„Verrückt, aber weise“

von Florian Grobbel (17. Mai 2019)

© Christian Martin

Nach eigener Erfahrung gehört Friedrich Dürrenmatts Die Physiker zu einer der beliebtesten Schullektüren. Das ist natürlich mehr als verständlich, schließlich ist es eine Komödie voller Morde, verrückter Typen und noch einer guten Prise Gesellschaftskritik. Kein Wunder also, dass sich immer wieder dazu entschlossen wird, Einstein, Newton und Möbius zu inszenieren. Jetzt bringt das e.g.o.n die Komödie zur Aufführung. Wir waren in der Premiere am 15. Mai, bei der das Publikum bis vor der Tür Schlange stand. Doch durch einiges Zusammenrücken konnte noch vielen der Eintritt ermöglicht werden. Glücklicherweise.

Das Stück findet im Salon des altehrwürdigen Sanatoriums „Les Cerisiers“ statt. Die einzigen drei Insassen, die hier noch leben, sind besonders interessante Fälle, da sie sich alle für legendäre Physiker halten. Da gibt es den stets geigenden Albert Einstein, den überkorrekten Newton und Johann Wilhelm Möbius, dem regelmäßig der König Salomo erscheint. Doch nicht nur ihre naturwissenschaftliche Passion verbindet die Männer, auch der Hang zum Morden ist bei allen drei Irren vertreten. 

So beginnt das komödiantische Drama mit dem Tod der liebenswerten Schwester Irene, die von Einstein erdrosselt wurde. Der Kriminalinspektor Richard Voß ist außer sich, da er gegen die Insassen nicht vorgehen kann und sich den Regeln der Leiterin des Sanatoriums Mathilde von Zahnd beugen muss. Doch auch Möbius wird auffällig. Nachdem er in einem Anfall des Wahnsinns seine Ex-Frau mitsamt Töchtern verscheucht, kommt die freundliche Schwester Monika daher, die ihn ganz und gar nicht für verrückt hält. Möbius bleibt nichts anderes übrig, als sie töten, um seinen Wahnsinn zu beweisen. Als kurz darauf die Sicherheitsmaßnahmen der Anstalt verschärft werden, stellt sich jedoch schnell heraus, dass die drei Herren nicht die verrücktesten Insassen der Anstalt sind und es sich bei Möbius eigentlich um den genialsten Physiker der Welt handelt, der gefährliches Wissen besitzt.

Ihr Spiel ist der Wahnsinn

Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei den Physikern um ein durchaus beliebtes Stück, das polarisiert und auch in seiner Urform eine spannende und unterhaltsame Lektüre bietet. Das schöne am e.g.o.n ist, dass sie in ihren Inszenierungen nah am Text bleiben und keine verquaste pseudo-moderne Interpretation bieten, wie es heute gerne mit Klassikern der Literatur gemacht wird. So wird dem Publikum ein überschaubares Bühnenbild geboten, das alle nötigen Requisiten enthält, ohne reizüberflutend zu sein. 

Der erste Akt hat nun die Schwierigkeit, dass sich Dürrenmatt hier äußerst viel Zeit lässt. Es gibt streckende Dialoge mit langen Gesprächsparts, in welchen die Handlung aber nicht wirklich weiterkommen mag und viel geredet wird. Treffende Beispiele sind die Gespräche zwischen Dr. von Zahnd und dem Inspektor oder der Ex-Frau von Möbius. Als Zuschauer hier zu folgen, während die Figuren statisch auf dem Sofa sitzen, strengt mit der Zeit an. An diesen Stellen hätte es ein bisschen mehr Pep, ein bisschen mehr Bewegung gebraucht und man weiß, dass das e.g.o.n. es eigentlich beherrscht, Situationen wie diese aufzulockern. Bestes Beispiel dafür ist die Eingangsszene, als der Tatbestand des Einstein-Mordes aufgenommen wird. Während sich der Inspektor und die Oberschwester Martha Boll hier unterhalten, fangen die drei Polizistinnen im Hintergrund an, Papierflieger zu basteln und lustig mit der Leiche für die Tatortfotos zu posieren. Das ist eine fantastische Idee, durch die der Text keine Einbuße macht, die Inszenierung aber um ein vielfaches reicher wird. Davon hätte man sich in der ersten Hälfte des Stückes mehr gewünscht.

Im zweiten Akt kommt Dürrenmatt deutlich schneller zur Sache und richtet den Fokus auf die titelgebenden Physiker. Das ist eine gute Gelegenheit die Leistung der Darsteller zu würdigen. Stefan Huber (Newton), Manuel Hintermayr (Einstein) und Christoph Pychal (Möbius) merkt man an, wie viel Spaß ihnen diese Rollen machen. Die Schauspieler schaffen es, jedem der drei Physiker einen ganz individuellen Wahnsinn zu verleihen, den sie enorm gut vermitteln. Im weiteren Verlauf des Stückes, als die Insassen ihr wahres Gesicht offenbaren, schalten die Darsteller blitzschnell zwischen Geheimagent und Geisteskrankem um, zum großen Gelächter des Publikums. Doch gleichzeitig gelingt es ihnen in ihren abschließenden Monologen, den Zuschauern – trotz fortschreitender Wärme im Aufführungsraum – ein wenig Gänsehaut in den Nacken zu zaubern. 

Auf den drei Physikern mag der Fokus des Stücks gelegen haben, doch die unfassbare Freude am Theaterspielen lässt sich auf das gesamte Ensemble übertragen, was man bei bisher jeder Inszenierung des e.g.o.n. spüren konnte. Egal, ob die Darstellerinnen und Darsteller eine Hauptrolle spielen oder nur zwei Sätze zu sagen haben, alle stecken ganz viel Herz in ihre Arbeit und das überträgt sich aufs Publikum.

Besonders erwähnen muss man noch die beiden Musiker, welche die Aufführung begleiten. Roger Meier an der Geige und Jonathan Wagner am Klavier entführen einen meisterlich in die Räumlichkeiten des „Les Cerisiers“ und untermalen das Geschehen mit Beethoven und Bach. Wieder eine dieser tollen e.g.o.n.-Ideen.

Fazit ist, dass man sich Die Physiker immer anschauen kann und das in dieser Inszenierung durch das Regieteam Alexandra Plechinger und Judi Müller-Reichert unbedingt auch tun sollte. Allerdings empfehlen wir, frühzeitig vor Vorstellungsbeginn da zu sein und sich einen Platz zu sichern.


Weitere Vorstellungen: 17. | 18. und 19. Mai 2019 || Beginn: 19:30 Uhr; Einlass: 19:00 Uhr || Alte Seilerei Bamberg