Der „vortreffliche Melancholikus" und die, die Automat genannt wird
Von Anna Breuninger (10. Juni 2019)

 

 © Konrad Fersterer

 

Hatten Sie schon einmal ein Déjà-Vu oder einen Traum der täuschend real schien? Dann sehen Sie wie einfach es geschehen kann die Realität mit der Imagination zu verwechseln. Die Wahrnehmung hat zwei Welten, wie auch der zweite Themenstrang im Stück, der der Idee nachgeht, was den Menschen zum Menschen macht. Also wann endet das Humane und wann beginnt das Künstliche?
Das facettenreich inszenierte Theaterstück "Der Sandmann" unter der Regie von Clara Weyde geleitet, ist durch und durch eine treffliche Hommage an und im Sinne des Schreibers E.T.A. Hoffmann, der selbst Zeichner, Schriftsteller und Komponist war.

In der Handlung Hoffmanns geht es um den jungen Protagonisten Nathanael, der sich in seiner Kindheit vor dem Sandmann ängstigt. Er ist überzeugt davon, dass der Advokat Coppelius, der des Öfteren nächtlich den Vater besucht, um mit jenem alchemistische  Experimente durchzuführen, zugleich den schaurigen Sandmann verkörpert. Nathanael vermutet, dass Coppelius nicht ganz unschuldig daran ist, dass sein Vater eines Tages bei einem dieser Experimente tödlich verunglückt. Der inzwischen erwachsen gewordene studierende Mann, der sein Kindheitstrauma überwunden zeigt, befürchtet bei der Begegnung mit einem an Coopelius-erinnernden Wetterglashändler, jener könnte mit dunklen Kräften erneut seine Existenz vernichten. Sich hypochondrisch verfolgt geglaubt, scheint Nathanael zwar den Sandmann zu durchschauen, der es auf Menschenaugen abgesehen hat. Doch der junge Mann wandelt unaufhörlich zwischen realer und fantastischer Welt. Niemand begreift seine Sicht Ernst zunehmen. Dadurch eröffnet sich Nathanael schon selbst der Gedanke, dass man Vernunft brauche und er nicht als alleiniger melancholischer Philister umhertreiben wolle. Nur die engelsgleiche zum Leben erweckte Puppe Olimpia, welche im Kontrast zum Originalwerk im Theaterstück als lernende Künstliche Intelligenz dargestellt wird, scheint ihn als träumerisches Gegenüber, zu verstehen. Sie, als „Automat“ bezeichnet, zeigt ihm Verständnis und hinterfragt seine Realität nicht. Er erkennt teilweise sogar etwas von sich selbst in ihr. So verliebt sich Nathanael, der eine, ihn ebenfalls nicht ernstnehmende, Verlobte hat, in Olimpia. Denn Olimpia richtet sich auf der Bühne zu ihm mit den Worten: „Wir wähnen uns frei, aber wir dienen nur dunklen Mächten zu grausamem Spiel.“

Als Zuschauer keimen dadurch allmählich Fragen auf: Ist also Nathanael das Opfer einer bösen Kraft? Oder neigt ein enorm empathischer junger Mann mehr und mehr in seiner Imagination zu leben? Das Ende bleibt offen für Interpretationen. Denn E. T. A. Hoffmann verschleiert gekonnt in seiner schwarzen romantischen Erzählung klare Grenzen zwischen Einbildung, Traum und Realität.

Brillant und gekonnt wurde Hoffmanns Erzählung, die hauptsächlich aus drei Briefen und einer Handlungsweiterführung durch einen fiktiven Erzähler, an die Leser gerichtet, besteht, zum eine Stunde fünfzig -Bühnendrama mit diffizilen Dialogen umgeschrieben.
Der verwirrend scheinende Ablauf birgt definitiv einen roten Faden.

 Das expressive Theaterstück birgt eine Achterbahn der Gefühle für den Rezipienten, denn er gerät in den Genuss von Heiterkeit über amüsante Stellen bis hin zu packenden, mitreißenden und bedrückenden Momenten. Dies ist garantiert durch die beeindruckende schauspielerische Leistung von Maximilian Pulst, in der Hauptrolle des Nathanael, Felix Mühlen als Sandmann/ Coppelius, wie auch Pauline Kästner als Olimpia u.v.m..

Eine auf jede Szene angepasste, atmosphärische Lichtinszenierung wird von Tobias Krauß erzeugt. Ein für die schwarze Romantik sprechendes, düsteres, auf das Wesentliche reduziertes, streng wirkendes und stilvoll gekonntes Bühnenbild wird durch David Hohmann erzeugt. Jener schafft beispielsweise eine Parallelitätsillusion von der Fantastik und Realität durch ein gespiegeltes Bühnenbild, welches durch synchronisiertes Schauspiel dargestellt wurde. Die kontrastiv zum Bühnenbild gestaltete Kostümierung durch Clemens Leander irritiert zuerst, erinnert dann aber, spannender Weise, an Crash Test DummyFiguren-Kostüme. Sie spielen auf eine konforme Gesellschaft an, brechen aber gleichzeitig mit ihr, da sie präzise auf Individualität mit Farbausdruck eingehen.

Choreographischer Glanz entsteht durch die Einwirkung José Hurtados, der unter anderem mit einer geplanten Einbindung eines fulminanten Suizids des Protagonisten, zu Beginn des Theaterstücks, den Rezipienten in medias res in die Dramenhandlung einführt.

Insgesamt, ein enorm vielseitig kreativ gestaltetes und visualisiertes Stück, welches in sich rund und stimmig ist. Ein Stück, das in sämtliche Rollen einzufühlen einlädt, zu gesellschaftskritischem Denken anregt und Lust auf mehr Rezeption macht.