welt so zu Hause [fühlt] wie in Nürnberg. Und in keiner Stadt der Welt so fremd.“ Ebenso erzählen die Figuren des „Ehekarussels“, dem Brunnen am Weißen Turm, sowie deren Bildhauer, Jürgen Weber, ihre Geschichten. Dann gibt es noch den Verkäufer des „Straßenkreuzers“, Waldemar Graser, der im U-Bahn-Schacht „Weißer Turm“ unter dem „Ehekarussel“ steht und nebenbei wunderschöne Haikus schreibt. Oder den ehemaligen Schüler des Melanchthon-Gymnasiums, Rio Reiser, der aufmüpfig und später doch so erfolgreich war. Oder Hans Sachs, dessen Gedicht „Das bittersüße eh´lich Leben“ als Inspiration für den bereits erwähnten Brunnen diente. Hans Sachs und seine Beziehung/ Ehe zu Emily scheinen der Aufhänger für alle anderen Lieder und Geschichten zu sein. Sie alle, die realen und fiktiven, die vergangenen und gegenwärtigen Figuren, singen über sich, über Nürnberg und das Leben selbst. Im krassen Kontrast zu den aufwändigen Kostümen der Schauspieler steht das minimalistische Bühnenbild. Ohne viel Ablenkung stehen so nur die Lieder und die Geschichte der einzelnen Akteure im Vordergrund. Besonders erwähnenswert ist, dass jeder mehrere Rollen spielt und die meisten noch verschiedene Instrumente beherrschen. Begleitet von Vera Mohrs, die am Keyboard meistens im Hintergrund steht und dennoch die Schauspieler mit ihrer Musik leitet, wechselt die Stimmung von melancholisch zu albern, von bedrückt zu glücklich. 

Die Auswahl der Lieder und Gedichte ist breit gefächert, besonders gefallen hat dem Publikum jedoch das Lied „Nürnberg“. Auf der Melodie von „Empire State of Mind“ basierend, werden auf humorvolle Art und Weise die eher negativen Seiten Nürnbergs dargelegt: „Wenn du´s Schild siehst mach lieber gleich kehrt, das ist es nicht wert. Sonst bist du in Nürnberg.“ Generell ist viel Humor und Sarkasmus enthalten, was das Stück sehr kurzatmig macht. 

Einziger Kritikpunkt ist jedoch, dass es schwerfällt, einen roten Faden zu erkennen. Abgesehen von Emily, die sich über das ganze Stück hinweg „Kuchen-reinstopft-um-den-Schmerz-und-die-Demütigung-zu-betäuben“. Wer ist eigentlich Emily? Und wie ist sie mit den anderen Figuren verknüpft? Was ist die Kernaussage? Vielleicht gibt es keine und vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Vielleicht will das Stück einfach zeigen, dass sich jeder mal einsam und fremd fühlt und nicht mehr weiß, was Heimat eigentlich bedeutet. Und dass das gar nicht so schlimm ist, wenn man weiß, dass es jedem so geht und man sich mit Musik trösten kann.

Weitere Vorstellungen: 6.12., 8.12., 13.12., 18.12., 21.12., 28.12. jeweils um 19:30 im Staatstheater Nürnberg