Von lächerlichen Kettenreaktionen und verheerenden Katastrophen – Vom Untergang ein Protokoll

von Theresa Ehrl (16. März 2019)

 

© Konrad Fersterer

Satirische Realität oder Traum: Was auch immer passiert ist, es war genial. Mir graut es vor dieser Rezension, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dem Theaterstück Am Rand von Philipp Löhle nicht gerecht werde. Es handelt von Frederick Kaufmann, gespielt von Felix Mühlen, der als Polizist in eine Gemeinde kommt, in der es bis dato keinen Polizisten gab.

Randhausen ist ein Dorf, nahe der Grenze zu Tschechien und weit entfernt von jeglicher Kriminalität. Kein Wunder, dass die Bewohner sich dementsprechend verhalten: Der Schlüssel des Streifenwagens steckt, Haustüren sind unverschlossen, Pakete werden ungesichert vor der Tür abgestellt. Der neue Wachtmeister spricht ein ernstes Wörtchen mit den Anwohnern und schürt damit Paranoia. Er hat es geschafft, in mehrere Häuser einzubrechen, Gegenstände zu entwenden und ungefragt Autos umzuparken.

Es bildet sich eine Bürgerwehr, die prompt einen Schlagbaum am Ortseingang aufstellt und Patrouillen im Wald läuft. Der Grund hierfür ist die Annahme, dass die zehnjährige Luisa Schwerte und ihre beste Freundin im Forst von einem Unbekannten misshandelt werden, obwohl sich selbige lediglich regelmäßig mit einem haushohen Troll treffen. Melinda Henske eröffnet währenddessen ihrem, in Hamburg wohnenden, Sohn Mark, dass sie sich nicht sicher ob dem Umstand der Vaterschaft seines Vaters ist. Ein Streit entsteht und ohne diesen schlichten zu können, verstirbt die Mutter. Seinen wirklichen Vater lernt der Student erst im letzten Moment seines Lebens kennen.

Zugegebenermaßen sind das alles nur Teilhandlungen und genauso kreative und fantastisch wirre Begebenheiten wurden weggelassen, allein das genügt aber schon als kleiner Einblick in die Gefühlslage des Stückes. Mehr soll hier auch gar nicht gegeben werden, denn ich empfehle jedem, sich diese Stück selbst anzusehen. Situationskomik ist schlecht in schriftliche Form zu bringen, lassen Sie sich allerdings sagen, dass es in der Geschichte der Bürokratie wohl noch nie ein amüsanteres und zugleich verstörenderes Protokoll gegeben hat.

Die Protokollanten sitzen an zwei Schreibtischen, die die Bühne rechts und links einrahmen und kommentieren das Geschehen herrlich banal. Es werden gänzlich unwichtige Details auf noch detailreichere Art beschrieben, zum Beispiel Frau Henske, die im Café sitzt, währenddessen ein Song von Starship im Radio läuft. Sie scheint das Lied wohl zu kennen, denn sie singt mit. Sie könne aber weder Interpret noch Titel nennen, wenn man sie danach fragen würde. So werden unsäglich sinnfreie Hypothesen durchgearbeitet, die keinerlei Auswirkungen auf die Handlung haben. Weiterhin geben beide Protokollanten Stichworte, damit das unwissende Publikum die gerade vorgestellte Szenerie richtig einordnen kann. Ein altes Ehepaar, das eine rustikale Brotzeit macht, unterhält sich beispielsweise über einen Kartoffelacker und bekommt dabei die äußerst passenden Stichworte zugewiesen »Romantik, Feierabend, Ölgemälde, Deutschland«. Weiterhin wird die Szenerie wie folgt beschrieben »Schweigen... Stille... Oh. Leichtes Aufstoßen«.
Weitere Sätze aus der Kategorie existenztheoretische Erkenntnisse sind »Die übrigen Männer und Frauen sind besoffen und reden über Sauerteigbrotteig« ,»Yoga war noch nie relevant« und »Seine Person ist für den weiteren Verlauf hier unerheblich«.

Letzteres ist auch ein gutes Beispiel für den Einsatz von Verfremdungseffekten. Durch Aussagen der Protokollanten fällt es schwer, sich in das Bühnengeschehen hineinzuversetzen, aber genau diese von den Kommentatoren erzeugte Metaebene und die objektive Beobachtungsperspektive, die der Zuschauer einnimmt, macht den Charme des Stückes aus.

Komik zum Totlachen mit einem alternativen Ende, wobei das Tatsächliche dystopisch und realitätsnah zugleich ist. Eine Kettenreaktion löst einen zerstörerischen Weltkrieg aus und Missverständnis jagt Missverständnis. Zum Glück gibt es ja die Aufzeichnungen der Protokollanten auf Diktiergeräten, die alles aufklären, denn »Wer das hier findet, der soll...«.

Weitere Vorstellungen: 07. | 21.| 25.| April, sowie 05.| 10.| 16.| 23.| Mai  || im Nürnberger Schauspielhaus