Die Gruselkabinette in uns
von Friederike Klett (3. Juni 2019)

 

© Kaufhold: v.li. Denis Grafe, Carlotta Freyer, Stefan Herrmann, Marcel Zuschlag, Iris Hochberger

 

Unser Justizsystem besteht – grob gesagt – aus dem Bestrafen von Straftaten, das scheint zuallererst einleuchtend zu sein. Wenn jemand eine Tat begeht, die gegen Gesetze und Vorschriften verstößt, gibt es ein Gerichtsverfahren und danach, falls die Tat dem Täter nachgewiesen wurde, eine Strafe in einer festgelegten Höhe. Juristisch mag das Gründe haben, die uns bewusst sind, wenn wir versuchen sie uns bewusst zu machen. Doch sollte unsere Moral, unser gesellschaftliches Wertesystem auch so funktionieren? Sollte unsere Ächtung von gewissem menschlichem Verhalten ebenfalls nach dieser Maxime des Verstoßes und des Beweises ausgelegt sein? Das E.T.A. Hoffmann Theater sagt in der Inszenierung von Enis Macis Stück Mitwisser ganz klar: Sollte sie nicht. Und hat gute Gründe dafür.

Das Bühnenbild im Studio des Theaters besteht zunächst aus riesigen Heuschrecken mit leuchtenden Augen. Augen sind wichtig, weil sie sehen, was wir später wissen werden. Die Schauspieler, Carlotta Freyer, Denis Grafe, Stefan Herrmann, Iris Hochberger und Marcel Zuschlag betreten die Bühne mit heuschreckenartigen Bewegungen. Schnell wird klar, dass das Stück ein Rundumschlag in unserer Gesellschaft, aber auch in anderen Gesellschaften werden soll.

Die Kostüme, die von der Regisseurin Elsa-Sophie Jach gemacht wurden, sind durch ihre moderne und gleichzeitig klassische Ästhetik besonders hervorzuheben. Der Prolog, der sich ein wenig zieht und zuerst verwirrt, geht dann in eine Partyszene über, in der Plastikjacken- und Hosen getragen werden und das Bühnenbild von zwei Heuschrecken in das Haus verwandelt werden, in dem ein Teenager in Florida seine Eltern umgebracht hat.

Werden in der Inszenierung erst einmal die vier Geschichten erzählt, die von Morden, einem Wehrversuch einer jungen Frau, die ihre Würde zurückhaben möchte und einem Knallkopf, der zu ISIS geht und wieder zurückkommt, aber radikal bleibt, handeln, fliegt die Zeit auf der Zuschauerseite davon. Es ist fast so, als hätte das Stück etwas zurückgebracht, das immer öfter im hiesigen Theater fehlt: das Erzählen. Natürlich sind Geschichten, die von Tötungen handeln für uns Menschen interessant, anders wäre die Fülle an Kriminalromanen, die jährlich erscheinen nicht zu erklären. Doch Enis Macis Stück will eine andere Perspektive einnehmen, nicht die der Täter, nicht die der Opfer, sondern, wie der Titel sagt, die der Mitwisser.

In dem Mordfall des Jungen aus Florida geht es um seine Freunde, die nicht misstrauisch werden wollen, oder auf einmal den Schutz der Privatsphäre für sich entdecken, um auf der Hausparty in dem sonst recht langweiligen Örtchen unbeschwert feiern zu können. Die zweite Geschichte spielt in der Türkei, in der eine Frau ihren Serienvergewaltiger tötet, um sich und ihre Familie zu retten. Sie ist schwanger und wird gezwungen das Kind auszutragen. Es geht um die Öffentlichkeit, die das Märchen, von der verliebten Frau glaubt, die den Mann, den sie wollte, nicht kommen hat.

Die beiden letzten Geschichten spielen – zumindest wesentlich – in Deutschland. Ein Fußballklub, der über eine sehr rechte Fangemeinde verfügt, wird dargestellt. Die Inszenierung bedient sich hier dem Bestseller Er ist wieder da von Timur Vermes und zeigt ähnliche Interview Situationen von scheinbar ganz normalen Leuten, die sich als Nazis entpuppen. Leider konnte schon der Roman nicht durch Intelligenz glänzen, sondern bot nur eine gemütliche Verharmlosung der NS Verbrechen. Die Zuschauer an dem Abend im E.T.A. Hoffmann Theater zeigen mal wieder, dass man in Deutschland ganz herzlich und frei lachen kann, wenn man glaubt zwischen einem selbst und dem Ausruf „Türken wegficken“ läge noch eine Metaebene.

Zuletzt wird von einem sehr durchschnittlichen jungen Mann erzählt, der zum Islam konvertiert, sich rasant radikalisiert und nach Syrien geht, um für Daesh zu kämpfen. Als er zurück nach Deutschland kommt wird er in einem Gerichtsverfahren milde bestraft und heiratet später seine Exfreundin. Es geht hier um die Menschen, die eigentlich wissen, dass er nicht weniger radikal und seine Frau eine weiße Witwe ist.

Das Stück kommentiert sich zwischen den einzelnen Geschichten selbst und rückt dabei die Wichtigkeit dieser exemplarischen Vorfälle in das richtige Licht. Die Mitwisser werden mit den Bewohnern von Weimar verglichen, die „auf ihren dünnen Schuhen“ durch das Lager laufen, nachdem es sich selbst befreit hat. Gleichzeitig kommt die Referenz des „Gruselkabinetts“, das sich die Besucher als touristischen Zeitvertreib ansehen. Wenn es gesellschaftlich nicht geächtet wird, sind wir alle Mitwisser, ohne uns jemals dabei schlecht zu fühlen. Das Stück gibt auch die Antwort auf dieses Problem dazu: Mitwissen muss nicht bloß geächtet sein, sondern juristischer Straftatbestand werden.

Auf der Bühne sagen am Ende alle im Chor: „Wir sagen Gerechtigkeit dazu, wie Kinder zu einer Pfütze Meer sagen.“