Sagt mal, warum scheitern Utopien eigentlich immer?

von Anna Brodmann (9. Mai 2019)

© Jochen Quast


Am 3.5. feierte im Theater Erlangen „Farm der Tiere“ nach dem Roman von George Orwell Premiere. Doch was den Zuschauer erwartet ist keineswegs ein gewöhnliches Theaterstück. Mit der „Live-Film-Inszenierung von Klaus Gehre“ feuert das Ensemble des Theaters eine außergewöhnlich inszenierte Mischung aus Film und Theater, Bühnen- und Kameraarbeit, Schauspiel und Puppenspiel ab. Ein Stück über eine Utopie, das inszeniert ist wie eine Utopie - doch genau wie bei Orwell scheitert auch diese Utopie an einem bestimmten Punkt.

Die Handlung des Stücks dreht sich um Farmtiere, die irgendwann genug von der Unterdrückung haben und ihren Bauern von der Farm jagen. Jetzt wo sie frei sind, wollen sie ein neues selbstbestimmtes System aufbauen, in dem jeder frei und gleich leben kann. Doch Demokratie und Gemeinschaftsgüter sind anstrengend, verlangen Opfer und ziehen machthungrige Individuen an – und das System verkehrt sich langsam in sein Gegenteil.

Dementsprechend beginnt das Stück damit, dass in einer wundervollen Eröffnungsszene die Farm als einen eigenen kleinen Mikrokosmos mit exzentrischen Bewohnern vorgestellt wird. Die Kostüme der Schauspieler sind extravagant, glamourös, übertrieben und würden Drag-Queens alle Ehre machen. Sie passen perfekt zum out-of-box Konzept des Stückes und man kann sich an ihnen einfach nicht sattsehen. 

Die Inszenierung profitiert immens vom Kostümdesign, denn es harmoniert mit im ungewöhnlichen Ansatz einer Live-Film-Inszenierung, den Ich noch nie derart gut umgesetzt gesehen habe. Die Kamerabilder sind auch für sich allein genommen schön und zusätzlich noch sehr gut auf das Bühnengeschehen abgestimmt. So und nicht anders muss modernes Theater mit all seinen technischen Möglichkeiten funktionieren: technisches Können, vielschichtige Erzählweise und verschiedene Medien statt plumper Nacktszenen. Es ist nicht weniger als beeindruckend wie schnell und zielsicher die Atmosphäre auf der Bühne gewechselt wird, woran besonders die ungewöhnlich gute Beleuchtung einen Anteil trägt. Ob Schwarzlicht, Musik-Video-Beleuchtung oder Taschenlampen – alle Register kommen zum Einsatz und werden mit maximaler Wirkung eingesetzt. Ähnliches lässt sich für die zahlreichen Gesangsnummern sagen, die nicht nur wundervoll zur Drag-Aufmachung passen und sich schön ins Gesamtbild einfügen, sondern mit denen mich die Schauspieler auch nachhaltig beeindruckt haben.

Besonders eine Szene hat all diese handwerkliche Perfektion zusammengeführt: Eine Rotkäppchen-Hommage, während der die Oma mit den Kindern in den düsteren Wald geht. Das Ganze „ist eine therapeutische Übung, damit ihr versteht wie das Böse in die Welt kommt.“ Abgesehen vom absurden Witz und dem gut geschriebenen Drehbuch, spielen hier eine hervorragende Lichtgestaltung (die Oma mit Kasperle-Figur, ihre Kinder mit kleinen Figürchen im Hintergrund) und gute Kamerafahrten durch einen Modell-Wald zusammen. Und auch die Frage wie oft man den Witz „Lupus homo“ mit anschließendem Gekicher spielen muss, damit das Publikum anfängt zu lachen, wurde beantwortet. (5 Mal bis der erste Zuschauer mitgekichert hat.) Und wenn YoutubeGranny93 dann mit „Das Sein bestimmt das Bewusstsein – das könnt ihr eurer Oma ruhig mal glauben!“ ihre Lebensweisheiten abliefert, bekommt man ein Gefühl dafür, wie gutes Theater aussieht.

Von Traum zu Trauma

Doch nach dem Höhenflug kommt der Fall – leider auch in diesem Fall. Vor allem in der zweiten Hälfte der 2,5 Stunden langen Inszenierung wird deutlich, dass die handwerkliche Perfektion zu einem gewissen Preis erkauft wurde. Alle Details sind aufeinander abgestimmt und passen perfekt zusammen – doch leider gerät vor lauter Details die Handlung, die eigentliche Geschichte aus dem Fokus. Die mosaikartig angelegte Struktur wird dem Stück spätestens bei einer Kriegs-Szene zum Verhängnis, die weder inhaltlich noch stilistisch zum Rest des Stücks passt und die jemand, der das Buch nicht kennt, gar nicht erst mit der Handlung in Verbindung bringt. Wenn man die Vorlage kennt, weiß man den Querverweis sicher zu schätzen, doch für alle anderen ist der Kontrast viel zu hart und die Szene viel zu lang, um viel Sinn zu ergeben. Als dann vom Krieg direkt zum Drogenrausch-Rap geschwenkt wird, ist die Verwirrung perfekt und es fällt sehr schwer die Bedeutung dieses Rapp-Battles als Wendepunkt der Geschichte zu begreifen. Im Folgenden stellten sich zu viele Fragen, die sich letztendlich nur durch nachträglicher Lektüre einer Inhaltszusammenfassung von Orwells Roman beantworten ließen. Vor allem, dass die Figuren keinen unterscheidbaren Gruppen zugeordnet waren und nur die Namen von 3 Figuren überhaupt genannt wurden, ließ einige Loyalitätswechsel schlichtweg absurd wirken und führte bei so manchem Dialog für schlichtes Unverständnis.

Das Gefühl der zweiten Hälfte ist deutlich anders als zuvor und zeigt wie zu starkes Kürzen der Vorlage einer guten Inszenierung zum Verhängnis werden kann. Sicher ist es noch die Aufgabe eines Theaterstücks ein Werk nachzuerzählen. Neue inhaltliche Schwerpunkte sollen gesetzt und andere Blickweisen müssen eröffnet werden. Doch mehr Nähe zum Original hätte es in diesem Fall ermöglicht, den hervorragenden Weg der ersten Hälfte beizubehalten. 

Insgesamt muss eine Kritik deshalb eher durchwachsen ausfallen. Besucher, die einen guten Überblick über den Inhalt des Romans haben, werden wahrscheinlich weniger Schwierigkeiten haben sich in der zweiten Hälfte zurecht zu finden. Wer von Orwell allerdings noch nie etwas gehört hat, sollte vielleicht vorher kurz eine ausführliche Inhaltsbeschreibung zurate ziehen. Doch abgesehen davon steht Kennern wie Neulingen ein sehr überdrehter, unterhaltsamer Abend voller Drag, Kameraarbeit, Humor und Sozialkritik bevor, wenn sie in das Stück gehen.

Termine: So 12.05.2019, 18:00 Uhr, Mo 13.05.2019, 19:30 Uhr, Mi 05.06.2019, 19:30