Was ist nochmal der Sinn des Lebens?

von Hannah Deininger (22.03.2019)

© Martin Kaufhold

Am Freitag, den 15. März 2019, wurde im ETA Hoffmann Theater Bamberg die Premiere des Stücks Auerhaus, in einer Inszenierung von Hannes Weiler aufgeführt. Die literarische Vorlage lieferte der gleichnamige Roman von Bov Bjerg. Auerhaus erzählt von den beiden Freunden Höppner und Frieder, ihrer Vergangenheit und Gegenwart.

„Weißt du noch, damals?“ – dieser Satz wird zu Beginn des Stücks nochmal und nochmal wiederholt. Zwei alten Männer – Höppner und Frieder – versuchen sich gemeinsam zu erinnern, an frühere Zeiten. Und reden dabei weniger miteinander als aneinander vorbei. In einer alt und heruntergekommen wirkenden Wohnung (oder ist es doch Bauernhof, Altenheim, Psychiatrie, Elternhaus?), treffen die beiden aufeinander, erkennen sich schließlich und liegen sich als alte Freunde in den Armen. Dann ein „Schnitt“, ein Sprung zurück in der Zeit: Die beiden Freunde sind wieder junge Halbstarke und Höppner besucht seinen Freund Frieder in der Psychiatrie. Die Stimmung in dieser Szene ist schwankend; zwischen Freude über den Besuch auf der einen, und angespanntes Schweigen, weil Höppner nicht weiß, wie er nun mit seinem Freund umgehen soll, auf der anderen Seite.

Frieder, der große Literaturkenner, lockert schließlich die Stimmung durch eine kleine literarische Showeinlage auf. Danach folgt dann doch ein vertrautes Gespräch, ein „abstinenter Selbstmörder“ sei Frieder nun, meint Höppner. Im Rahmen dieses Gesprächs entsteht die Idee, auf den Bauernhof von Frieders verstorbenem Großvater zu ziehen und dort die Schüler-WG „Auerhaus“ aufzumachen. Gesagt, getan. Über immer wieder eingespielten Videosequenzen wird der Zuschauer mitgenommen zum Einzug auf dem Bauernhof und das Leben in der WG. Das Leben scheint vor allem durch Alkohol, Sex und Drogen kennzeichnet zu sein. Auf der anderen Seite übernehmen die anderen Mitbewohner Verantwortung für den immer wieder suizidalen Frieder und damit gleichzeitig auch die Angst vor möglicher Schuld an seinem potentiellen Tod. Immer wieder wird die große Frage der Menschen in den Raum geworfen: Warum lebt man? Und immer wieder bleibt Frieder einem die Antwort schuldig.

Die Dialoge des Stücks sind immer wieder mit Humor und einer Prise Situationskomik gewürzt, was dem Stück ein bisschen seiner bedrückenden Atmosphäre nimmt. Allgemein ist das Stück gekennzeichnet durch schnell wechselnde Szenen. Sprünge in der Zeit und Wechsel der dargestellten Personen sind häufig und manchmal auch etwas verwirrend für den Zuschauer. Die beiden Schauspieler Stefan Herrmann und Eric Wehlan überzeugen aber mit ihrer fulminanten Leistung und sorgen so für eine große Sympathie für die Protagonisten. Eine weitere Besonderheit des Stücks ist die immer wieder auftretende Wiederholung von einzelnen Sätzen oder sogar ganzen Gesprächseinheiten. Dieser künstlerische Kniff nimmt den Zuschauer mit in das Gedankenrad, das Frieder so oft in seinem Kopf hat und dabei jede Kontrolle über seine Gedanken verliert. Als Zuschauer fühlt man die Verzweiflung, den Ärger und die Hoffnung auf ein Ende der Situation mit Frieder mit.

Hannes Weiler gelingt es mit dieser Interpretation der Buchvorlage die drängendsten Fragen der aktuellen Generation aufzuwerfen: Warum leben wir? Macht es einen Unterschied, dass es uns gibt? Und wie soll dieses Leben aussehen? Auf diese Fragen werden verschiedenste Antworten gegeben, nichts wird als ultimative Lösung präsentiert und aufgedrängt.

Am Ende bleibt einem vor allem die Erkenntnis im Gedächtnis, dass „100% leben nur geht, wenn man stirbt, aber dann ist es ja kein Leben mehr“. Bei der aktuellen gesellschaftlichen Verdrängung der Tatsache, dass der Tod zum Leben gehört, eine wichtige Erkenntnis. Denn so kann dem Leben dann doch wieder Sinn und Wert zugesprochen werden.

Weitere Vorstellungen: 24., 26., 27., 28. & 31. März 2019; 02., 03., 04., 07., 18., 23., & 26. April 2019; 02., 08., 09. & 11. Mai 2019 || ETA Hoffmann Theater Bamberg