Die Leere des Einzelnen

Von Sebastian Meisel (13. Juli 2019)



 © Denis Meier

Mit der Premiere des Stückes Die Republik der Schlaflosen betritt das Wildwuchs-Theater ein schwieriges Terrain. Dass dieses Wagnis durchaus gelingen kann, wird am Premierenabend sehr deutlich.

Kennt man das eigentlich noch? Das Telefon klingelt und man weiß nicht, wer am anderen Ende ist? Ein Unbekannter, die große, die vergangene Liebe? Oder doch nur der nervende Kollege, der von seinem Tag erzählen will? In Zeiten der digitalen Allverfügbarkeit scheint dies wie eine Geschichte aus der Vorzeit. Aber dennoch spiegeln sich auch hier die zentralen Fragen der modernen Menschheit.

Aber der Reihe nach: Anlässlich der diesjährigen Poetikprofessur hat sich das Ensemble die Verarbeitung des Köhlmeier-Romans Nachts um eins am Telefon auf der Bühne vorgenommen. Das ist in vielerlei Hinsicht eine Premiere, denn, soweit man es recherchieren kann, ist dies die erste dramatische Umsetzung des Werkes. Es ist, wenn man Köhlmeiers Prosa kennt, sicherlich keine leichte Aufgabe. Figuren erscheinen nicht nur einmal, sondern finden sich in verschiedenen Romanen immer wieder, gehen andere Verbindungen ein, tauchen auf und verschwinden.
Die Republik der Schlaflosen ist hier in mancher Hinsicht anders. Eine überschaubare Anzahl an Figuren führt dabei eine Art Kammerstück auf. Die Handlung scheint banal: Es geht um Anrufe. An wen? An alte Lieben, an Freunde, an Wildfremde. Im Zentrum der Handlung steht ein Erzähler, über den man erst im Laufe des Stückes etwas mehr erfährt. Er telefoniert, vor allem mit seinem Freund Caligula, der eigentlich (oder vermeintlich?) Richard heißt. Die beiden kennen sich offensichtlich schon einige Zeit, man könnte sie sehr wohl als Freunde bezeichnen, auch wenn dem Betrachter immer wieder klar wird, dass diese Zuschreibung nicht unbedingt stimmig ist. Aber auch andere Figuren treten auf und sprechen mit dem Erzähler – Bekannte und Unbekannte. Ist das schon genug für ein Stück? Kann eine so einfache und doch tiefgreifende Handlung wie das Führen eines Telefongesprächs schon ausreichen, um anderthalb Stunden zu füllen?

Die Frage nach dem Sinn als Kammerstück

Die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Das liegt wiederum nicht nur am Stück selbst, sondern auch an der hervorragenden Leistung der beteiligten Schauspieler. Insbesondere Johannes Haußner als Protagonist ist hierbei hervorzuheben. Es gelingt durchaus selten, vielleicht zu selten, dass man als Zuschauer unmittelbar in den Bann einer Aufführung gezogen wird. Dieses Stück schafft genau das. Dies liegt ebenso aber auch an der Qualität von Marius Priester und Mirjam Stumpf, die es, auf ihre eigene Art schaffen, die Figuren glaubhaft und nahbar zu machen, ohne dabei hinter der Präsenz von Johannes Haußner zurückzufallen. Das Trio schafft es dabei, die unmittelbare Botschaft, sofern man davon sprechen kann, nicht nur zu vermitteln, sondern erlebbar zu machen. Man muss sich dabei daran erinnern, dass man es in der Vorlage kaum mit einer linearen Handlungsabfolge zu tun hat. Ganz im Gegenteil sind mache Szenen geradezu grotesk und wirr, immer wieder wird vom Zuschauer abverlangt, eine neue Situation, eine neue Zeitlinie zu realisieren, Verknüpfungen zu ziehen und Kontexte zu verstehen. Das ist durchaus nicht negativ zu verstehen, aber vom Zuschauer wird tatsächlich etwas abverlangt, eine gemütliche Konsumhaltung ist hier schlicht nicht möglich. Aber was ist eigentlich nun der Sinn des Ganzen? Es geht um die großen Frage der (Post-)Moderne: Die Vereinsamung des Individuums, das tagtäglich mit so vielen Menschen konfrontiert ist; die innere Leeren des Großstadtmenschens, gespeist aus Kälte und Empathielosigkeit des Elternhauses; der verzweifelte Versuch, diesem Leben zu entkommen, um schließlich festzustellen, dass es keine Lösung hierfür gibt.
Also ein Stück voller Pessimismus? Nicht nur. Zwar werden diese Fragen in der fast klaustrophobischen Enge der Bühne durchdekliniert, aber gleichzeitig schimmert immer wieder die Hoffnung durch. Auch das von sich selbst entfremdete Subjekt hat seinen universalen Anspruch auf Liebe und Geborgenheit noch nicht verloren, es ist noch nicht alles gleich-gültig. Vielmehr berührt die Betrachtung in bester Schillerscher Tradition die Empathiefähigkeit des Zuschauers. Die unvermeidliche Frage, die man sich hierbei stellt, ist, ob das eigene Leben nicht auch so sei – nur anstatt des Griffs zum Telefonhörer der Blick auf das Display des Smartphones in der Hoffnung auf eine weitere WhatsApp-Nachricht. Genießt man dabei nicht aber auch die Stille der Distanz? Die Ungebundenheit der sozialen Bindung? Kann diese Isolation in den eigenen vier Wänden nicht auch positiv sein?
All diese Fragen werden im Stück nicht gelöst, vielmehr verbleibt das Stück in einer ungesagten Aporie, die aber dennoch einen wichtigen Effekt hat: Der Zuschauer wird in eine Reflexion im wahrsten Sinne des Wortes geworfen. Die fehlende Nähe zwischen den Figuren wird durch ein buchstäbliches Zusammenrücken des Publikums als Gesamtkörper überbrückt. Man fühlt sich dabei auch der Bühne, den Protagonisten und ihren Rollen nahe, als wolle man versuchen, die Leere hier wieder aufzufangen. Katharsis als Kollektiverfahrung. Dass dieses Gesamtkunstwerk funktionieren kann, liegt auch an der Ausgestaltung des Bühnenbildes, in seiner minimalistischen und doch bestimmenden Stellung auf der Bühne, das damit aber auch – was nicht immer geschieht – durchaus sinnvoll in das Stück integriert wird.
Man sieht an diesem Beispiel sehr anschaulich, was gewonnen werden kann, wenn man sich nicht vor schwierigen Werken sträubt.

Die nächsten Aufführungen finden am 13. und 20.07 statt, und, wie zu hoffen ist, auch nach der verdienten Sommerpause.