Spiel des Lebens

von Florian Grobbel (30. Januar 2019)

© Martin Kaufhold

Was es mit dem ersten Teil des Titels Kreise/Visionen von Joël Pommerats Drama zu schaffen hat, wird einem sofort klar, wenn man den Großen Saal des ETA Hoffmann Theaters betritt. So bildet das Bühnenbild eine kreisrunde, sich drehende Scheibe. Darauf und rundherum präsentieren uns die Schauspielerinnen und Schauspieler eine Zeitreise durch die letzten 700 Jahre, bei der es sich stets um den zweiten Teil des Titels dreht, denn Visionen hatten die Menschen schon immer.

Das Publikum wird gleich zu Beginn in den Bann der Inszenierung gezogen. Der Conférencier im roten Anzug – dargestellt vom kompletten Ensemble – richtet sich direkt an die Zuschauer und lädt sie ein, an einem einzigartigen Spiel teilzunehmen. Man ist gespannt, doch auch ein wenig nervös. Wie sind die Regeln? Was kann ich gewinnen? Und vor allem: Wie hoch ist der Einsatz? Diese Fragen werden jedoch fürs erste unbeantwortet gelassen und ohne weitere Umschweife werden dem Zuschauer einzelne szenische Darstellungen präsentiert. Insgesamt sieben Geschichten, welche zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten der Historie spielen, werden in zunächst rascher Abfolge erzählt. 

Da gibt es zum Beispiel das französische Herrenhaus im Jahre 1914 kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Der dort lebende Aristokrat verliebt sich in den Dienstboten Philippe und möchte mit ihm eine geheime Beziehung eingehen, doch zu groß sind die Standesunterschiede zwischen ihnen. Vielleicht aus Angst vor seinem Herren, vielleicht auch aus reiner Liebe zum Vaterland, meldet sich Philippe kurze Zeit später freiwillig für den Kriegsdienst um die Ideale seiner Nation zu verwirklichen. Damit löst er die Abhängigkeit von seinem Dienstherren auf, nur um sich wieder vom Militär seines Heimatlandes abhängig zu machen.

Eine andere beeindruckende Episode wird im Jahre 2005 geboten, als ein Mann gerade auf dem Heimweg der Feier seiner Beförderung, durch ein unheimliches Parkhaus streift. Zwei heruntergekommene obdachlose Frauen berichten ihm in verschwörerischem Ton, wie er noch weiter aufsteigen kann und „zum größten unter den Seinen“ wird. Ihre Forderung: Er muss mit ihnen schlafen. Verzweifelt beratschlagt er mit seiner Ehefrau, was er tun soll. Diese überzeugt ihn schließlich auf das Angebot der Frauen einzugehen, dem wachsenden Einfluss wegen. Wundersamerweise funktioniert es: Die Vorgesetzten des Mannes sterben plötzlich und er ist an der Spitze. Doch zu welchem Preis?

„Da geht es um etwas Menschliches“

Eine Frage durchtreibt den Zuschauer in der gesamten ersten Hälfte des Stückes: Wie hängt das alles zusammen? Zunächst erscheinen die ausgewählten Szenen recht wahllos hintereinander weg erzählt, doch bald ergeben sich die Verknüpfungen und das eine große Thema um das sich die Geschichten auf der kreisrunden Scheibe drehen: Abhängigkeit. Schon der Ritter im 14. Jahrhundert  macht sich anhängig von seinem Lehnsherren und somit von Gottes Ordnung. Er sieht darin die Erfüllung seines Lebens und nimmt sich das Recht, alle, die ein anderes Weltbild haben, zu foltern und zu töten. 

Am beeindruckensten wird das tückische Spiel der Abhängigkeit jedoch in einer Szene im Jahr 2007 dargestellt, als mehrere Arbeitslose bei einem dieser furchtbaren Job-Coachings teilnehmen müssen. Sie sind kleine Fische im kapitalistischen System und müssen sich dem schrecklich motivierten Coach unterordnen, welcher dank Schauspieler Bertram Maxim Gärtner nicht hätte realistischer dargestellt werden können. Er macht Späße mit den deprimierten Teilnehmern und hat am Ende noch nicht einmal einen Job für sie. Das Blatt wendet sich jedoch ganz schnell für ihn, als sein Sohn erkrankt und ein neues Organ braucht. Den Coach treibt es in die Gosse, in der er nun verzweifelt Obdachlose anfleht, dass sie sich für eine Organspende bereit erklären. Jetzt ist er mit einem Mal der Abhängige, über den sich lustig gemacht wird. 

Szenen wie diese machen Kreise/Visionen zu einem absolut sehenswerten Stück. Es macht große Freude zunächst die Zusammenhänge der einzelnen Szenen herauszufinden um dann in den meisten Fällen völlig überrascht zu werden, wie schnell sich gesellschaftliche Strukturen ändern können und trotzdem durch 700 Jahre Geschichte irgendwie immer gleich bleiben. Auch wenn wir uns bemühen unsere Visionen zu verwirklichen und endlich in die vollkommene Unabhängigkeit zu treten; wenn wir uns bemühen unser eigener Gott zu werden und das Zentrum der Scheibe einnehmen wollen, wie es der Conférencier vorschlägt, so sind wir doch am Ende immer abhängig von den sich stets weiter drehenden Kreisen des Schicksals. 

Auch die Inszenierung des ETA Hoffmann Theaters bietet dafür keine Lösung, doch trotzdem geht man nicht unerfüllt nach Hause. Viele verschiedene Szenen und ganz unterschiedliche Figuren werden uns geboten, von denen keine einzelne unzulänglich vom beeindruckenden Ensemble ausgefüllt wurde und lange bleiben einem die dargebrachten Szenen im Gedächtnis. Lasst euch also auf dieses ganz besondere Spiel des Lebens ein! Es ist spektakulär!

Weiter Vorstellungen: 02. | 09. | 13. | 15. | 16. Februar, sowie 07. | 08. | 09. März 2019; jeweils um 19:30 Uhr || Großer Saal des ETA Hoffmann Theaters