Wenn das Theater zum Konzertsaal wird – Bombenhits ‛68. Revolte, Rausch und Liedertausch

von Sebastian Meisel (01. Oktober 2019)


                                                                     
© Jochen Quast

Wie oft wünscht man sich, dass das Theater eine Tanzfläche hätte? Eine ungewöhnliche Frage, aber bei der Premiere von Bombenhits ‛68. Revolte, Rausch und Liedertausch im Erlanger Markgrafentheater war dies tatsächlich der Fall.

Es als "ungewöhnliches Stück" zu bezeichnen, wäre sicher zu kurz gegriffen. Womit hat man es eigentlich zu tun? Mit einem Musical? Einem Konzert? Oder doch mit einem Theaterstück, das zumindest den Anspruch erhebt, eine Aussage über die Gegenwart zu treffen?

Aber der Reihe nach: Der Zuschauer wird in die Hochzeit der politischen Eruptionen versetzt, die unsere Gegenwart bis heute prägen: Vietnam. Woodstock. Der Kalte Krieg. Der Wunsch nach Frieden. Rebellierende, junge Menschen. Erkennt man hier schon die Parallelen? Man muss vorsichtig sein mit diesen Gleichsetzungen, aber dazu gleich mehr. Die Handlung spielt vorgeblich im Dschungel Vietnams, in dem – wie beim erfolgreichen TV-Produkt „Das Tauschkonzert der Stars“ – verschiedene Künstler die erfolgreichen Hits der jeweils anderen vortragen. Aber nicht nur irgendwelche B- und C-Promis, sondern die Großen ihrer Zeit. Mit dabei: Elvis, Aretha Franklin, Heintje, Mick Jagger und John Lennon sowie der stetig abwesende Bob Dylan. Im Stile klassischer deutscher Musikshows der damaligen Zeit – sicher war hier Disco mit Ilja Richter ein Vorbild – werden die Stars zu Beginn einzeln aufgefordert, die Songs zu singen. Dabei merkt man dem Moderator seine Befremdung mit den wilden und subversiven Künstlern jenseits des großen Teichs durchaus an. Der deutsche Star ist Heintje, der kreuzbrave Idealsohn, der in das konservative Milieu am Ausgang der 60er Jahre perfekt passt.
Aber gelobt sei, was sich verkauft. Daher dürfen die Künstler für den Frieden singen. In Vietnam. Denn wo könnte man besser für die Völkerverständigung, für den ewigen menschlichen Traum nach Weltfrieden werben, als mitten im Kriegsgebiet? Dass diese Veranstaltung im Grunde nur das Hochamt des Werbekapitalismus ist, wird auch auf der Bühne schnell klar, spätestens wenn Werbung für die typisch deutschen Produkte wie "Echt Kölnisch Wasser 4711" gemacht wird. Schnell verschwindet der Moderator, der Krieg rückt näher, wie dem Zuschauer immer wieder durch Schussgeräusche und Bombenabwürfe verdeutlicht wird. Also bleiben dort die Sänger zurück, und sie tun das, was ihnen wie ein Pawlowscher Reflex eingeübt wurde: Sie singen einfach weiter. Der mittendrin auftretende Andy Warhol beteuert zwar immer wieder, dass die Show vorbei ist, aber wann ist die Show im ewigen Kapitalismus jemals vorbei?
Aber diese Lieder haben es in sich. Die Klassiker der Protestgeneration werden auf überragende Art und Weise von den Schauspielern gesungen. Die Stones, die Beatles, Velvet Underground. Das animiert nicht nur zum Mitsingen, es wird tatsächlich auch getan. Man sieht es selten, dass das Publikum schon ab der ersten Minute begeistert den Kopf mitbewegt. Applaus beendet fast immer die Darbietungen – und schon fragt man sich, ob man nicht doch bei einem Konzert gelandet ist.
Erschöpft sich damit schon die Handlung? Ja – und Nein. Tatsächlich werden dem Zuschauer im Grunde nach der ersten halben Stunde und der Flucht des Moderators nur noch die Lieder selbst geboten. Es tritt keine Erzählstimme auf, kein Beobachter, der die Szenerie zusammenhält. Von einzelnen Ausbrüchen der Darsteller abgesehen, reiht sich ab hier Lied an Lied. Ohne Frage ist das ein interessanter Schachzug. Aber neben einem Vorteil ergibt sich auch ein wesentlicher Nachteil oder zumindest eine Gefahr. Zuerst das Positive: Die Konstruktion der Rahmenhandlung wird nun vollständig in die Verantwortung des Zuschauers übergeben. Sie oder er muss in der kommenden Stunde die unterschwellige Handlung konstruieren, muss sich selbst zur Aufmerksamkeit zwingen, um nicht im guten Gefühl des Austausches bekannter Lieder stecken zu bleiben. Das zieht aber auch gleich die Gefahr nach sich: Kann dies immer und unausweichlich gelingen? Es kommt hierbei auf den Rezipienten an. Wie die Popmusik generell, ist auch dieses Stück gespickt mit Anspielungen, Querverweisen und Relationen zu anderen Stücken der Populärkultur, aber auch zu der politischen Situation. Kann man dies alles verstehen und einordnen? Es ist zumindest keine leichte Aufgabe, die vor allem nur gelingen kann, wenn man sich immer wieder vergegenwärtigt, dass man in einem Theater und eben nicht in einem Konzert ist.
Das wohlige Gefühl, nur über den Konsum der Musik schon auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, kann sich schnell einstellen. Aber genau das ist eben nicht die Aussage des Stückes. Vielmehr zeigte sich an dieser vielleicht größten Generation von Künstlern, wie prekär der Schrei nach Revolution und Veränderung ist. Alle Sängerinnen und Sänger sind gebrochene Figuren. Elvis, an Verfettung und Drogenmissbrauch letztlich zugrunde gegangen, nachdem man ihn wie ein Tier in Las Vegas ausstellte. Mick Jagger, nur noch eine Karikatur seiner selbst. Heintje, der gebrochene Kinderstar, dem danach nie wieder etwas gelingen sollte. John Lennon, 1980 erschossen, nachdem er sich schon vorher mit immer esoterischeren Projekten auseinandersetzte. Einzig Aretha Franklin ereilte ein solches Schicksal nicht. Aber war sie nicht nur das Aushängeschild der Branche, um behaupten zu können, man sei doch "divers" und "antirassistisch"? Es zeigt sich der tiefere Sinn der Handlung: Auch die Revolution, der Wunsch nach Liebe für alle, ist im Kapitalismus nie ehrlich rein. Sie ist ebenfalls ein Konsumartikel, den man, ohne eine Gefahr einzugehen, gepresst auf der Schallplatte – damals – und heute über sein Smartphone, dessen Bestandteile aus den schlimmsten Ausbeuterunternehmen stammen, genießen kann. "Stop making stupid people famous" sagte Warhol auf der Bühne. Ja, aber darauf beruht eben das Konzept dieser Branche. Auch in Vietnam zeigt sich, dass gegen die mörderische Faktizität der Bomben und der Gewehre auch das schönste Friedenslied nicht ausreicht. Am Ende ist es nur eine Beruhigung für den Konsumenten. Ein reines Gewissen gegen einen kleinen Aufpreis. Der Krieg bleibt dennoch Spektakel im Hintergrund, ist ebenso und vielleicht notwendig Teil der Popkultur.
Dies alles wurde in Erlangen erzählt. Am Ende bleibt nur ein rundum gelungener Theaterabend, an dem man vor allem den Mut bewundern kann, dass sich ein Theater ein solches Stück traut. Mit überragenden Schauspielern, die ihre Rollen nicht nur glaubhaft verkörpern, sondern auch phänomenal singen. Mit einem äußerst gelungen Bühnenbild. Mit einem ehrlichen Appell am Ende. Wer es schafft, sollte dieses Stück, das so viel über die die gegenwärtigen Parallelen zur Zeit der Jugendrevolte – im Guten wie im Schlechten – erzählt, sehen.

Weitere Aufführungen: 10.10. und 11.10., 19.10. und 20.10., 18.11. und 19.11. sowie 30.12. und 31.12.