„Leb wohl, öffentlicher Diskurs!“

von Margarethe Lohneis (23. Januar 2018)

© Martin Kaufhold

Im Wohnzimmer von Britta und Richard zu Besuch auf ein Gläschen Wein – so beginnt die Premiere der Bühnenfassung von Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen. Die Uraufführung des Stückes, in dem die erschreckende Utopie als gar nicht so utopisch, aber dafür umso erschreckender dargestellt ist, fand am 18.01.2019 auf der Studiobühne des ETA Hoffmann Theaters Bamberg statt.

Britta, emanzipierte Vorzeige-Alleinverdiener-Mama und ihrem Mann Richard, der sein berufliches Glück in einem Software-Start-up-Unternehmen zu finden sucht, fehlt es an nichts. Sie haben eine Tochter, ein bereits abbezahltes High-Tech Eigenheim, in das sie Freunde zu selbst gemachtem Sushi und Wein einladen. Sie sind das Ideal einer modernen Kleinfamilie in der Großstadt mit egalitärer Rollenverteilung und Selbstverwirklichung. Getrübt wird der perfekte Mikrokosmos allerdings durch das politische System, an deren Spitze „die Arschlöscher von der BBB“ (= Besorgte Bürger Bewegung) stehen. Auch dies ist Thema bei dem Freundestreffen im Hause Britta Söldner. 

Die kleine freundschaftliche Idylle wird von der Nachricht eines Terroranschlags auf den Leipziger Flughafen unterbrochen. Ab diesem Moment übernimmt Britta, eine auffallend dominante Rolle, die dem Zuschauer ohne Kenntnisse von Juli Zehs Roman im ersten Moment verwirrend erscheint. Sie gibt einen beruflichen Notfall vor und verlässt direkt nach der Anschlagsnachricht das Haus. Doch was hat ihr Beruf als Psychotherapeutin mit einem Attentat zu tun? Mit der Figur von Babak, ihrem Partner in der Praxis für Psychotherapie Die Brücke, wird ihre skurrile Verbindung zum Terroranschlag klarer. Die vermeintliche Praxis ist ein Dienstleister der Terror-Industrie. Durch spezielle Auswahlverfahren vermitteln sie Selbstmordattentäter an terroristische Organisationen. Diejenigen, die geheilt werden können und sich in letzter Konsequenz doch nicht umbringen wollen, werden erfolgreich aus der Therapie entlassen. Diejenigen mit unbedingtem Todeswillen werden weitervermittelt. Britta und Babak sind quasi die Brücke zwischen Selbstmordwilligem, der nach einem Sinn in seinem Tod sucht und der Organisation, die ihm diesen bieten kann. Der Terroranschlag in Leipzig ist nun jedoch dahingehend rätselhaft, da Britta keinerlei Ahnung über die Urheberschaft hat. Britta ist besessen davon, herauszufinden, wer sich in ihrem Revier breit machen möchte und dies noch dazu recht dilettantisch. Doch diese fieberhafte Suche wird durch einige Unvorhersehbarkeiten verkompliziert. Gerade jetzt, wo sich Britta Tag und Nacht dieser Arbeit widmen möchtel, will sich ihr Mann plötzlich beruflich mehr einbringen. Begründet durch einen spontanen Sponsor, der Brittas Mann fördern möchte und sie selbst gleichzeitig zum Kürzertreten animieren möchte. Dieser ominöse Sponsor weiß sogar über Brittas Geschäft Bescheid und gibt vor, stets ihr Schutzengel gewesen zu sein. Neben dieser Figur tritt eine weitere in Brittas Arbeits- und beginnende Lebenskrise – eine junge Frau namens Julietta, die über die Arbeit der Brücke Bescheid weiß und ihr Leben für den Tierschutz opfern möchte. Nach und nach übersteht sie die Prüfungen zum Selbstmordattentäter und gewinnt Babaks und Brittas Sympathie. Die Lage spitzt sich zu, als in der Praxis eingebrochen wird und sensible Recherchedaten gestohlen werden. Um sich in Sicherheit zu bringen, begeben sich Britta, Babak und Julietta in das von Britta finanzierte Haus ihrer Freundin auf dem Land. Dort löst der vermeintliche Sponsor von Richards Start-up, der dem Geheimdienst angehört, alles auf und identifiziert die Organisation Empty Hearts als Urheber der Anschläge. Deren Mitglieder sind von der Brücke abgewiesene Selbstmordattentäter, die sich nun beweisen wollen und damit das gesamte Gleichgewicht der dosierten Terroranschläge anarchisch unterwandern. Mit einem von Britta organisiertem und mithilfe von Julietta durchgeführtem Anschlag auf das Berliner Regierungsviertel, dessen Sinnhaftigkeit jedoch offenbleibt, endet die Geschichte. Britta gibt ihre Arbeit und die Praxis auf.

Britta als starke und emanzipierte Frau, die den Terror geordnet hat, ist der Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Rolleneigenschaften wurden in der Inszenierung jedoch leider etwas übertrieben ausgeformt und somit wirkte sie im Vergleich zu den anderen Figuren, die sehr realistisch dargestellt wurden, wesentlich künstlicher. Dies war dahingehend an manchen Stellen störend, weil das Stück von der direkten Darstellung, der Realitätsnähe lebt. Unterbrochene Monologe, durch auffällig viele Versprecher der Schauspielerin, trugen ebenfalls dazu bei. Lässt man diese Kleinigkeit jedoch außer Acht, bewundert man ein Stück, das einen voll und ganz ein- und mitnimmt. Komplizierte und vollkommen absurde Sachverhalte werden durch die Figuren so erklärt, dass sie auf eine aberwitzige Art und Weise sogar Sinn ergeben. Der Gedanke, Terror eine Struktur oder gar einen Sinn zu geben, um koordiniert ein gewisses Bedrohungspotenzial in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten, klingt im ersten Moment abscheulich. Allerdings ist es in Juli Zehs Thriller so erklärt, dass die Menschen ein gewisses Maß an Bedrohung brauchen, um glücklich zu sein. Die, die am meisten haben, denen geht es am schlechtesten. Nur, wenn man um sein Leben oder sein Hab und Gut fürchten muss, ist es etwas wert. Diese traurige, aber nicht unnachvollziehbare Perspektive auf die Gesellschaft wird eröffnet. Doch dies ist nicht die einzige Eigenschaft der krankenden Gesellschaft. Mit Mitteln der Demokratie haben die Deutschen in Leere Herzen eine Regierung gewählt, die nach und nach die Demokratie abschafft. Doch die Menschen sind glücklich damit. In Zeiten von AfD und Pegida ist es leider nicht möglich, das Stück als rein zynische Übertreibung oder Negativ-Utopie zu sehen. Auch wenn wir in Deutschland glücklicherweise weit von einer Regierungsbeteiligung rechtspopulistischer Parteien sind, ist es erschreckend realistisch, dass die sogenannte Besorgte-Bürger-Bewegung völlig legitim in die Regierung gewählt wurde. Auch Juli Zeh selbst zeigt sich über die Entwicklung in Deutschland von Beginn ihrer Arbeit an dem Roman bis heute erschrocken. Ihr Thriller sollte ein reines Gedankenspiel sein, das nun von Bundes- und Landtagswahlen schon ein Stück weit eingeholt wurde. In dem Stück befindet sich auch eine klare Kritik, die stark zum Nachdenken anregt. Nicht - wie vielleicht naheliegend - diejenigen, welche die BBB gewählt haben werden kritisiert, sondern die, die gegensteuern hätten können und nicht gehandelt haben: die verwöhnte, gemütliche Mittelschicht, welche ihre Komfortzone nicht verlässt – die, die sich Theaterstücke ansehen. Um die Kehle noch etwas enger zuzuschnüren, wird als Beispiel der Durchmarsch des Nationalsozialismus ins Gedächtnis gerufen, den auch nicht diejenigen verhindert haben, die es hätten können. 

Leere Herzen ist ein Appell, sich nicht egoistisch passiv in eine rosa Seifenblase zu flüchten, sondern aktiv Gesellschaft, Politik und Demokratie mitzugestalten. Hierzu passend ist die Aussage von Brittas recht einfach gestrickter Freundin Janina, sie sei einfach glücklich damit, dass sie nichts etwas angehe. Bei ihrer Aussage blieb dem ein oder anderen Zuschauer ein Lachen im Halse stecken. Zum Aufwachen und Heraustreten aus der Wohlfühlblase: Schaut dieses Stück an! Auch ist es keineswegs eine rein frustrierende und bitterernste Angelegenheit. Die Darstellung des Alltags der ach so liberalen Großstadtfamilie bedient sämtliche Klischees, die den Zuschauer sowohl zum Schmunzeln und sich ertappt-Fühlen als auch zum lauthals Hinauslachen bringen. Das „auf die Bühne Bringen“ von Gegenwartsliteratur ist in diesem Falle hervorragend geglückt.

Weitere Vorstellungen: 24., 27. Januar und am 01., 05., 06., 10., 14., 20., 23. Februar und in den folgenden Monaten, ETA Hoffmann Theater: Studiobühne