Identitätssuche im Waschsalon

von Tabea Lamberti (07. Oktober 2019)

© Konrad Fersterer

 

Das Nürnberger Staatstheater zeigte am 05.10.2019 Ceren Ercans I love you, Turkey! und beweist, wie Humor und Ernst gelungen Hand in Hand gehen können.
Erstmals beim Internationalen Istanbuler Theaterfestival 2017 vorgeführt, erreicht Ercans Stück nun auch Deutschland und stimmt damit in eine Politdebatte ein, die an Aktualität nicht eingebüßt hat.

"Ausnahmezustand, Aushaltezustand, Ausbadezustand" – Schreiend wird I love you, Turkey! eröffnet und gleichzeitig der Tenor des weiteren Verlaufs angekündigt.

Die Handlung des Stücks ist schnell erzählt: Fünf junge Menschen treffen in einem istanbuler Waschsalon am Taksim-Platz aufeinander. Eine vermeintlich zufällige Zusammenkunft - das Wasser im Haus wurde abgestellt - entpuppt sich schnell als Bestandsprobe: Was bedeutet es, in einem Land zu leben, in dem Homosexualität, politische Aktivität und Kampf um Gleichberechtigung zu Überwachung, Verfolgung und Inhaftierung führen können?

Diese Fragen werden anhand der fünf Protagonist*innen und ihren Perspektiven durchgesprochen und beleuchtet. Da ist die junge Übersetzerin, die sich nun schon seit 92 Tagen aus Protest nicht duscht. Ihre Nachbarin, Journalistin und alleinerziehende Mutter, die ihren Sohn Widerstand (türkisch direniş) nannte. Eine Wissenschaftlerin, die von ihrem Freund verlassen wurde, der nur noch ein "Es tut mir leid, aber ich will hier weg" übrig hatte sowie der Waschsalonbesitzer, der sich als regierungstreue Überwachungsinstanz präsentiert. Abgerundet wird das Quintett mit einem homosexuellen Influencer, der in seinem Channel Tipps zu "Wie man sich in der Türkei in der Öffentlichkeit unauffällig verhalten kann" gibt.

In abwechselnden Szenen, die mehr Monologen der einzelnen Figuren gleichen, wird anhand von Rückblenden und Erinnerungen die zentrale Frage besprochen: Wie lebt es sich in einem Land, in dem die Freiheit der Einzelnen zunehmend beschnitten wird? Bleiben oder gehen? Schweigen oder kämpfen?
So sorgt ein T-Shirt in der Wäsche mit der Aufschrift "H E L P!" von den Beatles für Aufregung. Dass solche ernsten Fragen durchaus humoristisch behandelt werden können, beweist die Inszenierung von Selen Kara. So bleiben die kulturellen-internationalen Highlights der Türkei, wie die Teilnahme am Eurovision Song Contest im Jahr 2003, nicht unerwähnt: Die Performance, auf Türkisch, wird durch die starke Leistung der Schauspieler*innen Süheyla Ünlü, Lea Sophie Salfeld, Amadeus Köhli, Lisa Mies und Nicolas Frederick Djuren, die ebenfalls zeitweise zweisprachig spielen, untermalt und zugleich zum unterhaltsamen Vergnügen.

Wenn Schweigen nicht aus Angst entsteht

In gut 80 Minuten wird auf erfrischende Weise nicht nur nach nationaler Zugehörigkeit gesucht, sondern auch Identitätsstiftung auf globaler Ebene betrieben: "Ist Selbstfindung in diesem Land, aber auch in dieser Welt möglich?".
Die gemütliche Wohnzimmeratmosphäre, in der Platz zum Diskutieren und Kritisieren zu sein scheint, wird von dem großartigen Bühnenbild (Lydia Merkel) - getreu dem Motto: Weniger ist mehr - des Waschsalons mit schleudernd-blinkenden Waschmaschinen und farbig-aufleuchtenden Fließen untermauert. Die Handlung wird von türkischen Untertiteln begleitet, die türkischen Songs mit deutschen Untertiteln unterlegt. So entfaltet sich auf wunderbare Weise ein bunter Mix, der das Potenzial hat, die Zuschauer*innen mitzureißen.  

Kurzweilig, stark und intensiv

Durch hauchfeine Nuancen, zwischen Ernsthaftigkeit, Ironie, Kritik und Unterhaltung, wird das Stück zur spannenden Herausforderung an alle, die sich ähnliche Fragen stellen.
Wenn am Ende gefragt wird: "Wo sind die Menschen hin? Sind denn alle weggegangen?" scheint die Antwort doch auch irgendwie klar zu sein: "Wir gehen nirgendwo hin." Denn obwohl auch Angst herrscht, hat man das Gefühl, nicht einfach weggehen zu können: Immerhin heißt der Titel nicht umsonst I love you, Turkey!.
Dennoch, und dies scheint entscheidend, lautet der Schlusssatz: "Sie will nicht länger schweigen."
Geschwiegen wird mit diesem Stück sicherlich nicht und es bleibt abzuwarten, wie das Publikum auf solch geballte Ausdrucksstärke reagiert.


Weitere Termine:  Mi., 09.10.2019, Fr., 25.10.2019, Do., 07.11.2019, Sa., 16.11.2019, Sa., 30.11.2019, Sa., 07.12.2019, Mi., 18.12.2019, Sa., 08.02.2020, So., 22.03.2020, So., 29.03.2020